Beinarbeit! Aktuelle Footwork-Werke von DJ Earl, Paisley Parks, DJ Diamond und mehr

An Footwork und Juke, den frenetisch synkopierten Beatvisionen aus Chicago und mittlerweile auch immer mehr dem Rest der Welt, besteht weiß Gott kein zu geringer Ausstoß. Selbst durch Veröffentlichungen auf internationalen Labels bekannte Größen wie DJ Rashad hauen phasenweise so viele neue Tracks auf Soundcloud oder Bandcamp, dass das Nachhalten selbst dann schwer würde, wenn sie nicht oft auch genauso schnell wieder runtergenommen würden.

Einer, der mitunter zu seinen Ungunsten Masse vor Klasse stellte, war bislang DJ Earl. Selbst seine zu Alben kompilierten Tracks kamen in derart schwankender Qualität, dass sich letztlich ein ähnliches Rauspick-Verfahren wie bei seinem Soundcloud-Stream empfahl. Das monumentale „L.I.F.E.“ soll das letzte Album in Eigenveröffentlichung sein, zu hoffen ist also, dass das nächste eine ähnlich schärfere Materialauswahl wie Earls weitaus empfehlenswertere EP „Ambient“ zeigt. Deren Titel äußert sich keineswegs in einer Abwesenheit von rhythmischen Anschlägen, vielmehr charakterisieren Vibe-Weichheit und ein leichter Fluss selbst das über Gummiband-4/4-Bounce, Quietscheentchen und Quadrupel-Hihats abtickernde Titelstück. Das Eröffnungsstück zeigt einmal mehr, wie besonders gut sich Earls synthige Werke mit Frauenstimmen paaren, während DJ Manny im Finale eine Drum- und Blechbläser-starke Kollaboration abliefert.

Dass umfangreiche Footwork-Alben durchaus konsistent stark sein können, zeigt das Produzententrio Paisley Parks. Die knappe Stunde ihres phänomenalen „Бh○§†“ verfliegt im Nu, wenn man sich mal reinwirft – nicht allzu schwer, denn mit 2½ Minuten im Schnitt strapazierten die 25 Tracks selbst dann nicht die Geduld, wenn Paisley Parks nicht so wendungsfreudig wären. Die Japaner etablieren gerne ein Sample bis zu einem gewissen Punkt, verdichten und lockern seine Repetition, variieren die Perkussionskonstellation drumherum von muskulöser Tightness bis an die Grenzen der Abstraktion und kippen schließlich in die zweite Hälfte des Samples. „Neva Will“ klöppelt belebt und betonungsverschiebend erst um ein abgehackt-komprimiertes „I’ll never be“, um später in entspannterem Rahmen ein langes „Never will“-Vocal freizulassen. Über minimalem, zu Aussetzern neigendem Clap-Ticken spielt „Runaway“ Verstecken mit seinem bekannten Sample, lässt nie das Titelwort auftauchen und verunstaltet erst in letzter Sekunde das markante „Wo-wo-wo-wo[nder]“ zu einem blökenden Frosch. Die Überdrehtheit von Paisley Parks nimmt aber immer wieder andere Formen an, und das innerhalb von wenigen Tracks: Besonders stark ist die Albummitte um die verträumte Schönheit von „Ghetto Jap“, die kaum noch tanzbare Perkussionsverknotung in „B123A4S5S6“, „Shine“s voluminös voranziehenden Maximalismus oder den großen Popmoment im hymnischen „Suicice“.

So berauschend wie „Бh○§†“ ist, so enttäuschend ist hingegen Young Smokes „Smoke The Astrozoid​:​Space Lyfe Unite The Movement 3D The Movie“. Offiziell eine EP, wäre sie längenmäßig als solche garantiert besser ausgefallen als dieses 77-minütige Durcheinander mit abwechselnd verheißungsvollen und gelungenen, dann wieder dahingeworfenen und irritierend leise abgemischten Halbfertigkeiten.

Was eine gewissenhafte Auswahl bewirken kann, ließ sich gut an der ersten Fassung von DJ Diamonds „Deeper Than Trax“ beobachten. Deren „Harlem Shake“-Remix bleibt dem offiziellen Release nämlich nun ebenso erspart wie die vorher wenig durchdachte Reihenfolge der restlichen Tracks. Imposant eröffnet „Blow Up“ mit choral dramatisiertem „Juicy“-Sample, etabliert seine Soundwelt ebenso zu Beginn wie die kristallcleanen, bei Bassmusik à la Night Slugs anklopfenden „Digital Junkie“ und „Perk2012“. „Get Buck“ setzt voll auf Synkopationschaos und zeigt ebenso wie der Übergang im Albumfinale, wie aufregend man Dance ohne dicken Drop machen kann: Der harsche, minimalistische Druck von „Kill Switch“ hebt sich von einem Hochfrequenzanschlag auf den nächsten und beendet das Album mit dem butterzarten „That Feeling“.

Kurz erwähnt werden sollte auch noch die (Gratis- und) Debüt-Compilation des Labels Fresh Moon, die von Austin aus die Brücke nach Chicago schlägt. Viel wurde aus Rashads Jungle-Geflirte auf seiner profilstarken Hyperdub-EP gemacht, aber mehr noch dringt scheint in letzter Zeit die Lust am hämmernden 4/4 Richtung Ghetto House durch – beispielsweise in Traxmans Animal-Collective-Remix, aber auch Rashads Compilation-Beitrag, dem aus der Nachbarschaft unter anderem RP Boo, DJ Manny, Earl, Spinn und Traxman Gesellschaft leisten.

Ein Kommentar zu “Beinarbeit! Aktuelle Footwork-Werke von DJ Earl, Paisley Parks, DJ Diamond und mehr”

  1. Und wie um die Einleitung zu unterstreichen: Im Mittelkurzformat haben Young Smoke (endlich wieder in guter Form) und Paisley Parks übers Wochenende bereits wieder nachgelegt.

    http://youngsmokeastronautatatus.bandcamp.com/album/young-smoke-vol-1
    http://ghost045.bandcamp.com/album/summer-death-ep

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