Die 60er Jahre sind nicht erst seit gestern integraler Bestandteil und fortwährender Quell popkultureller Auf- und Abarbeitung. Zum Einen liegt dies natürlich an den enormen Einfluss der Beatles, die nach Elvis eine noch größere Begeisterungswelle entfachten und somit Pop endgültig zu einem wirklich globalen Phänomen machten; zum Anderen an der Mitte bis Ende der 60er einsetzenden, immer größer werdenden Diversifizierung innerhalb musikalischer Spielarten und der sich damit bietenden Anknüpfungspunkte. Grob gesprochen ist dort der Grundstein für die Fragmentierung der Popmusik gelegt worden, die heute noch ihren Niederschlag in der Entwicklung immer neuer Genres findet, welche sich oft anschließend in immer speziellere und kleinere Mikrogenres aufspalten. Was soll nun diese Vorrede in Bezug auf das zweite Album von Unknown Mortal Orchestra?

Mit „II“ taucht die Band um Jacob Portrait noch tiefer in die 60er, als sie es auf ihrem Debüt angedeutet oder vollzogen habt. Das geschieht nicht so sehr darin, dass sie versuchen würden, sich einen bestimmten Stil anzueignen oder gar zu kopieren. Ihre Herangehensweise ist eine andere: Unknown Mortal Orchestra emulieren eher einen bestimmten Sound oder ein bestimmtes Sounddesign, welches im kollektiven Unterbewussten vage mit der Vorstellung von „vintage“ verknüpft ist und so das Gefühl einer gewissen Nostalgie und familiären Bekanntheit evoziert. Diese Ästhetik durchzieht auch das Artwork zu „II“. Schmückte das Cover des Debüts noch futuristische Architektur, findet sich auf dem Cover von „II“ eine auf einem Hügel stehende, in ein durchsichtiges Gewand gehüllte Frauengestalt mit diagonal zum Himmel gereckten Schwert vor einer Naturkulisse aus leicht in den Himmel ragenden Nadelgehölz. Eine archaische, nur durch das Schwert ihrer hippieesken Konnotation beraubte Szenerie.

Und auch musikalisch spielen sich Unknown Mortal Orchestra durch eine ganze Palette von geläufigen Stilen: Von beatle-eskem Pop („The Opposite Of Afternoon“) und elektrifiziertem Swamp-Funk („One At A Time“) über angekrautetem Space-Rock („No Need For A Leader“) bis hin zu Breakbeat-befeuertem Psychedelic Pop („Faded In The Morning“) wird einiges geboten. Vieles auf „II“ erinnert mit seinem Eklektizismus an Girls, nichts klingt wirklich neu. Zugegeben, ein Mangel an Innovation ist nicht erst seit Simon Reynolds‘ Proklamation des Kurator-Musikers kein genuines Merkmal mehr für die Wertigkeit von Popmusik, auch wenn Reynolds der Verwaltung der Vergangenheit in „Retromania“ mehr als kritisch gegenübersteht.

Viel spannender als das Beklagen verlorener Innovationsparadigmen ist hier jedoch, mit welcher Versiertheit und Raffinesse Unknown Mortal Orchestra auf der Klaviatur unserer Erwartungen und Gefühle spielen, dabei aber nie in die Belanglosigkeit abdriften oder zur bloßen Soundtapete für die nächste Latte-Macchiato-Bar im Hipsterviertel deiner Stadt verkommen. Auch wenn durchaus die Gefahr besteht, dass genau solche Bars sich auf „II“ stürzen werden. Das ist dann teilweise so paradox wie der Automobilhersteller, der für sein Gefährt mit Internetanschluss zur uneingeschränkten Erreichbarkeit seines Fahrers mit „Stairway To Heaven“ wirbt. Tja, zu lange auf’s Display geglotzt und Posts bei Facebook gecheckt und der nächste Baum ruft: „Hallo, störe nicht meine Kreise!“. Manchmal ist man dem Himmel eben näher als man denkt. Und auch die Musik auf „II“ bringt uns den Himmel ein wenig näher, allerdings nicht so endgültig wie zuvor beschrieben.

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