Eines vorab: Mein erster Kontakt mit AUFTOUREN kam dank eines Girls-Konzertes zustande. AUFTOUREN verloste Freikarten, ich gewann und schrieb zum Dank einen kurzen Konzertbericht. Kurze Zeit später war ich an Bord – Girls sei Dank!

Das Wirken dieser Band ragt also schon ein kleines Stück weiter in mein Leben und meinen Alltag hinein. Girls sind für mich mit einer gewissen Bedeutung aufgeladen, die anderen Bands fraglos abgeht. Folglich riss ich mich um diese Rezension und dieses Album. Doch bereits beim ersten Hören bekam mein vermutlich maßlos idealisiertes Bild unüberwindbare Risse. Spätestens beim dritten Stück „Die“ starrte ich verbittert aus dem Fenster. Als hätten sich Led Zeppelin oder Black Sabbath auf ihre alten Tage an Coverversionen der schlechtesten Stücke von Grinderman und Queens Of The Stone Age versucht. Kollege Uli klagte treffend: „Eine Classic-Rock-Compilation. Nur statt Hits mit lauter B-Seiten.“

Schon die erste Veröffentlichung von Girls bedurfte überhaupt des Titels „Album“, um darüber hinwegzutäuschen, dass es eigentlich gar keines war. Es handelte sich, wie auch bei „Father, Son, Holy Ghost“, lediglich um eine lose Ansammlung selbstreferentieller und -überschätzender Popsongs. Darunter einige gute und einige schlechte. Die Reihenfolge der Stücke ist dabei dermaßen unerheblich und irrelevant, dass man getrost auf Shuffle stellen könnte. Es gibt keinerlei Dramaturgie und übergeordnete Struktur. Und wenn überhaupt, dann läuft das Album einfach durch, zieht vorbei wie ein Faschingsumzug bei Nieselregen: mit viel Schein und lautem Getöse, aber ohne jemals einen Hauch meiner Aufmerksamkeit zu erringen, geschweige denn irgendetwas in mir zu berühren.

Die Musik pendelt dabei stets zwischen platten Rockattitüden, Gospelanleihen und müden Hippiezitaten. Mit „Magic“ wird in der zweiten Albumhälfte schließlich sogar ein bisher nicht für möglich gehaltener Gipfel der Bedeutungslosigkeit erreicht – vielleicht eines der schlechtesten Stücke dieses inzwischen doch recht langen Sommers. „Saying I Love You“ ist die Belanglosigkeit in Versform und mindestens drei Minuten zu lang geraten. Aber hier geht es längst nicht mehr um die Musik. Hier geht es ausschließlich um eine gebrochene Persönlichkeit, die anscheinend endlich eine Plattform gefunden hat um ihre eigene Biographie auszuschlachten und vielleicht sogar, um sich um eine tatsächlich heilsame und therapeutische Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit zu drücken.

Dieser Umstand ist besonders bedauerlich, da Christopher Owens meist seine fraglos dramatischen Lebensumstände besingt, die nun sicher wieder allerorten zur Erwähnung kommen werden. Die hochgradig persönlichen und biographischen Texte erscheinen hier jedoch nur noch weltfremd und egozentrisch. In “Honey Bunny” heißt es bezeichnenderweise „I need a woman who loves me, me, me, me, me“. Es sind oftmals derart selbstverliebte, manische Kleinode, die sich entweder in Selbstmitleid suhlen oder vor Selbstüberhöhung strotzen. Was taugt es jedoch mit derartigen Dingen Aufmerksamkeit zu erhaschen, wenn dies keine weitere Auseinandersetzung auf einer neuen Ebene zur Folge hat?

