Autre Ne VeutAnxiety

Pathos, Inbrunst und Emotionen! Selbstreinigung durch Gefühlsduselei oder überzeichnete Träumerei? Arthur Ashin alias Autre Ne Veut legt mit seinem zweiten Langspieler „Anxiety“ eine Platte vor, die wieder einmal den R‘n‘B revolutioniert und dabei Gefühle durch den Verstärker schickt – mit schwindelerrengenden Synthies angereichert: Delirium-Hymnen für das Paradies.

In den letzten Monaten und Jahren wurde mit R‘n‘B recht viel experimentiert. Da gab es zum Beispiel Delphic, die auf ihrem aktuellen Album „Collections“ die schnellen Synthiesounds hinter sich ließen und euphorischen Dance-Pop mit einer großen Portion R‘n‘B anreicherten oder Holy Other, der auf seinem Debüt „Held“ R‘n‘B auf dezente Weise mit mysteriös-entschleunigter Elektronik verwob. Einige andere versuchten sich näher an der reinen Form, so zum Beispiel Frank Ocean oder auch The Weeknd, bei dem experimentelle Ansätze allerdings von Beginn an zum Programm gehörten. Abel Tesfaye spielte mit verschiedenen Stilen und klang oftmals überladen, anders als How To Dress Well, der sich vor allem durch seine leidenschaftlich-orchestrale Inszenierung auszeichnete.

Auch Autre Ne Veut rekonfiguriert R‘n‘B oder wagt vielmehr eine Wiederauferstehung, Mutation oder Evolution dieser Musikrichtung, die im vergangenen Jahrzehnt ihren kommerziellen Erfolgshöhepunkt feierte. Auf „Infections“ klatschen die Beats mit Eighties-Charme, aufgeladene Soundeffekte zischen von allen Richtungen vorbei, umhüllen sich oder pulsieren im Groove exzessiver Romantik. Ashin zelebriert diese Stimmung gesanglich mit einer Inbrunst, dass es einem den Sinn raubt. Umso mehr, desto besser. Alles ist in Bewegung, Klangphrasen überlagern sich, Stile werden gebrochen – überzogene Soundgewölbe wechseln sich ab mit balladesken Ruhephasen, die dennoch reichlich Synthie-Aphrodisiaka verfeuern. Wem das noch zu wenig ist, wird gekonnt mit himmlischen Chören umschmeichelt. Ashin nennt es Selbstreinigung, nach einer psychoanalytischen Therapie konnte er sich voll und ganz dieser Platte hingeben und der Hörer soll es in jeder Sekunde spüren.

Schon der Opener „Play By Play“ gleicht einer Schlafzimmer-Hymne: Schmachtend wird das Wort „Baby“ gehaucht, mit strahlenden Klangbögen übermalt und explodiert als Fontäne aus Sehnsuchtsbekundungen („Come stay with me/ so we can be much higher“) mit gelegentlichen Selbstzweifeln („You’re feeling like you don’t mind / thinking that you want to go“). Leidenschaftliche Zuneigung und überschwängliche Verunsicherung. Dieser Pathos, diese Stimme – ein Synthiefeuerwerk, dass es einem schwindelig werden kann, dazu Leidenschaft, die nie zu vergehen scheint. Wem Frank Ocean zu langweilig und vorhersehbar war, wird mit der ekstatischen Exzentrik von Autre Ne Veut seinen Spaß haben.

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