Plattenkritiken


Rezension: Grinderman – Grinderman 2

Rezension: Grinderman - Grinderman 2“Wünschten Sie, Sie würden sterben? Nein. Aber vielleicht wünschte ich, ich wäre gestorben. Wenn man am Leben ist, hat man das immer vor sich.”

Dies sind nicht etwa Zeilen dieses Albums. Sie stammen aus “The Road”, dem beängstigenden postapokalyptischen Roman von Cormac McCarthy über den Überlebenskampf von Vater und Kind in einer ausgedorrten, leblosen Welt. John Hillcoats Verfilmung des Werks kommt im Oktober endlich auch in die deutschen Kinos, der Soundtrack stammt von Nick Cave und Warren Ellis. Auch ihr erwartungsgemäß übel zugerichtetes “Grinderman 2″ hätte sich, wenn auch auf gänzlich andere Art und Weise, dafür gut geeignet. Ein brachiales Gefecht. Mit oder nach dem Ende der Welt. Oder im gigantischen Rausch.

“Here come the wolfman! The abominable snowman”: Hechelnde Bestien, sägende Bässe, fiepende, sich auftürmende Gitarrenüberreste, die wie in „Mickey Mouse And The Goodbye Man“ oder „Heathen Child“ genauso kaputt wie unwiderstehlich klingen. Mal links, mal rechts, schrecklich verzerrt, hasserfüllt. Tendenziell viel eher bei Caves früherer Band The Birthday Party als den Arbeiten mit den Bad Seeds anzusiedeln. Wie Post-Punk im riesigen Trümmerhaufen. Nach monatelangem Ausquetschen – und das ist diesem Projekt gar nicht hoch genug anzurechnen – wird doch irgendwie der Weg zum Song gefunden. Stücke wie ein letztes Aufbäumen, ein grässlicher Aufschrei. Lieder, die der hässlichen Fratze ihr Spiegelbild vorzeigen. Den gierigen Menschen mit all seinen Wünschen, Weisheiten und Wichtigkeiten zur Nichtigkeit degradieren: „Who needs children? I am your child! Who needs a record player? I am your record player“ heißt es im tiefschwarzen „Evil“. Das Leben, wie sinnlos. Krach hilft.

Oder: Ein von Perversion getriebener Rausch. “He sucked her, he sucked her, he sucked her dry.” Pulver. Realität und Wahnsinn verschwimmen. Schwindel. Die Gitarren attackieren von beiden Seiten, mal rückwärts, der Bass dröhnt. Drums wie Hiebe. Der Blick verzerrt, die Farben verschwommen: „I want you to be me friend“, ein letzter, unbändiger Wille. Fast flehend. Denn egal „wie sehr die eheliche Kacke am Dampfen ist; wenn Bunny an seine Frau denkt, ist ihr Arsch noch genauso knackig wie am ersten Tag, ihre Brüste sehen aus wie Torpedos“ – die Parallelen zwischen Caves letztjährigem Buch „Der Tod des Bunny Munro“ und „Grinderman 2“ sind mehr als auffällig. Bitterböse, zynisch – das Video zu „Heathen Child“ fügt sich da nahtlos ein. Abscheuliche Szenarien und Wahrheiten, zu widerwärtig, als dass sie eingestanden würden. Der Mensch ist sich schließlich lieber selbst der größte Betrüger. Doch die Herren um Cave und Ellis gönnen den Zuhörenden auch Verschnaufpausen, wie im verlassenen „What I Know“, geradezu melodiös wird es später in „Palaces Of Montezuma“. Sie wissen um das Spiel mit Kontrasten. Denn was wäre das Böse ohne sein Gegenstück? Was, zur Hölle, wäre es wert?

Wertung: 81

Label: Mute

Referenzen: Nick Cave, Warren Ellis, The Birthday Party, Liars, The Jon Spencer Blues Explosion

Links: Myspace, Homepage

VÖ: 10.09.2010

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