Wild NothingNocturne

Wild Nothings Debüt „Gemini“ war einer dieser erfreulichen Glücksfälle, dem seine vermeintlichen Nachteile zur besonderen Qualität verhalfen. Ohne einen klar umrissenen Stil verschwammen Songs zwischen geradlinigem Jangle-Rock und Drumloop-durchpulsiertem Synthpop im Lo-Fi-Sound zum erstaunlich homogenen Hörwunder, das immer wieder andere Akzente zu setzen vermochte.

Dass sein zweites Album eine erheblich klarere Klanglinie führt, wird dabei ebensowenig überraschen wie der Umstand, dass Jack Tatums Songs weiterhin im (überwiegend britischen) Pop der 80er verwurzelt sind. Sanft bis flott streicht die Hand über den Jangle-Sechssaiter, in „Through The Grass“ hallen Drum und Schelle in den umsynthten Raum als wären wir bei den Simple Minds, auch Peter Gabriel und natürlich The Cure (insbesondere bei „Paradise“) kommen immer wieder in den Sinn. Wild Nothings Klangpalette ist breiter geworden, gleich zur Eröffnung ist „Shadow“ von Streichern verhangen, wenngleich diese wenig mehr als Gitarrenläufe nachspielen. Andersherum wirken Tatums durchaus nette Songs einförmiger, schematischer konstruiert, nichts wird so aufhorchen lassen wie es zum Beispiel der Einsatz von „Chinatown“ auf „Gemini“ vermochte. Zudem ist der gesamte Klangraum des Albums kompakter, nivelliert sein dynamisches Potential auf eine klar umrissene Flachheit.

Nicht viel geschieht in Jack Tatums Texten, und dies in nicht vielen Worten, doch praktisch alles dreht sich um „You“ und „I“: „I know where to find you“ („Nocturne“) „You want to make me spin?“ („Counting Days“), „I can release these signs you won’t hear“ („Midnight Song“) und so weiter. Glückliche Erfüllung findet der Ich-Erzähler keine, das Zwischenmenschliche ist entweder im Scheitern begriffen, bereits gescheitert oder sein zukünftiges Scheitern ist schon allen außer dem Protagonisten klar.

Die verhaltene Melancholie aus zaghafter Distanz im Jetzt und dem Nachtrauern des Gesterns wird auf Dauer eintönig. Selbst wenn „Only Heather“ vermeintlich Freude ausdrücken würde, tröppelt die Musik über Tatums kaum zum Gesang erhobener Stimme dahin, lässt ein „She is so lovely she makes me feel high“ nicht weniger belebt wirken als anderswo einen Ausdruck der impotenten Niedergeschlagenheit. War „Gemini“ wie ein divers gefüllter Nostalgienebel, in dem man an der Sanftheitsgrenze zur Konturenlosigkeit völlig das Zeitgefühl verlieren könnte, lässt die Repetition in „Nocturne“s emotionalem Ausdruck diesen Reiz missen. Eher ertappt man sich dabei, ab dem Mittelpunkt auf die Uhr zu schauen, zu sehen, dass es immer noch fünf dieser grenzuniformen Stücke bis zum Ende durchzustehen gibt.

„Nocturne“ ist sicher nett anzuhören, trabt aber zu oft auf der Stelle, ohne dort etwas zu bieten, das mehr als nett klingt. „All these faces look the same,“ singt Tatum in „This Chain Won’t Break“. Auf Dauer geht es seinen Songs nur allzu ähnlich.

62

Label: Cooperative

Referenzen: Beach Fossils, The Cure, DIIV, Simple Minds, MINKS, Peter Gabriel

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VÖ: 24.08.2012

4 Kommentare zu “Wild Nothing – Nocturne”

  1. Lennart sagt:

    Das Cover aber fetzt. Sieht aus wie ein Band aus der Insel-Bücherei.

  2. Lennart sagt:

    Ach nee, verwechselt. Es gab mal Anthologien, Kunstmärchensammlungen und so was mit solchen Einband. War aber ein anderer Verlag. Jedenfalls sehr hübsch. So hier war das: http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/bildergalerie6776_showImage-2_zc-f4720c3a.html

  3. Es soll sogar sechs Stück davon geben, mit verschiedenen Marmor-Einlagen zum Auswechseln: http://capturedtracks.com/news/six-nocturne-covers-unveiled/

  4. Mhm, das ist sehr, sehr hübsch. finde ich gut. Wäre schön, wenn die Musik da stets mithalten könnte.

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