Primavera Sound in Porto: Wo Milch und Honig fließen (II)


Mit den Flaming Lips hätte der Freitagabend eigentlich schon seinen krönenden Abschluss gefunden, aber wir sind hier ja schließlich beim Primavera. Also noch ein paar Takte Wilco mitgenommen(darunter eine äußerst gelungene Version von „Art Of Almost“) und rüber auf die leicht abgelegene, hübsch aufegmachte „All Tomorrow’s Parties“-Bühne zu Shellac. Und was wir hier zu sehen bekommen, sollte sogar die Flaming Lips vor Ehrfurcht erblassen lassen.

Mit dem widerspruchsfrei besten Drummer der Welt und Bassläufen direkt aus der Hölle legt die Band um Steve Albini hier einen ihrer äußerst raren Gigs der Marke kurz und schmerzvoll hin. Jeder Ton gleicht einem Tritt in die Magenkuhle, während einem Albini unbeeindruckt seine zynischen Hasspredigten entgegenbellt. Dagegen kann alles Folgende nur noch verlieren und da man sich letztendlich nicht endgültig zwischen gewohnt schönen Beach House im überfüllten Zelt und den gegen Wolves In The Throne Rooms Black-Metal-Schreieinlagen ankämpfenden Walkmen auf der Hauptbühne nullentscheiden kann, lässt man den Freitag entspannt und umringt von Musik auf der Wiese ausklingen.

Der Samstag ist von leichtem, aber andauerndem Nieselregen geprägt, dem schließlich sogar der Auftritt von Death Cab For Cutie zum Opfer fallen soll. Auch wir entscheiden uns am frühen Abend gegen Veronica Falls und Spiritualized und für Dorade aus dem Ofen. Richtig losgehen soll es dann erst zu Wavves, die gerade genug Teen Spirit und Rock’n’Roll-Posen auf die Bühne bringen, um ihren Mangel an gescheiten Songs zu übertünchen. Die anschließenden Saint Etienne sind zwar nachweislich eine der besten Pop-Bands der Welt, werden aber wohl aber auch mit ihrem diesjährigen Comeback nicht zu einer mitreißenden Liveband. Zu unspektakulär und gehemmt wirkt ihr Auftritt, Sarah Cracknells Glitzerkleid zum Trotz. Besser machen ihre Sache The xx, die zwar erwartbar auch nicht gerade vor Energie strotzen, aber doch eine Prise hypnotisch unterkühlten Glanz in den Nachthimmel zu zaubern wissen.

Vom Liveset des grandiosen John Talabot hätten wir schließlich gerne mehr gesehen, doch leider muss dieser, noch bevor sich richtige Tanzekstase breit machen nullkann, dem grundguten aber leider unerträglich posendem Erol Alkan weichen. Das ist aber auch wirklich das Einzige, was sich an diesem spätnächtlichen Ausklang auf dem Festivalgelände aussetzen lässt.

Das Programm am Sonntag findet nämlich nicht mehr eben dort statt, sondern in der von Frank Gehry erdachten, architektonisch beeindruckenden Casa da Musica. In diesem philharmoniegleichen Gebäude soll als krönender Abschluss des Festivals schließlich das Ereignis stattfinden, auf welches nicht wenige der etwa 10 bis 20 000 Besucher das ganze Wochenende sehnsüchtig gewartet haben. Die beschränkte Anzahl an Plätzen scheint da natürlich bitter und ob sich die Mühen, ein begehrtes Sonderticket zu ergattern, letztendlich gelohnt haben, ist nach einem der wenigen Auftritt Jeff Mangums seit den Tagen von Neutral Milk Hotel wohl auch nicht endgültig klar. Dieser liefert nämlich, von all dem Rummel reichlich unbeeindruckt, ein kurzes Best-Of-Set seiner alten Stücke auf der Akustikgitarre ab und dürfte damit den einen oder anderen leicht entäuscht zurückgelassen haben. Auch eine lebende Indie-Legende ist eben nur ein Mensch, wie das Primavera eben auch nur ein Festival ist. Ein zwar irgendwie ernüchterndes aber keineswegs bitteres Fazit, das sich nach vier tollen Tagen in einer wunderschönen Stadt, ein paar Haken mehr auf der „Muss ich im Leben gesehen haben“-Liste und einigen wirklich grandiosen Konzerten ziehen lässt.

Bilder: Nuno Fangueiro (Festival/John Talabot) / Nuno Moreira (Shellac).

Ein Kommentar zu “Primavera Sound in Porto: Wo Milch und Honig fließen (II)”

  1. […] Es folgen die Flaming Lips, über deren unglaubliche Liveshow nun ja schon allerhand berichtet worden ist. Luftballons, Konfettiregen und Lasershow gibt es auch dieses Mal im Übermaß. Aber die Flaming Lips wären eben nicht die Flaming Lips, wenn sich ihre Qualitäten nicht über dieses manchmal vielleicht ein bisschen vorhersehbare Tohuwabohu hinaus erstrecken würden. Nein, dieser Auftritt ist erst deswegen so groß, weil die Band eben auch für einige der besten Songs aller Zeiten verantwortlich zeichnet. Und auch wenn die Setlist letztendlich den einen oder anderen Lieblingssong (vor allem von ihrem Opus Magnum „The Soft Bulletin“) vermissen lässt, bleibt spätestens beim abschließenden „Do You Realize?“ kaum ein Auge mehr trocken. [Zu Teil 2] […]

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