Jenseits allen guten Geschmacks: New New Age

Die letzten Jahre haben es mal wieder gezeigt. Es scheint keine Musikform zu geben, deren Ruf nicht rehabilitiert werden könnte: Yacht und Soft Rock, Synth Pop, Italo Disco, Balearic, Goth, Euro-Dance, nichts was vor Jahren noch als Geschmacklosigkeit der 70er, 80er und 90er galt scheint mehr tabu zu sein wenn nur einmal die richtige Wiederaufbereitung erscheint. Doch noch gibt es ein Genre, das kaum jemand zu verteidigen wagt: New Age.

Dabei gibt es Anzeichen dafür schon länger. Von jeher enthält die Musik von Sigur Ros Aspekte von New-Age-Musik, sie finden sich in der zweiten Hälfte von „Kaputt“, u.a. bei Oneohtrix Point Never, jj, Animal Collective, Julianna Barwick, Gang Gang Dance (und sowieso deren Idolen Boredoms) … Überhaupt appropriieren momentan viele KünstlerInnen in Kleinlabel-Nischen, die Blogs wie Altered Zones Massen an obskurantistischen Themen bieten, New-Age-Ästhetiken.

Aber keine Sorge, dies soll keiner jener hirnlosen Hypetexte sein, der sich aus drei Anzeichen einen großen Trend zusammen reimt. Wir sind hier ja nicht im Printjournalismus. Vielmehr soll aber die Frage erlaubt sein: Was ist eigentlich so schlimm an New-Age-Musik? Womit wir zuerst auch schon bei der schwierigen Frage wären: Was ist eigentlich New-Age-Musik, wie klingt sie, woran erkennt man sie?

Wer üble Vorurteile gegenüber New Age hat, wird nicht groß stöbern müssen um sie bestätigt zu finden: Eine Youtube-Suche fördert direkt Videos wie das obige zutage, heile-Welt-Montagen zu ultranettweicher Dutzendware gegen die jede Fahrstuhl-Muzak wie Tim Hecker erscheint. Bedenklich dürfte für viele sein, dass in diesem Genreidyll wirklich alles als positivistische Berieselung einwirken soll, ein Affront gegen bewusstes Hören und kritische Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Werken. Tatsächlich sind Beschreibungen in New-Age-Rezensionen sehr oberflächlich und unabwertend gehalten, die funktionalen Qualitäten der Musik werden hervorgehoben: Wie gut wirkt diese Musik evokativ, entspannend, eskapistisch, meditativ? Das macht sie natürlich besonders schwierig für Menschen, die sich mit Musik die sie hören identifizieren möchten, das New-Age-Image aber unattraktiv empfinden.

Doch es gibt auch enorm distinktive und bekannte Musik unter dem New-Age-Banner. Kinder der Neunziger werden mit der erfolgreichsten New-Age-Compilation aller Zeiten, die somit exemplarisch für das steht, was viele sich unter diesem Sound vorstellen oder auch darauf Einfluss ausübte, bestens vertraut sein. Die Werbung für „Moods“ schien über Jahre auf jedem Sender in jedem Werbeblock zu jeder Stunde aufzutauchen um ihre Wohlfühl-Qualitäten anzupreisen, ein Blick in ihre Trackliste fördert jedoch zahlreiche höchst respektable Namen zutage: Brian Eno, Ennio Morricone, Jean-Michel Jarre, The Orb, Angelo Badalamenti, Ryuichi Sakamoto, David Byrne … das liest sich nicht nur prima, sondern beinhaltet auch keine unrepräsentativ schlechten Werke dieser Legenden. Würde man auch nur eine davon als typischen Vertreter dieses Genres betrachten? Wohl kaum, in der Tat ist es vor allem dank der freizügigen Verwendung des Begriffes zu Marketing-Zwecken nicht nur schwierig typische, sondern überhaupt so etwas wie Vertreter von New-Age-Musik zu finden.

Einigkeit scheint zumindest darüber zu bestehen, dass die erste, von Eno-Ambient, ECM-Jazz und kosmischem Krautrock inspirierte New-Age-Musik – wenn auch nicht unter diesem Namen – Mitte bis Ende der 70er auftauchte; einer Periode, in der nicht ohne Zufall mit „Close Encounters Of The Third Kind“ der konfliktärmste Sci-Fi-Blockbuster aller Zeiten entstand, in dem Musik die universale Sprache ist. Während z.B. der Grieche Iasos oder der ebenso spirituell interessierte Steven Halpern mit ihrer spirituell/esoterisch motivierten Synthmusik als frühe Vertreter der New-Age-Ästhetik anzusehen sind, sieht man bis heute vor allem den Namen Windham Hill synonym dafür verwendet. Dabei begann das Label noch mit der Veröffentlichung mitunter folkiger Akustik-Musik, ob mit oder gegen seinen Willen erwies sich aber die Etikettierung meditativer Klänge als „New Age“ in Plattenläden als so erfolgreich, dass Windham Hill nach der Übernahme durch ein Major Label auch Genre-Superstars wie Yanni beitraten.

