Frijid Pink: “The House Of The Rising Sun”, Mai 1970

Es ist schwer, der Band aus Detroit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schließlich ist „The House Of The Rising Sun“ in der Variante der englischen Gruppe The Animals von 1964 zu einer Art Erkennungsmelodie der 1960er Jahre geworden. Kaum ein Oldiesampler dürfte ohne sie auskommen, kein Oldieradio sie nicht wieder und wieder spielen, von Gitarrenschülern und einigen Menschen an Lagerfeuern ganz zu schweigen. Von dieser Überpräsenz profitiert der Song keinesfalls. Zwar wird er durch sie nicht schlechter, dennoch verkommt er durch sie zum Klischee. Und ein solches war er im Jahr seiner Veröffentlichung keinesfalls.

Die Adaption amerikanischer Musik durch britische Bands war damals, wie das Frühwerk der Beatles sehr gut zeigt, üblich. Dass Bands eigene Stück spielten, war bis ungefähr 1964 die Ausnahme. Die Identität von Komponist und Interpret wurde weder erwartet, noch war sie unbedingt erwünscht. Dass eine junge Band mit eigenen Stücken Erfolg hatte, war sensationell, der Vorwurf, sie schreibe ihre Lieder ja gar nicht selbst, anders als heute eher unüblich. Erst Bubblegumpop wie von The Monkees wurde ein paar Jahre später für mangelnde Authentizität kritisiert.

The Animals waren jedenfalls keine Band, deren Stärken ausschließlich im eigenen Material lagen. Besonders ihre ersten beiden Singles, das Cover „Baby Let Me Take You Home“ und das Traditional „The House Of The Rising Sun“ sind bemerkenswert, weil hier eine auf R’n’B, Rock’n’Roll und Blues ausgerichtete Band einen Folksong in voller Besetzung spielte. Der daraus resultierende Folkrock war musikalisch opulenter und damit zwar etwas oberflächlicher als der Folk, behielt aber dessen in Relation zur Belanglosigkeit der bisherigen Popsongs poetischere und ambitioniertere Texte bei und machte aus Tanzkapellen nicht zwangsläufig, aber bestenfalls Musiker mit Anliegen, die über das Absingen amouröser Allgemeinplätze hinausgingen.

Es ist anzunehmen, dass The Animals durch Bob Dylans Einspielung von „The House Of The Rising Sun“ auf das Arrangement Dave van Ronks aufmerksam wurden, immerhin war Dylan bereits mit seiner ersten LP von 1962 auf Platz 13 der britischen Charts gelangt und auch mit den nachfolgenden „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ (Platz 1) und „The Times They Are A-Changin’“ (Platz 4) weiterhin sehr erfolgreich. Anders als Dylan sangen sie das Lied nicht aus der Perspektive einer Frau, die einem trinkenden Spieler anheim fiel und nun ein unerfreuliches Dasein als womöglich Prostituierte fristet, bei ihnen verfällt ein Sohn ebenso wie sein Vater der Spielsucht. Beide Geschichten gehen nicht gut aus und dienen als mahnendes Beispiel.


Doch, doch, sie meinen es ernst.

Die Single der Animals wurde weltweit rund 5 Millionen Mal verkauft, in den Charts der BRD gelangte sie bis auf Platz 10. Dort erschienen zwischen 1964 und 1970 mindestens vier Bearbeitungen des Liedes in deutscher Sprache, dazu kamen noch die Aufnahmen internationaler Künstler. „The House of The Rising Sun“ war bis 1970 längst ein Standard geworden, den es ebenso als Beatsong wie Schlager und Instrumentalstück gab. Wer konnte und wollte, spielte den Song – daran dürfte sich bis in die Gegenwart hinein nichts geändert haben, weshalb in den meisten Genres Versionen des Stückes existieren sollten. Ein guter Überblick dazu findet sich auf coverinfo.de.

Auf Platz #1 der Charts der BRD gelangte „The House Of The Rising Sun“ bisher einzig in der Version der Detroiter Rockband Frijid Pink, deren Aufnahme entstand, als die Gruppe nach einer Session noch Studiozeit übrig hatte.


Harter Stoff für verträumte Männer mit Bärten: Fransen und zwei Bassdrums

frijid_houseEs ist sicherlich recht leicht, den Song zu mögen, wenn man Rockmusik als solche gerne mag und sich nicht langweilt, wenn Musiker geläufiges Material auf eigene Weise interpretieren, ohne etwas Neues zu schaffen. Nicht, dass Frijid Pink hier etwas falsch machen würden, im Gegenteil, besonders der Gitarrensound ist wunderbar fuzzig und das Melodiespiel relativ zurückhaltend. Sicher wird gegniedelt, doch ist es ein erträgliches, in Relation zu etwa Led Zeppelin geradezu vernünftiges Auskosten eines Sounds ohne aufgezwungene Virtuosität. Vielleicht gelten Frijid Pink deshalb ebenso wie andere Bands des Detroit Rock, zum Beispiel MC5 und The Stooges, als Proto-Punk und nicht Psychedelic Rock.

Doch auch, wenn er gelungen ist, der einzige große Hit von Frijid Pink bleibt, und das kann man weder der Band noch dem Song anlasten, am Ende einfach eine weitere Variante eines sattsam bekannten Stückes: gut, aber nicht überwältigend, besser als gedacht, schöner als befürchtet und sehr stimmungsvoll, zumindest dann, wenn man etwas für ekstatisches Trippen übrig hat. Der Hippie von Welt kann hier auf offensichtliche Reize (Wah-Wah! Fuzz!) reagieren und vor lauter Genuss den Text vergessen, der letztendlich ja alles andere als groovy ist.

Außerdem seien Hippies und alle anderen auf das immerhin sicherlich interessante, selbstbetitelte Debütalbum Frijid Pinks hingewiesen. Ihm folgten zwar weitere LPs, die allerdings allesamt weder durch Kritiker noch Käufer Zuspruch fanden. Die große Karriere blieb ebenso wie die großen Dramen und Peinlichkeiten aus, Frijid Pink sind als ein One-Hit-Wonder ohne Oldiestatus eine Art populärer Geheimtipp geblieben.

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