Der Liedschatten (116): Rumba, David Byrne und der "Schlagermove"

Peret: „Borriquito“, Oktober – November 1971

Oh, was bin ich doch leicht zu beeinflussen! Anstelle des „ich“ könnte auch ein „man“ stehen, aber warum immer hinter dem Allgemeinen verstecken?

>Vielleicht, weil es so etwas weniger peinlicher, ja weniger schmerzhaft sein würde. Das sind harte Worte, aber wenn das Selbstwertgefühl sich plötzlich als an Opportunismus gekoppelt herausstellt … oh, dieser Pathos!

Dabei ist es doch gar nicht so schlimm. Es, das ist Folgendes: Unser heutiger Hit trägt den Titel „Borriquito“ und stammt vom 1935 geborenen Musiker Pere Pubill Calaf alias Peret aus Katalonien. Das Lied klingt wie folgt.

Leider weiß ich nicht, woher genau dieser reichlich absurde Ausschnitt stammt.

Vom süßlichen Chor und und der bollerigen Rhythmusgruppe verleitet war ich kurz davor, mich zu einer raschen Einordnung des Liedes in die Ecke Schlager hinreißen zu lassen, schließlich scheint da draußen die Sonne und so langsam wird es Abend. Mein Tagwerk ist so gut wie vollbracht und die Temperaturen sind ein wenig, doch nicht zu sehr gesunken. Müßiggang und Schlenderei und danach ein wenig träges Lungern an schattigen Plätzen erscheinen mir als angemessene Verhaltensweisen. Und da höre ich auf einmal so ein fröhliches, ausgelassenes Stück, dessen Melodie ebenso eingängig, ja penetrant wie sein Text unverständlich ist. Und als Einwohner der Stadt Hamburg erinnert es mich obendrein noch an den jährlichen „Schlagermove“.

Nun ist der „Schlagermove“ allerdings keine schöne Veranstaltung, sondern so etwas wie Karneval ohne Anlass, eine kontrollierte Entgleisung nach Absprache und Anleitung, der sich Menschen in oftmals nicht nur ähnlichen, sondern identischen, meist lose an ein überzogenes Klischee von „Flower Power“ erinnernden, in damals ungebräuchlichen Neonfarben gehaltenen Kostümen mit Plastikperücken in Afroform hingeben. Das mag man dann also auch als „Fest der Liebe“ oder eben einfach Ausdruck einer „guten Laune“ bezeichnen, mich gruselt’s bei hunderttausenden, zu großen Teilen sinnlos viel Alkohol konsumierenden Menschen in einer als „lustig“ und „ausgeflippt“ bezeichneten Uniform gewaltig. Enthemmte Kleinbürger sind stets bedenklich.

Mit obigem Liedchen aber hat das nur indirekt zu tun, stammt es doch aus dem Jahr 1971, in dem es diese Großveranstaltung noch nicht gab. Und den Text sollte ich mir auch erst einmal übersetzen lassen, wer weiß, worum es hier geht. Doch kam ich darauf nicht von selbst. Es brauchte erst, und da fühlte ich mich ertappt, eine Autorität wie David Byrne, der Peret im Jahr 2000 bei einer durch ihn obendrein nicht unbedingt verbesserten Aufnahme unterstützte.

David Byrne aber ist ein Mensch, den ich für sein Werk sehr respektiere und mich damit auf der von meinem Standpunkt aus sicheren Seite weiß. Und kaum tauchte er in diesem unerwarteten Kontext auf, begann ich nachzudenken. Nur worüber?

Erst einmal meine Beschränktheit, die mir das bloße Hören von Musik wie der Perets erschwert, weiß ich doch nicht einmal, ob er nun in Spanisch oder Katalanisch singt. Oder überhaupt, was das hier anklingende Genre Rumba eigentlich ist. Und dann eben über meinen mir hier einmal bewusst werdenden Opportunismus.

peret_borriSo, nun aber genug der Selbstzerfleischung, befassen wir uns etwas mit dem rumba catalana, der durch Peret populär wurde. Das in den 1950er Jahren entstandene Genre verbindet Flamenco mit afro-kubanischer Musik und Einflüssen aus dem Rock’n'Roll, ist also ein Hybrid aus sehr rhythmischer und bewegter Musik. Laut einem lesenswerten Artikel auf flamenco-world.com ist catalana rumba „Dismissed as an illegitimate genre, barely worthy of accompanying a wedding or even a drinking binge, and a distant and unwanted cousin of flamenco. Promiscuous music, defying all attempts to classify it. […] rumba was an essential ingredient at any party along the coast, and provided the most readily exportable face of Iberian hedonism.“ Angesichts des musikalischen Charakters von „Borriquito“ scheint das einleuchtend, wobei „hedonistisch“ mir für dieses eine Stück etwas übertrieben scheint. Ausgelassen und albern, unbedarft und kindlich, schlicht und fröhlich, gut, das aber eben doch auf eine recht niedrigschwellige Art, die durch das Wort „hedonistisch“ nur beschönigt werden würde. Doch muss ja nicht ein Lied für das ganze Genre stehen, sondern erst einmal für sich selbst. Worum aber geht es in dem Lied?

Eine Übersetzung konnte ich nicht finden und da ich kein Spanisch spreche, musste mir ein Programm weiterhelfen. Dieses besagt, „borriquito“ heiße Esel und lässt des Weiteren vermuten, das Lied handele von nicht mehr als einem Menschen, der viel und gerne singt, zum Beispiel darüber, wie viel und gerne er singt. Dass er aus diesem Grund von Frauen, Wirten und überhaupt allen geliebt wird, mag angehen, wenn er mehr Lieder als das dieses eine hier kennt, das nach geraumer Zeit gehörig auf die Nerven gehen dürfte. „Borriquito“ war Perets einziger internationaler Erfolg, er scheint jedoch innerhalb Spaniens sehr populär und geachtet geblieben und überhaupt ein Künstler zu sein, den man nicht nach seinem größten Hit beurteilen darf.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (116): Rumba, David Byrne und der “Schlagermove””

  1. DerberPsych sagt:

    Nach seinem größten Hit darf man Peret tatsächlich auf gar keinen Fall beurteilen. Vielmehr nach seinen ebenso geistgestörten wie genialen Musikvideos.
    Und – vor allem – nach diesem wundervollen Lied (für dessen zugehöriges Video übrigens dasselbe gilt) :

  2. DerberPsych sagt:

    Nach seinem größten Hit darf man Peret tatsächlich auf gar keinen Fall beurteilen. Vielmehr nach seinen ebenso geistgestörten wie genialen Musikvideos.
    Und – vor allem – nach diesem wundervollen Lied (für dessen zugehöriges Video übrigens dasselbe gilt) : http://www.youtube.com/watch?v=zxk6qDk8npY

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