Wie andere New-Age-Compilation-Dauergäste wie Enya, Mike Oldfield, Enigma oder Era scheut auch der Grieche die Bezeichnung – verständlich, wenn ein Genrename derartig negative Konnotationen hat – doch stereotypischer new-agig als Yanni, einst gar bei MST3K parodiert, geht es kaum. Ob ein das ethno-angehauchte Instrumental „Playing By Heart“ oder die Orchestralopulenz von „A Love For Life“, diese Musik stößt vielen übelst auf. Doch was macht sie so problematisch? Geprägt ist sie von oft dünnen, gläsernen Leadinstrumenten, von schmalen Piano-, Saiten- oder Holzbläserklängen; wenn Perkussion, dann gemächlich vorantreibender, sie hat keine Beats, die in Mark und Bein übergingen. Sie ist hell, sauber, weich, nicht komplex texturiert, wirkt selbst in ihren opulenteren Arrangements synthetisch. Sie vermittelt nicht das Gefühl strenger zeitlicher Beschränkungen, als könne sie jederzeit einsteigen und aufhören, besitzt mitunter keine packende zentrale Melodieentwicklung, wird so gar das Gegenteil popmusikalischer Konzepte wie „Song“ oder „Hook“ und ist sowieso der Todfeind aller bodenständigen Rocker und bierernsten Elektroniker. Doch all dies sind durchaus auch Qualitäten allgemein als „gut“ betrachteter Stile sein, all dies macht diese Musik nicht so schrecklich. Sie ist schrecklich, weil jemand wie Yanni oder auch ein Kitaro kein guter Komponist ist, sich in Widersprüche verstrickt indem er ziellose Tonläufe mit bedeutungsschwangeren Spiritualgesängen aufbläst, kein Gefühl für Schwere und Dramatik hat, faszinierende Instrumente anderer Kulturen einsetzt ohne damit einen anderen Effekt als einen dubiosen Hauch von Exotik zu erzeugen.

Ja, es soll an dieser Stelle behauptet werden: Es gibt gute New-Age-Musik. Schließlich finden sich schon Größen des elektronischen Kraut und Ambient wie Ash Ra Tempel („New Age Of Earth“!), Vangelis, Popol Vuh, Tangerine Dream u.v.a. oft näher an diesen entspannten, käsigen Wohlfühlklängen wieder als anderswo, überhaupt war gerade in den 70ern ja so manch tolles Stück Musik Ausdruck überaus esoterischer Ansichten auf Künstlerseite. Ist das ätherische Saitenspiel Manuel Göttschings weniger new-agig als das von Steve Hillage? Ist es schlimm, dass junge Künstler wie Emeralds oder Eluvium wenig Berührungsangst mit New Age zeigen? Lässt sich die vermeintlich immanente Schlimmheit dieser Musik überhaupt heraushören? Schließlich war, ohne dass es negativ auffiel, auf Quiet Villages vielgelobtem 2008er Electronica-Album „Silent Movie“ ein Stück des Harfisten Andreas Vollenweider so wenig verändert übernommen worden, dass selbst die Youtube-Erkennungssoftware ihn als Interpreten indiziert hat. Welchen Sinn hat es angesichts dieser Überschneidungen, alles was unter das ohnehin vornehmlich zu PR-Zwecken etablierte „New Age“ fallen könnte als belanglos abzuurteilen? Sollten nicht vielmehr tatsächlich belanglose Muzak-Massenware oder die Greuel eines Kitaro als schlechter New Age differenziert werden, so wie es auch in jedem anderen musikalischen Milieu Usus ist?