Auch das angeblich großartige Songwriting entpuppt sich bei genauerem Hinhören meist nur als ein vollkommen willkürlicher Tempowechsel. Die Strukturen der Stücke sind absehbar, folgen immer wiederkehrenden Schemata. Allein der Titel dieses Albums strahlt bereits eine derartig übersteigerte Arroganz aus, dass es nicht verwundern würde, wenn Girls mit diesem Titel auf ihre ersten drei ersten Veröffentlichungen anspielten, die rein zahlenmäßig der Trinität von Vater, Sohn und heiligem Geist entsprechen könnten. Okay, ich beichte: Ich habe mir „Father, Son, Holy Ghost“ kein einziges Mal am Stück angehört. Kein einziger kompletter Durchlauf ohne irgendein Lied wegzudrücken! Das ist nicht fair. Aber dieses Album ist es auch nicht. Vielleicht scheint es zunächst voller Liebeslieder zu sein, bald entpuppt es sich jedoch als das beständige Lechzen nach Liebe ohne jemals etwas zurückzugeben, ohne Einfühlungsvermögen, Empathie und Altruismus. Das ist erst recht nicht fair!

55

Label: Pias UK/Turnstile Music

Referenzen: Black Sabbath, Pink Floyd, Cream, Smith Westerns, Real Estate

Links: Facebook | Label | Albumstream

VÖ: 09.09.2011

11 Kommentare zu “Girls – Father, Son, Holy Ghost”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Ok, Buddy, kann Deine Gedanken komplett nachvollziehen, die Rezi habe ich gern gelesen. Mir allerdings gefällt die Platte ziemlich gut (auch das „Sabbath“-Stück). Aber hey, ich mag ja auch Morrissey;)

  2. Rinko sagt:

    aber hey, du magst auch the hold steady (die ja noch mehr zu diesem sound passen):P

    der einstieg in das album ist in der tat sehr cheesy, aber wird dann doch psychedelischer und besser zum schluss.

  3. Pascal Weiß sagt:

    Und wie ich die mag! Der Vergleich Morrissey war jetzt aber eher auf, sagen wir, „selbstverliebt“ oder „in Selbstmitleid suhlen oder vor Selbstüberhöhung strotzen“ gemünzt;)

  4. Lennart sagt:

    Und ich verehre Morrissey! Das hilft mir aber bei diesem Album auch nicht weiter…

  5. morrissey darf sowas!

    @rinko: ich finde eigentlich, dass das album gerade am ende alle konturen einbüßt. aber gut, ich halte mich jetzt lieber zurück :)

  6. Bastian sagt:

    So schlimm, wie in der Rezension dargestellt, finde ich das Album letztendlich auch nicht. Die liest sich aber auch eher wie, sagen wir mal 30% statt 55%. Nach der verheißungsvollen „Broken Dreams Club EP“ ist das aber in jedem Fall eine ziemliche Entäuschung.
    Und nee, von Morrissey will ich in diesem Zusammenhang hier auch nichts hören.

  7. Martin sagt:

    Hi Constantin, höre mir gerade Father, Son, Holy Ghost an und muss sagen, dass ich komplett entgegengesetzter Meinung bin. Sogar, was „Magic“ angeht: ist meiner Ansicht nach ein richtig guter Song. Kannte die bis letzte Woche noch nicht. Jetzt bin ich Fan :-)
    Aber kennt man ja: Der Kritiker kann immer nur sagen, was die Platte mit ihm selbst macht.

  8. @ martin: ja, natürlich ist so eine kritik auch immer irgendwie subjektiv. aber schön, dass du sie trotzdem gelesen hast! und wären alle geschmäcker gleich, hätte pitchfork hierfür vermutlich keine 9.3 gegeben ;)

  9. Sick sagt:

    Selten eine Rezi gelesen die so weit neben dem lag wie ich es gerade höre.
    Man sagt ja es ist alles irgendwie Geschmackssache. Aber ich halte die Wertung für Bul…, äh mißlungen. Nachvollziehen kann ich da nix. Pitchfork ist ja oft ein elitärer Deppenclub, aber hier haben sie mal richtig Recht gehabt.
    Top Ten des Jahres 2011.

  10. @ sick: selten einen kommentar gelesen der so weit neben dem lag wie ich es gerade höre… nein, stimmt nicht. ich hab das album seit exakt 6 wochen nicht mehr gehört. aber ist doch okay. jedem seine lieblingsalben.

    eines musst du mir aber noch verraten: was macht das album denn so stark?

  11. […] In The Morning“) wird einiges geboten. Vieles auf „II“ erinnert mit seinem Eklektizismus an Girls, nichts klingt wirklich neu. Zugegeben, ein Mangel an Innovation ist nicht erst seit Simon […]

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