„Thurston Moore still kicks ass.“ So steht es unter einem der inoffiziellen Youtube-Videos zu einem Song von Chelsea Light Moving. Es freut, für das neue Soloalbum des Sonic-Youth-Masterminds endlich wieder guten Gewissens eine Kategorie verwenden zu können: Rock´n´Roll.

Der 53-jährige ist immer noch hungrig. Bei Durchsicht der Interviews, die online zu finden sind, wird deutlich: Er hat sich nichts mehr zu beweisen. Er sieht sich nicht als Solokünstler mit bedeutender musikalischer Vergangenheit (auf der er sich auch ausruhen könnte), sondern ist gerne Teil einer Band. Und hier umgibt er sich mit Personen aus dem Dunstkreis seines Labels Ecstatic Peace (CLM-Gitarrist Keith Wood ist mit seinem Projekt Hush Arbors dort beheimatet). Samara Lubelski als Bassistin (mit ihr arbeitete Moore bereits auf seinen Soloalben „Trees Outside The Academy“ und „Demolished Thoughts“ zusammen) lässt in Sachen Formation Erinnerungen hochkommen, ohne Kim Gordon konkurrieren zu können und/oder zu müssen. John Moloney komplettiert am Schlagzeug die klassische Bandbesetzung – und damit ist der Begriff „Soloalbum“ eigentlich falsch. Aber alles, was Moore ohne Kim Gordon macht, wird wohl Zeit seines Lebens so bezeichnet werden.

Das Album startet mit „Heavenmetal“, einem lieblichen, zweiminütigen Einstieg in ein Werk, das im Anschluss ganz andere Töne anschlagen wird. Verglichen mit später weitaus kraftvolleren Passagen wirkt dieser Track wie das Aufwärmen, das Stretchen. „Be a warrior and love life“ – der zentrale Satz des Songs, fast bittend und als Leitmotiv vorgetragen. „Sleeping Where I Fall“ klingt da im Anschluss schon anders. Die Gitarre schrabbelt und Thurstons Stimme geht vertraut und unmittelbar in den Keller, so tief, dass man es fast an den eigenen Stimmbändern zu spüren meint. Dieser Weckruf ist sanft, grollt, donnert und schafft Raum für das, was da kommen wird.

Natürlich weckt das Werk eines solchen Musikers Assoziationen, die hinderlich sein können, wenn man ihm frei begegnen möchte. Als Ende 2011 das Musikerpaar Gordon/Moore seine Trennung bekanntgab, interessierte das auch Klatsch-Medien. Das zeigt zum Einen, wie schwer es fällt, Dinge, die wie die Zusammenarbeit und Ehe des Sonic-Youth-Paares seit Jahrzehnten existieren, in ihrer Endlichkeit zu akzeptieren – aber auch, wie prägend Sonic Youth selbst für jene waren, die sie vielleicht noch nicht einmal hörten. Thurston Moore schafft es, mit Chelsea Light Moving seine Wurzeln aus dieser Zeit nicht zu verneinen, sich aber von ihr zu emanzipieren. So ist das abschließende „communist eyes“ ein Germs-Cover, aus den ersten Jahren der Punk-Bewegung in die Zukunft geholt.

War sein Soloalbum „Demolished Thoughts“ noch sehr der Emanzipation vom großen Schatten Sonic Youth gewidmet, so ist „Chelsea Light Moving“ wieder viel näher dran an dem, was man an Sonic Youth schätzt. „Alighted“, mit knapp acht Minuten längster Track des Albums, zeigt diese Annäherung vielleicht am deutlichsten. Minimalistische Textpassagen, minutenlange Instrumentalsoli nach zunächst verharrenden Gitarren. Gewitterhafte Klangwände. Tempowechsel. Verzerrer. Nicht l´art pour l´art, sondern Lust am Spiel, am Ausreizen der Möglichkeiten. Das Schöne am Rock´n´Roll: Die Stücke schleichen sich nicht durch den Hintereingang raus.

„Don´t shoot – we are your children“ – zurück in die Zukunft mit „Groovy Linda“. Schneller, höher, weiter – scream, Thurston erinnert an die Geschichte von James Leroy Hutchinson (Groovy) und Linda Fitzpatrick, einem ekstatisch lebenden Flower-Power-Pärchen im New York der sechziger Jahre, das ein Jahr vor Charles Mansons abscheulichen Taten ähnlich bestialisch ermordet wurde. Und damit findet auch die Hippiebewegung ihren Platz auf dem Album. Zunächst sehr leichtfüßig und sonnig instrumentalisiert, steigert sich der Song bis in ein zappeliges Skandieren des Eingangszitates. „We, Chelsea Light Moving, want to mantra the names of these two angels of beauty, regardless of the cynicism and naïveté of youth, for these are the charms of the soul“, heißt es im Matablog.

Ein wenig verstörend wirkt dann das eindimensional instrumentalisierte Sprechstück „Mohawk“. Moore reizt die Genregrenzen aus, ignoriert diese mit fast unbeweglichen Streichern und schafft so eine sehr dichte Atmosphäre, die sich immer wieder in einzelne Fäden ausfranst, um nur von seiner charismatischen Stimme zusammengehalten zu werden. Und erneut plötzlich zu enden. Stirnrunzeln im Anschluss garantiert. Also alles nach Plan.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum