Viel wurde geschrieben und fantasiert, meistens unter Bezug auf vergangene Zeiten. Vergleiche wurden gezogen, manchmal hinkten sie mehr, meistens kamen sie schon irgendwie hin. Kristian Matsson, dieser dürre Typ aus der schwedischen Provinz, hat schlicht und ergreifend ein sehr gutes Gespür für großartige Folksongs, die gerne retro klingen, ohne zwangsläufig alles besser finden zu wollen, was früher einmal war. Nun veröffentlicht Matsson, wie gewohnt unter seinem Alias The Tallest Man On Earth, sein drittes Album „There’s No Leaving Now“. Es ist seine bis dato weltlichste Platte.

Eine Menge Lob wurde Matsson zuteil, und das natürlich völlig zu Recht. Seine ersten beiden Alben waren klassische Folkplatten mit herrlichen Gitarrenpickings und schwelgerischen Texten, vorgetragen von einer markanten, windschiefen Stimme. „There’s No Leaving Now“ weist auch all diese Trademarks auf, doch auf signifikante Weise klingen seine Songs geerdeter. Sie leuchten weniger. Und das muss überhaupt nichts Negatives sein. Die zehn Songs sind durch die Bank charakterstark, sind deutlich bodenständiger, ruhiger, weniger aufgekratzt. Man bekommt das Gefühl, dass hier jemand „seine Mitte gefunden hat“, mit sich und der Welt im Reinen ist, jedoch nicht außer Acht lässt, dass es Dinge gibt, über die man gefühlvolle Songs schreiben kann. Näher ans Herz als hier ging Matsson selten.

Vielleicht ist „There’s No Leaving Now“ das sentimentalste Album des Schweden, denn wenn zu Beginn das getragene „To Just Grow Away“ die müden Äuglein öffnet und schon ganz melancholisch dreinschaut, dann weiß man, dass irgendwo immer Herzen gebrochen werden. Das nimmt einen ja dann doch irgendwie mit, auch wenn man gar nichts dafür kann. Man muss Gefühle wie Melancholie, Trauer und Sehnsucht zulassen, dennn there’s no leaving now. Kein Entkommen, face the facts. The Tallest Man On Earth bringt das mit seinen reduzierten Songs auf den Punkt. Und da die Message so klar und deutlich ist und irgendwie jeden betrifft, für den Liebe und Co. mehr sind als luhmannsche Kommunikationscodes, verpackt Matsson seine Stücke zugänglicher als je zuvor. Daran mag man sich aufreiben und enttäuscht abwinken, aber damit ist ja auch niemandem geholfen.

Langeweile kommt dennoch nicht auf, schließlich reicht das Repertoire Matssons vom flotten Uptempo-Folksong „1904“ bis zum gefühlsduseligen Tränenzieherpiano im Titelstück. Dazu kann man dann auch wunderbar in Bettdecken heulen oder mit der Liebsten rotweintrinkend in Erinnerungen schwelgen, wir möchten da nichts ausschließen. Jedenfalls ist klar, dass The Tallest Man On Earth mittlerweile weniger Kauz und mehr Barde ist, vielleicht sogar mehr Nick Drake oder Bert Jansch als Bob Dylan. Das mag für Freunde der ersten beiden Alben befremdlich sein, offenbart aber nur, dass Matsson weitsichtiger ist, als man zunächst vermuten durfte. To burn the old. To swing it low. To lose a skin.

72

Label: Dead Oceans

Referenzen: Bob Dylan, Nick Drake, Bert Jansch, Phosphorescent, Bright Eyes, Bon Iver

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VÖ: 08.06.2012

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