Primavera Sound in Porto: Wo Milch und Honig fließen (I)


Festivalnachberichte gehören – wie Open Air-Festivals im Allgemeinen – ja zu den überflüssigsten, beziehungsweise am meisten überschätzten Dingen der Popkultur. Jaja, die Atmosphäre war trotz Dreckwetters wieder mal unglaublich familiär und dass der groß angekündigte Headliner im allerletzten Moment leider doch absagen musste, tat der bombigen Stimmung natürlich keinen Abbruch.

Dass man als Nicht-Pressemensch drei Stunden lang vor der Zeltbühne im Regen warten musste, nachdem man den Vormittag zwischen Ärzte-Best-Ofs und Bierbong saufenden Brüllaffen einigermaßen würdevoll überstanden hatte, wird im nachwirkenden Freibierrausch dann gerne mal großzügig verschwiegen. Schlamm und mangelnde Körperhygiene fördern ja ohnehin die Legendenbildung. Träumen kann man da nur von Zuständen, wie sie auf dem sagenumwobenen Primavera herrschen müssen. Im fernen Barcelona, wo Indie-Milch und Indie-Honig fließen, im Lineup Hochkaräter auf Lieblingsband folgt und man sich den ganzen würdelosen Quatsch mit dem Zeltplatz – günstigen Hostels sei Dank – einfach mal erspart. In diesem Jahr fand das Primavera in leicht abgespeckter und etwas günstigerer Variante auch im portugiesischen Porto statt. Zeit für einen Selbstversuch in Festival Deluxe.

Wer Porto kennt, dem braucht man nicht lange von der Schönheit dieser einigermaßen beschaulichen, an der gar nicht einmal allzu sonnigen nordportugiesischen Küste gelegenen Stadt vorzuschwärmen. Mit seinen dunklen, frühindustriell geprägten Gassen, die auch einem Charles-Dickens-Roman entsprungen sein könnten, bildet es das bescheidene, aber kaum minder schöne Gegenstück zur prächtigen Hauptstadt Lissabon. Die verfallenen Altstadthäuser versprühen einen melancholischen und fast schon morbiden Charme, der einen als Mitteleuropäer wundern lässt, wo eigentlich all die hippen Szenemenschen und geldschweren Investoren bleiben, die hier einmal ordentlich durchgentrifizieren.

Das Festivalgelände hingegen liegt im Parque da Cidade in unmittelbarer Nähe zum Strand und gibt mit seinen sanften, grünen Hügeln ein ungleich natürlicheres Bild ab. Kaum angekommen, finden wir uns in portugiesisch entspannter Atmosphäre vor der Hauptbühne wieder, wo Yann Tiersen mit einem unerwartet energetischen Auftritt den Sonnenuntergang einleitet. Das Ganze hat angenehm wenig mit dem zum Klischee verkommenen Amelie-Soundtrack zu tun, lässt in seinen furios wundergeigenden Momenten aber leider aber auch hin und wieder etwas David Garrett durchschimmern. Aber nunja, wir sind ja gerade erst angekommen. Allerdings soll auch der restliche Donnerstagabend musikalisch keine Bäume mehr ausreißen. Die Organisation mit den zwei im Wechsel bespielten Hauptbühnen funktioniert zwar perfekt, die Auftritte von The Drums (man hätte es vorher ahnen können) und den dandyesk stadionrockenden nullSuede lassen aber zumindest uns nicht unbedingt das Herz aufgehen. Den Abschluss des ersten Abends bilden dann The Rapture mit einem streng genommen auch nicht vollends stimmigen Auftritt, der aber, gestiegenem Alkoholpegel und Tanzlust sei Dank, als erstes Highlight dieses Festivalsommers in die eigene, verklärte Erinnerung eingehen soll.

Der Freitag beginnt angenehm spät. Den Nachmittag bespielen größtenteils nicht über die Landesgrenzen hinaus bekannte lokale Bands, die gegen den pitchforklastigen Rest des Line Ups leider kaum eine Chance haben. Auch wir treffen erst gegen 19:00 Uhr auf dem Gelände ein und entscheiden uns aus einer spontanen Laune heraus gegen Yo La Tengo und für The War On Drugs. Ob das letztendlich die richtige Wahl war, wird sich nachträglich nicht mehr klären lassen. Letztere jedenfalls liefern durchaus solide, wenn auch etwas unspektakulär servierte Kost zwischen Shoegaze und Dylan ab. Ein netter Einstieg in den Abend, dem ein ausgesprochen gut aufgelegter Rufus Wainwright grandios gesungen und mit spielfreudiger Mucker-Band sein erstes kleines Krönchen aufsetzt.

Es folgen die Flaming Lips, über deren unglaubliche Liveshow nun ja schon allerhand berichtet worden ist. Luftballons, Konfettiregen und Lasershow gibt es auch dieses Mal im Übermaß. Aber die Flaming Lips wären eben nicht die Flaming Lips, wenn sich ihre Qualitäten nicht über dieses manchmal vielleicht ein bisschen vorhersehbare Tohuwabohu hinaus erstrecken würden. Nein, dieser Auftritt ist erst deswegen so groß, weil die Band eben auch für einige der besten Songs aller Zeiten verantwortlich zeichnet. Und auch wenn die Setlist letztendlich den einen oder anderen Lieblingssong (vor allem von ihrem Opus Magnum „The Soft Bulletin“) vermissen lässt, bleibt spätestens beim abschließenden „Do You Realize?“ kaum ein Auge mehr trocken. [Zu Teil 2]

Bilder: Hugo Lima (Festivalgelände) / Nuno Fangueiro (The War On Drugs).

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