MusoStracciatella Now

Während Indie und Rap in den USA nicht zuletzt dank der Pionierarbeit von Def Jux und Anticon schon seit Langem in regem Austausch standen und diese Kombination spätestens mit Kanye West auch im Mainstream angekommen ist, tut man sich mit der Grenzüberschreitung hierzulande eher schwer. Die vielgepriesenen Hoffnungsträger der vergangenen Jahre begnügten sich oftmals mit flachen Rockgesten und einem oberflächlichen H&M-Verständnis von „Indiemusik“. Musos „Malibu Beach“-EP war zu Beginn des Jahres ein erster Hoffnungsschimmer, dass es hier jemand ernst meinen könnte, dass da gewiss noch mehr geht.

Ein sich traditionellen Rap-Regeln widersetzender Flow trifft auch auf dem Debütalbum „Stracciatella Now“ auf ein musikalisches Gerüst irgendwo zwischen pathetischem Postrock, verhallten 80er-Jahre-Synthies und einem Schuss nerdiger Electrofrickelei. Dafür mag es anderswo zwar keine Innovationspreise hageln, zumindest im Vergleich mit hiesigen Produktionen klingt Muso jedoch völlig einzigartig. Kein Wunder, hatten doch die in Rap-Belangen bisher völlig unverdächtigen Konstantin Gropper (Get Well Soon) und Markus „Pink“ Ganter (Sizarr) ihre Finger im Spiel.

Das eigentlich Erstaunliche an Musos ambitioniertem Entwurf sind jedoch die Texte. Es erfordert schon einiges an Mut, eine Coverversion von Blumfelds „Eine Eigene Geschichte“ mit auf sein Album zu nehmen, dass diese sich allerdings fast nahtlos in den wortgewaltigen Rest fügt, gleicht schon einem kleinen Wunder. Wer allerdings eine Rapversion bildungsbürgerlichen Diskurspops erwartet, könnte falscher nicht liegen. Denn auch wenn Muso auf typische HipHop-Klischees und kapitalistische Aufsteigermärchen verzichtet (bei einer Biographie, auf die so mancher Vorstadt-Gangster neidisch wäre), zeichnen seine düsteren Geschichten so etwas wie ein desillusioniertes Generationenporträt. Statt eines heraufbeschwörenden „Wir“ stehen allerdings fragmentarische „Du“s und „Ich“s im Vordergrund. „Stracciatella Now“ handelt von den Momenten nach dem großen Rausch, von persönlichen Angstzuständen und innerer Leere.

Da ist das tragische „Malibu Beach“, das die alte Geschichte von der gefallenen Prinzessin in hallende 80er-Drums und zugekokste Synthiewolken kleidet und damit nicht nur musikalisch an Falco erinnert. Da ist das bissige „Garmisch-Patenkirchen“, das sich sarkastisch und angeekelt am bundesdeutschen Patriarchat abarbeitet. Und da ist „Knutsch Nicht Mit Dem Disko-Muso“, das als vielleicht sperrigstes Stück des Albums einen düsteren Drogentrip vertont. Lyrisch bettet Muso diese Geschichten in einen assoziativen, scheinbar zusammenhangslosen Flow, der manchmal eher an Beat-Poetry als an Rap erinnert und wild mit Bildern aus abgeschmackten Sprichwörtern, Popkultur und Mytholgie herumjongliert. Dabei lässt sich zwar nicht immer der Eindruck abwehren, es mit wortreich aufgeblasenem Blendwerk zu tun zu haben, ambitionierter und angreifbarer textete im deutschsprachigen Pop allerdings schon lange keiner mehr.

Es wird wohl noch einige Alben dauern, bis man das Phänomen Muso hinter den verschachtelten, eindrucksvollen Textgebäuden vollständig entschlüsseln können wird. Doch auch wenn der musikalische Mut zum Pathos in manchen Momenten hart an der Grenze schabt, bleibt „Stracciatella Now“ der bis dato interessanteste und beste deutsche Post-Rap-Entwurf überhaupt.

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