Matthew DearBeams

Matthew Dear gilt oder galt lange als Wunderknabe des internationalen Technozirkus und, neben z.B. Ricardo Villalobos als einer der führenden Protagonisten der Minimalszene im vergangenen Jahrzehnt. Unter dem Alias Audion haben seine härteren Tracks wie „Just Fucking“ oder „Mouth To Mouth“ auf Spectral Sound, dem House- und Techno-Schwesterlabel von Ghostly International, so manche Tanzfläche der letzten Jahre in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt.

Die Musik, die er noch länger schon unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht, öffnet er mehr dem Song, wobei der Track immer mitgedacht werden muss, auch weil seine musikalische Sozialisation zum Großteil auf dem Floor stattgefunden hat. Ferner weiß er durch seine dort erworbene Produktionsintuition, wie welcher Sound zeitlich platziert sein muss, bzw. dass Reibung oder Flow oft das angebrachte Mittel sind, um maximale Wirkung zu erzeugen.

Außerdem spielen seine Vocals eine wichtige, wenn nicht zentrale Rolle bei Matthew-Dear-Alben. Daraus, dass er nicht gerade das ist, was man einen begnadeten Sänger nennt, hat Dear mittlerweile eine Tugend entwickelt. Sein markanter Stimmton erinnert dabei an Gary Numan auf Valium und wurde zuletzt 2010 auf dem atmosphärisch dunklen „Black City“ überwiegend euphorisch aufgenommen.

Die schon vorab veröffentlichte Single „Her Fantasy”, die nun „Beams“ eröffnet, versprach vieles und ist in ihrer Song/Track-Mischform und Hell-Dunkel-Hybridhaftigkeit ein mehr als passender Einstieg. Denn musikalisch zeichnet sich „Beams“, ebenso wie schon „Black City“, durch eine fein konstruierte, ambivalente Soundarchitektur aus – immer auf Messers Schneide balancierend zwischen Melancholie und Euphorie, zusätzlich pointiert mit ein wenig After-Hour-Wahnsinn.

„Am I not a great design …/ Do I feel love like all the others/ Or is this feeling just mine”, singt Dear in „Her Fantasy”, um im Anschluss, prominent im Break platziert, zu fragen: „Am I one heartbeat away from receiving a damaging shock to my life/ And believing that love was a cost worth a witness and seeing a larger machine?” Wenn er anschließend in „Earthforms“ über einen galoppierenden Breakbeat und einen an Headman bzw. Peter Hook gemahnenden Basslauf „It’s alright to be someone else sometimes“ intoniert, kann man schon erahnen, wohin die Reise textlich geht. Hier schickt sich jemand an, über die Komplexität der menschlichen Persona zu reflektieren.

Das gelingt ihm richtig gut, ohne uns mit Selbstzweifeln beladen direkt auf die Brücke zu treiben. Daran hat die Musik einen nicht geringen Anteil, weil sie eben in der Schwebe bleibt und meistens ungemein funky ausfällt. Außerdem bietet Dear immer zwei Rezeptionsmodi an: Zum einen kann man sich auf seine Lyrics konzentrieren, andererseits, auch unterstrichen durch ihren androiden Vortrag, diese in der Musik als eigenes Instrument aufgehen lassen.

77

Label: Ghostly International

Referenzen: John Maus, Gary Numan, Headman, Hot Chip, Junior Boys

Links: Homepage | Facebook | Label

VÖ: 24.08.2012

2 Kommentare zu “Matthew Dear – Beams”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Sehr schöne Rezi, deckt sich komplett mit meinen Eindrücken – insbesondere mit dem Spagat zwischen Melancholie und Euphorie.

  2. […] und der Respekt DJ Kozes vor Künstlern aus unterschiedlichsten Genres (Hildegard Knef!, Ada, Matthew Dear, Milosh), die ihn auf „Amygdala“ unterstützen. Er hat Feingefühl für die Individuen, die er […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum