Holly HerndonMovement

Am Anfang ist das Rauschen. Wie Sanddünen im Wind fisselt es erst links, dann rechts, schwingt sich mit immer höherer Frequenz hin und her. Dann Bassimpulse, Oszillationswellen, kontrolliert beugt „Terminal“ einen Teil seines Maschinenkörpers nach dem anderen. Doch irgendwo ist da noch etwas anderes auszumachen: Eine Stimme.

Holly Herndons Album „Movement“ ist keines, das sich präzise charakterisieren lässt. Manche ihrer Stücke sind abstrakt, manche konkret, über eine gute halbe Stunde geben sie so viele Ansichtswinkel (und wirken über Kopfhörer auch noch ganz anders als über Lautsprecher im Raum), dass sie wie ein Prisma bei jedem Hören einen neuen Eindruck zu hinterlassen vermögen. Und doch steckt eine sichere Hand dahinter, wirkt eine Reorganisation ihrer Komponenten wie im Eröffnungsstück bestimmt, wenn der Körper der Musik sich wie eine portugiesische Galeere als lose verbundenes Glied- und Organkonglomerat erstreckt.

Sofort erkennbar ist die Absicht hinter „Fade“, einer wundervoll halldurchzogenen House-Nummer, die nicht nur sich selbst, sondern auch andere bewegen soll. Ob hier oder im ebenfalls geradlinig-beatgeführten Titelstück, in dem melodische Bleeps links, rechts und mittig fest im Stereo-Raum positioniert aufblinken, ist der rote Faden von „Movement“ dabei die Stimme. Oder zumindest das, was einem Stimmorgan entströmt: „Breathe“ erkundet sinnlich menschlich und cyber-moduliertes Ein- und Ausatmen, lässt verschieden gepitcht-gestreckte Stöhner geisterhaft ineinander- und in synthetisierte Ströme überfließen. Im finalen „Dilato“ seziert, prozessiert und rekombiniert Herndon nicht mehr als das titelgebende Wort, erweckt mit dem intensivierten und multiplizierten Vibrato von Sänger Bruce Rameker Drone-Qualitäten, die ihre eigene metallisch verblubberglitchte Stimme auf dem vorhergegangenen „Interlude“ kontrastieren.

Während Laurel Halo auf ihrem diesjährigen Album über Schönheit oder Nichtschönheit der natürlichen oder digital tune-korrigierten Stimme meditierte, scheint Herndon schon weiter, jenseits der maschinellen Singularität: „Movement“ fragt nicht „ob“ und „wie weit“, sondern: „Was geht alles noch?“

77

Label: RVNG Intl.

Referenzen: White Noise, Laurel Halo, Meredith Monk, Florian Hecker, Morgan Geist, Ital

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VÖ: 16.11.2012

Ein Kommentar zu “Holly Herndon – Movement”

  1. Auch wenn es anscheinend schwer zu beschreiben ist, das liest sich so, als könnte es mir gefallen. Bin ich leider noch gar nicht zu gekommen in den letzten Wochen.

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