Der Liedschatten (66): Bach blass

Procol Harum: „A Whiter Shade of Pale“, Juli – August 1967

„Vermögen Bach, Brahms, Schubert und Wagner nicht zu unterhalten? Sind Schlager denn niemals ernst?“

„Klar können erstere, sind letztere das. Was für alberne Fragen.“

Ihre Beantwortung könnte aber auch anders ausfallen, nämlich dann, wenn man von der Werkform ausgeht. Es scheint zum Beispiel für viele Menschen alles andere als fragwürdig, dass ein Oratorium ernster als ein Strophenlied ist, unabhängig vom Inhalt, allein wegen der Form. Immerhin ist zum Verfassen eines Oratoriums ein Mehr an überlieferten Kompositionstechniken nötig. Vereinfacht ließe sich sagen: Beim Schaffen einer als „ernst“ zu beurteilenden Musik zählen Fleiß und Bildung. Sie lässt sich, anders als ein Lied, nicht „einfach so“ schreiben. Und obendrein schweben noch Ideale, Gott, Menschlichkeit, Freiheit, Würde, Schicksal und Ähnliches durch die Stube des Maestros. Dementsprechend wird „ernste Musik“ dann auch gehört, man stelle sich nur einmal das Innere eines Konzerthauses vor.

Nun besitzt ein Werk nicht per se einen festgelegten ideellen Gehalt. Ein christliches Oratorium wirkt unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen albern, sogar dann, wenn es kunstvoll ist. Gleichfalls ist die Rolle des Komponisten als inspirierter Könner nicht ewig festgeschrieben. Sie und die Unterscheidung in „Unterhaltungsmusik“ und „Ernste Musik“ basieren auf Traditionen und haben nichts mit der Musik an sich zu tun. Und obwohl in den Lehrplänen oft von beidem die Rede ist, dürfte sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass eine solche Trennung wenig sinnvoll ist.

In den 1960ern konnte davon noch nicht die Rede sein. Schrieb eine Band herausragende Musik, staunten die Journalisten und verglichen sie mit dem, was ihnen als das Gute galt, also Werken und Komponisten aus dem Kanon ernster Musik, zum Beispiel die Beatles mit Bach oder Schubert. Dadurch konnten sie bei gleichzeitiger Wahrung des Status quo gelobt werden.

Die Gleichsetzung mit Autoritäten des Bildungskanons erweist sich auch hinsichtlich der Konsumenten als sinnvoll, lässt sich so doch erhobenen Hauptes sagen: „Ja, ich höre Pop. Aber meine Lieblingsband hat Trompeten wie Bach!“ – eine Aussage, die weit genug getrieben schaurige Furchtbarkeiten wie das Schaffen eines David Garrets hervorbringt. In solche Abgründe wollen wir uns heute aber nicht stürzen, im Gegenteil, wir betreten einen lichtdurchfluteten Hain.

Hain? Nein, Park. Und hübsche Anziehsachen. Ach ja, und ein sehr, sehr guter Song.

Den Zeitgenossen Procol Harums war bei Erscheinen des Liedes klar: Das hier muss Bach oder aber zumindest von ihm inspiriert sein. Das höre man doch sehr eindeutig an der Orgel. Und deshalb sei das Lied so beachtlich, ein Popsog mit Bachzitat, wie außergewöhnlich.

Daran hat sich auch heute nichts geändert, bloß: Was soll das? Wie kann die Feststellung, dass eine auf einem Instrument mit Klaviatur gespielte Melodie durch einen der wichtigsten Komponisten europäischer Kunstmusik beeinflußt sei, für Erstaunen und Ehrfurcht sorgen? Und das, wenn Auszüge aus seinen Werken, zum Beispiel „Jesu bleibet meine Freude“ oder auch „Air“ sich einer schlagerhaft anmutenden Beliebtheit erfreuen? Macht hier einfach Wiedersehen Freude, fühlt man sich, wie oben bereits erwähnt, geschmeichelt, oder ist die bloße Vorstellung, ein Popmusiker habe eine Ausbildung am Instrument genoßen oder sei womöglich selbst ohne diese nicht weniger dumm als ein Musikschüler, so sensationell?

mann_clownWir wissen es nicht und wenden uns lieber wieder der Debütsingle der britischen Gruppe zu, ihrem mit 10 Millionen verkauften Exemplaren größtem Hit. Auch unabhängig von der Beschaffenheit ihres Parts ist dort die Dominanz der Hammondorgel gegenüber sämtlichen anderen Instrumenten auffällig. Mit Kenntnis der späteren Entwicklungen innerhalb der Popmusik lässt sich darin ein erstes Andeuten des Sounds von Progressive- oder Art-Rock-Bands wie King Crimson, Yes, Genesis, Emerson Lake & Palmer und Gentle Giant im kommerziell relevanten Popbereich sehen.