Gewiss trägt selbst gute New-Age-Musik oft esoterischen Ballast mit sich, wenn ihre InterpretInnen sich in Booklets prätentiös über Seelenwanderung, Astrologie etc. auslassen, aber gerade das kontextarme Hören im Internet dürfte dies zunehmend unbeachtet lassen. Spätestens seit dem Italo-Revival ist „cheesy“ kein klares Schimpfwort mehr, Chillwave und Balearic Disco haben kitschige Bilder von Pyramiden und Sonnenuntergängen wieder salonfähig gemacht, Schlagworte wie „Cosmic“, „Harmony“ und „Bliss“, die John Schaefer im SPIN-Magazin 1985 als deutliche Erkennungsmerkmale ausmachte, sind längst zu Standardadjektiven für moderne Klänge geworden, die auf ähnlichen Wurzeln fußen wie damals New Age.

www.youtube.com/watch?v=Ah4aSsgFQqo

Die elektronischeren dieser Ursprünge nimmt sich Sam Grawe alias Hatchback zum Ausgangspunkt einer alternativen Geschichtsschreibung. Sein hervorragendes zweites Album „Zeus & Apollo“ versucht beispielhaft darzulegen, wie ein New Age im Geiste dieser Vorgänger hätte aussehen können. In einer Vermengung von Neo-Classic, Kraut und Ambient weichzeichnet er unter Einsatz von smoothem Saxophon, chinesischer Gesänge und unironischer Enya-Referenz („Orinoco Waltz“) Musik die so klingt, wie das Albumcover aussieht. Weniger hochfidelisch finden sich auch einige New-Age-Revisionen im Oeuvre des Not Not Fun-Labels, das neben sumpfigen Synthspielen wie Psychic Realitys „Vibrant New Age“ und Dylan Ettingers „New Age Outlaws“ zuletzt auch das wohl beste Album des Belgiers Lieven Martens alias Dolphins Into The Future neu auflegte. „On Sea-Faring Isolation “ ist eine Ode an das Meer dessen Brandung es sampelt und trotz Lo-Fi-Klang in seinen Blubberharmonien unverschämt new-agig, erst recht in Verbindung mit Martens‘ Engagement für die Cetacean Nation. Der noch umtriebigere James Ferraro widmet sich dem Genre nicht nur über sein Label New Age Tapes (!) auf zahllosen verschmiert-synthigen Kassetten, anderswo wirft NWG New-Age-Geklampfe in einen Topf mit Dubs, runtergepitchten Vocals und Drone. Dntel remixt Enya und White Rainbow oder Maxxi & Zeus lassen sich für ihre hypnotischen Eigenkompositionen alle Zeit der Welt.

Derartige Reinterpretationen mögen teilweise nichts für beinweiche New-Ager sein, aber ihre Erschaffer sind selbst meist keine Verächter des Genres, sie wissen um die vielen Schätze, die in Grabbelkisten zu haben sind. Sicher ließe sich nun das typische Schreiberlingsargument stricken, dieses neue Aufgreifen von New-Age-Ästhetiken sei ja alles besserwissend postmodern und deswegen abrakadabra frei von der Geschmacklosigkeit des Original, aber hoffentlich geben die vorangehenden Zeilen auch Anlass für den Gedanken, dass durch derartige generelle Verachtung gegenüber New Age über die Jahre einige entdeckenswerte Musik vernachlässigt wurde. Zum Abschluss daher noch ein paar Empfehlungen, gut für den Einstieg in die New-Age-Welt eignen sich zudem die feinen Mixe von Hatchback auf 20Jazzfunkgreats, Iso50 und Noncollective.

10mal New Age zum Gutfinden:

Steve Hillage – Rainbow Dome

Steven Halpern – Spectrum Suite

Constance Demby – Novus Magnificat – Through The Stargate

Double Fantasy – Universal Ave

J.D. Emmanuel – Wizards

Enya – Watermark

Vangelis – L’Apocalypse Des Animaux

Iasos – Inter-Dimensional Music

Tangerine Dream – Zeit

Andreas Vollenweider – Behind the Garden – Behind the Wall – Under the Tree

4 Kommentare zu “Jenseits allen guten Geschmacks: New New Age”

  1. Lukas sagt:

    Danke für den Tipp mit den Enya-Remixen von dntel – die kannste aber echt auch nur kostenlos verscherbeln ;)

  2. […] Jenseits allen guten Geschmacks – New New Age […]

  3. Guter Artikel in der LA Times zum Thema, u.a. wurden auch Animal Collective dafür interviewt. Dass Wilco, Sonic Youth und andere Yanni gecovert haben hatte ich ja mal gar nicht gewusst!

  4. […] of New-Age music, a genre generally cast aside as being boring, cheesy, and generally laughable. Auftouren argues that “Spätestens seit dem Italo-Revival ist „cheesy“ kein klares Schimpfwort […]

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