Youth Lagoon in Köln: Don't Stop Imagining

„I really didn’t consider a live audience while I was making it“, sagt Trevor Powers über sein Debüt „The Year Of Hibernation“. Am Freitagabend spielte er im Gebäude 9 sein erstes Deutschlandkonzert und zeigte, dass der Weg vom Schlafzimmer auf die Bühne manchmal ein weiter ist.

Nach dem Auftritt hockt Trevor Powers im Eingangsbereich und malt sich mit Edding dicke schwarze Striche ins Postergesicht. Er gehört zu der Generation Indie-Jungs, die noch zu jung ist, um sich einen Bart stehen zu lassen. „Taggen verboten“, steht an den Wänden. „I’ve always wanted to tag things“, erzählt er zwischen seinen Songs. „It’s just that I’m really bad at art“. Es ist seine erste große Reise, das erste Mal, dass er seine Heimatstadt Boise nachhaltig verlässt.

Würde er die Intimität seines verwaschenen Dream-Pops live vemitteln können? Etwa 200 Menschen suchen im Gebäude 9 ihre Antwort darauf. Youth Lagoon verkörpert das Innerste von Trevor Powers, ist sein Solo-Projekt, das kleinste Detail von vorne bis hinten Marke Eigenproduktion. Nur einer seiner besten Freunde, Logan Hyde, darf auf der Bühne ein bisschen die E-Gitarre spielen. Und hätte Powers die neben Synthesizer Bass Boosts und Keyboards noch mit seinem Fuß bedienen können – er hätte es sicher getan.

Genau diese auf dem Album durchaus beeindruckende Einzelkünstler-Performance, mit der Powers auch live die Nähe zu seinem Publikum sucht, wird ihm dort zum Verhängnis. oceanDichter, größer, aber vor allem mechanisch und metallisch klingen etwa „Cannons“ und „The Hunt“, wenn Bass-Drum, Toms und sogar Tambourin aus der Maschine die manuell angeschlagenen Tasten und Saiten zu überrennen drohen.
Denn so beeindruckend und sehnsuchtsvoll Powers Reverb-verzerrte Stimme wirkt, so klug er mit Dynamik und Tempo spielt, so sehr schränkt ihn sein musikalisches Konserven-Grundgerüst dabei wieder ein. Die Songs werden in ihrer Entfaltung gehemmt: Was sich auf dem Album zumindest nachträglich regulieren lässt, kann er auf der Bühne nicht kompensieren. Selbst die Zugabe, das elektropoppige „Daydream“, dem eine gewisse Geradheit gut stehen könnte, verliert an Wirkung, weil die Rhythmik zu unflexibel ist.

So verwundert es nicht, dass gerade die Intros von „July“ oder „Afternoon“ die herzergreifendsten oceanMomente des Abends werden. Wenn Powers die Augen schließt, gefühlvoll die Arpeggien über sein E-Piano streift, seine Stimme aus ungreifbarer Entfernung von einer längst vergangenen Zeit erzählt „We scaled a ladder ascending to the roof / While five years ago I weeped and no one knew / Holding my guitar, I strummed a tune / I sang I love you but I have to cut you loose“, dann berührt sein Innerstes jeden Einzelnen im Publikum. Was durch den Hall kilometerweit weg scheint, könnte näher nicht sein: Das ist sie, die paradoxe Intimität, die man von Youth Lagoon erwartet. Warum hat niemand Seifenblasen dabei?

Am Ende des erwartbar kurzen Sets möchte er sich auf Deutsch bedanken, fragt im Publikum nach der richtigen Vokabel. Die versteht er akustisch nicht und lässt sich deshalb von Gitarrist Logan die Antwort ins Ohr flüstern. oceanDann sagt er: „Aah! Well, thank you!“ – Trevor Powers muss noch viel lernen, aber es besteht kein Zweifel daran, dass er das kann und will. Denn die gute Nachricht: Die Schwächen des Live-Auftritts ließen sich sicherlich einfach beheben, ohne dass er um seine Schöpferrolle fürchten müsste: Würde Powers Verantwortung an einen Bassisten und Schlagzeuger abgeben, könnte er sich ganz auf E-Piano und Gesang konzentrieren, so kleine Ungenauigkeiten verringern und viel mehr dieser zauberhaften Sekunden schaffen, in denen er selbst ganz in seinen träumerischen Melodien versinkt und im Publikum glücklich die Körper wippen lässt. „Da geht noch was!“ ist also das optimistische Fazit eines dennoch schönen Abends.

Die weiteren Termine:

  • 28.02.12 (Di) in München (59:1)
  • 29.02.12 (Mi) in Berlin (Postbahnhof)
  • 04.03.12 (So) in Hamburg (Molotow)

Fotos: Anna Gerlach

Ein Kommentar zu “Youth Lagoon in Köln: Don’t Stop Imagining”

  1. […] dem nächsten Hör-Parforceritt. Zwischen seinem Debüt und „Wondrous Bughouse“ war Powers viel auf Tour und in der Welt unterwegs. Jetzt teilt er diese Eindrücke auf die ihm eigene Weise. Youth Lagoon […]

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