Was „A Whiter Shade Of Pale“ jedoch fehlt, ist deren Weitschweifigkeit. Songstrukturen bleiben bei einer Spielzeit von gut vier Minuten unaufgelöst, die Dynamik wechselt überschaubar zwischen zurückgenommen in der Strophe und ausbrechend im Refrain. Unüblich hingegen ist, neben der Hierarchie der Instrumente, der Text.

Strawberry Fields Forever“ zeigte uns, wie weit sich Popsongs von den Gepflogenheiten einer Erzählung zu entfernen vermögen, dass es auf die üblichen Reizworte – in etwa „love“, „dream“, „girl“, „boy“, „lonely“, „happy“ – zumindest in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre nicht mehr ankam. „A Whiter Shade Of Pale“ verhindert nun die Beschränkung dieser Feststellung auf einen Sonderfall durch die Bemerkung, es habe sich ja schließlich um die Beatles gehandelt. Zwar trägt Sänger Gary Brooker auf den ersten Eindruck eine Geschichte vor, das Lesen des Textes von Keith Reid hingegen zeigt, dass sich diese so wohl kaum zugetragen haben dürfte.

„We skipped the light fandango
turned cartwheels ‚cross the floor
I was feeling kinda seasick
but the crowd called out for more
The room was humming harder
as the ceiling flew away
When we called out for another drink
the waiter brought a tray

And so it was that later
as the miller told his tale
that her face, at first just ghostly,
turned a whiter shade of pale(…)

Es folgt in der Singleversion noch eine Strophe, in der unter anderem „vestal virgins“, also Vestalinnen, vorkommen, deren Anwesenheit leider nichts zur Erläuterung des Songinhaltes beiträgt. Eine endgültige verständliche Erklärung durch Reid steht übrigens noch immer aus, was für zahlreiche, oft sehr unterhaltsame Theorien sorgt. Unter anderem drehen sie sich um Arthur Miller und Marilyn Monroe, Nazis und Nonnen, die Titanic und Sex am Strand des Ozeans, nachzulesen sind einige davon hier. Recht amüsant und verwunderlich ist ebenfalls diese Sammlung von der Verwendung des Songtitels als oft variierte Redewendung.

Den Erfolg ihrer ersten Veröffentlichung vermochte die Band nicht fortzusetzen, jedoch blieb ihr das übliche Schicksal eines One-Hit-Wonders wie zum Beispiel David Garrick erspart. Bis zu ihrer Auflösung 1977 wurden Procol Harum zumindest für Fans des Genres zu einer festen Größe des Progressive Rock und schafften es ab den 1990ern, ein immerhin für Freunde des Kitsches weniger peinliches Comeback hinzulegen.

Eure Eltern könnten auch Hansi Hinterseer anhimmeln: Procol Harum unterfordern auch heute noch gerne hin und wieder ein ganzes Orchester.

Eine kurze Anmerkung hinsichtlich des Liedschatten: Am 31. 05. 2012 findet in der Gesellschaft / Hamburg eine Feier anlässlich des Erscheinens der zweiten Ausgabe des Fanzines Transzendieren Exzess Pop statt. Zu diesem Anlass werden (unter anderem) Texte des Liedschattens durch musikalische Darbietungen ergänzt gelesen.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (66): Bach blass”

  1. Eine dieser unverwüstlichen, atmosphärischen Balladen, zu denen sogar noch zu meinen Teenager-Zeiten eng aneinander geschmiegt getanzt wurde. Schön.

    Und ein Orchester unterfordert ohnehin alles, was nicht für ein Orchester komponiert wurde. Das sagt schon mal gar nichts über das Ausgangsmaterial aus. Ohne Orgel klingt das Lied aber wirklich blass. Das könnte man freilich über alle Werke sagen, die für eine Orgel gedacht sind.

  2. Das war ja auch gar nicht böse gemeint, das mit dem unterfordern… ich finde es eher liebenswert, wie da eine idee bewahrt wird.

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