YeasayerFragrant World

Zwei Jahre sind inzwischen seit der Veröffentlichung von „Odd Blood“, dem letzten Album der New Yorker Indie-Art-Rock-Band Yeasayer vergangen. Nun kommt mit „Fragrant World“ der Nachfolger in die Läden und setzt den Weg in Richtung „voll“ elektronischer Musik konsequent fort.

Klar, es wird immer noch Gitarre gespielt, aber eher als Ornament verwendet oder bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Auch die Bassgitarre spielt eine untergeordnete Rolle, die Tieftöne lassen vielmehr aktuelle elektronische Bassmusiken anklingen und die Bearbeitung mancher Sounds lässt mich mitunter an Flying Lotus – circa L.A.-Phase – denken.

So saugt uns der Stolperbeat von „Fingers Never Bleed“ direkt in die Platte hinein. Wenn dann der Gesang von Anand Wilder und Chris Keating einsetzt, fühlt man sich sofort wieder im Yeasayer-Universum heimisch. Dabei wirkt die vorab veröffentlichte Single „Henrietta“, nach dem ersten Durchlauf, nicht einmal wie ein wirklich herausstechender Song, der den Single-Status stützen würde. Nein, sie gliedert sich vielmehr geschmeidig in den Flow ein, den dieses Album entwickelt. Den ersten Höhepunkt setzt „Blue Paper“. Befeuert durch eine Blubberbassline, Shoegaze-Gitarre und so viele Ideen, dass es für zwei Songs gereicht hätte. Mindestens, denn „Fragrant World“ clappt, klickt, klickert, klingelt und vibriert an allen Enden.

Allerdings wird die Yeasayer-typische Polyrhythmik gerne auch mal mit dominantem Four-To-The-Floor-Beat unterfüttert. Eines der Highlights, „Reagan’s Skeleton“, kann seine Nähe zur 92er Hyme „Sweet Harmony“ der britischen Synthiepopper The Beloved nicht leugnen, funktioniert aber trotzdem prima (oder gerade deshalb?). Auch Hot Chip irrlichtern hier immer wieder durch die Referenzhölle, allerdings haben sich diese im Laufe der Jahre immer mehr in houseaffine Gefilde entwickelt, was sich bei Yeasayer so eindeutig nicht beobachten lässt.

Vom Sounddesign her geistert auch die letzte Liars im Kopf herum, wobei „Fragrant World“ nicht ganz deren sinistere Düsternis erreicht. Mein ganz persönlicher Favorit verbirgt sich jedoch am Ende des Albums und hört auf den bezeichnenden, programmatischen(?) Titel „Folk Hero Shtick“. Das klingt wie folgt: Lo-Fi-Intro trifft auf Warpbass trifft auf Gezirpe trifft auf Flöte trifft auf Throbbing-Gristle-artiges Geflirre im letzten Drittel und der Refrain tönt: “I know what is expected here…“. Wobei das Erwartete selbstredend nie kommt. Schlichtweg großartig! Zum Abschluss schickt uns „Glass Of The Microscope“ gelassen lumineszierend in die Neonnacht.

Ist Instanteingängigkeit ein Merkmal für Beliebigkeit oder eine schlechte Platte? Nein! „Fragrant World“ erweist sich vielmehr als kleine Wundertüte, deren unterschwellige Details es zu entdecken gilt. Und die umso mehr Spaß macht, je lauter man sie hört. Yeasayer umschiffen gekonnt die Dritte-Album-Falle und überzeugen nach „Odd Blood“ erneut durch ihre exzellente Tanzbarkeit und ihre Affinität zu POP.

77

Label: Mute

Referenzen: Hot Chip, Alt-J, Liars, The Beloved, Talking Heads

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VÖ: 17.08.2012

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