ModeratII

Nach dem Tolstoi-Theater-Trip hat sich Sascha Ring aka Apparat anscheinend wieder mit den Technoavantgardisten Modeselektor verabredet. Runter von den Schlachtfeldern der Weltliteratur, wieder hinein in die elektronischen Naturgewalten. Prompt erscheint nun das Album, auf das ein großer Teil der Electronica-affinen Szene sicherlich schon lange gewartet hat.

Germany´s electronic Supergroup scheint sich dessen vollkommen bewusst zu sein. Eröffnet wird „II“ mit Spannungsaufbau-Instrumental, darauf folgt die erste Singleauskopplung „Bad Kingdom“: Ein knarziger Synthie unterfüttert Rings feinfühlige Stimme (die in anderen Kompositionen aber auch mal extrem gepitcht wird), welche sich über verschlungene Beatgeflechte ausdehnt. Der extreme Kontrast von der Apparat´schen Sensibilität und der eher offensive Ansatz von Modeselektor, der das Debüt durchfloss, wird hier versiert überschritten.

Die verwobenen Kompositionen wirken stilistisch sehr geschlossen, die einzelnen Songentwicklungen behutsam, ohne dabei einschläfernd zu sein. „Versions“ etwa oszilliert zwischen gediegenem Ambient und Electropop, neben die Beats schmiegt sich hier anscheinend auch noch ein Drumkit. „Therapy“ beginnt leicht schwermütig, lässt zum Schluss aber auch technoide Elemente durchschimmern. Auf „Gita“ vernimmt man einen pulsierenden Dub-Bass sowie flirrende Effekte, auf dem stark in die Länge gehenden Instrumental „Milk“ konvergieren hallige Breakbeats (der Loop scheint hier eine Millisekunde zu kurz geraten zu sein, doch alles sitzt perfekt), die sogar ein wenig Richtung HipHop schielen. Am Gesamtsound überwiegt der Ring´sche Anteil, doch dieser Schlüsseltrack scheint dann wieder ganz dem progressiven Ansatz von Modeselektor erwachsen, die noch nie Angst vor Berührungen mit anderen Genres hatten, wie „Monkeytown“ eindrucksvoll bewiesen hat. Wer an dem Werdegang des Duos interessiert ist, sei übrigens auf den Film „We Are Modeselektor“ verwiesen, der einen Rückblick der Gründerjahre leistet und dabei auch die elektronische Szene Anfang der 90er-Jahre reflektiert.

Moderat schalten im Vergleich dazu einen Gang runter, der anarchistische Technostil von Modeselektor wird hier Regeln unterworfen. Geliefert werden keine satt überproduzierten Kracher, wie man sie aus Deutschlands Hipster-Mekka eventuell erwarten hätte können, dieser Zweitling ist dezenter und weniger derb geraten als der Vorgänger. Einzelne Passagen klingen durchaus wie elektrifizierte Fortsetzungen von Apparats „The Devil´s Walk“, schwermütig und eher introvertiert. So wirken auch die Effektteppiche des großartigen „Damage Done“ entschleunigend, Songgerüste oftmals ein wenig skelettiert. Noch lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Zweitling allgemein die hohen Erwartungen erfüllen kann, zu verknotet erscheinen vereinzelt die dichten Arrangements, die es erst einmal zu entflechten gilt. Und doch ereignet sich kompositorisch unfassbar viel, man lausche da nur einmal dem Schlusslicht „This time“ konzentriert. Schon jetzt kann man sagen: Dem Trio ist ein Album gelungen, das sich auch beim analytischem Hörer anschmiegt und im Detail als sehr facettenreich entpuppt.

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