Der Liedschatten (58): Biegen, beugen, bücken.

Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich: “Bend It”, Oktober – Dezember 1966

Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, das muss man sich mal vor Augen halten. Und? Wie sieht das aus? Eben. Da kann hier noch so oft “Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich” stehen, am Ende ist es dennoch schier unmöglich, sich Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich zu merken. Ein Dialog wie der folgende ist also eher unwahrscheinlich:

„Was läuft denn da in unserem Autoradio?“

„Ein Sender, der sich den an anderer Stelle eher selten erinnerten, aber durchaus populären Hits vergangener Jahrzehnte, bevorzugt der 60er und 70er, aufgrund des neu angebrochenen Jahrzehntes aber auch der 80er, widmet.“

„Ah! Wer mag es ihnen dann verdenken, dass sie heute schon zum zweiten Mal ein Lied der britischen Gruppe Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich spielen?“

„Ich keinesfalls, vor allen Dingen, da sich die Stücke der britischen Gruppe Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich durch phantasievolle Sujets und Schlüpfrigkeit auszeichnen.“

„Wer würde dem nicht beipflichten? Man denke nur an die energische Peitsche, die ihrer ‘Legend Of Xanadu‘ einen ganz besonderen Reiz verleiht.“

„Die im Übrigen ja aber ein als anerkanntes Mitglied der Orchester Verwendung findendes Schlaginstrument ist.“

„Wobei aber nicht nicht zu vergessen sei, dass es sich bei dieser nicht um eine echte Peitsche, sondern zwei Holzlatten handelt, deren Verwendung als echte Peitsche in Orchestern eher unüblich ist. Eine echte Peitsche sollte in Orchestern nun aber auch keine Verwendung finden.“

„Taktstock statt Peitsche, so soll es recht sein, ein jedes Orchester halte darauf bitte große Stücke.“

„Ja, aber es halte sie nicht zum Besten, ha, ha, ha.“

„Ha, ha. Dürfte ich Dich darauf hinweisen, dass Dein soeben geäußertes Wortspiel mit einem echten Wortspiel nur so viel Gemeinsamkeit hat wie die echte Peitsche mit der im Orchester verwendeten?“

„Du meinst genau so viel wie zum Beispiel die britische Gruppe Dav Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, durch deren Lied angeregt wir unsere noch immer andauernde Konversation begannen, mit einer echten Musikgruppe wie den Kinks in etwa?“

„So ungefähr, ja. Man hält nämlich keine großen Stücke zum Besten.“

„In einigen Theatern sehr wohl.“

„Ha, ha. An einigen Tagen glaube ich, unsere späte Heirat basiere nur auf dem Wunsch, so oft wie möglich mit Dir zum Baumarkt zu fahren, um Dachschindeln für unser kleines Haus zu erwerben.“

„Ja, so leicht finden sich Erfüllung und ein froher Lebensabend.“

So sprechen doch keine Menschen, so empfindet niemand, nein, unsere Welt ist nicht angefüllt mit Dachschindeln erwerbenden, in trauter Lieber alternden Ehepaaren, jedenfalls nicht zur Gänze. Sondern von Menschen unterschiedlichster Coleur, die allesamt den Hit der britischen Band „Dave …“ aus dem Jahre 1966 kennen dürften, „Bend It“ geheißen, aber gerne als „Bandit“ falsch verstanden und nicht nur aus diesem Grund mit allerlei abenteuerlichen Gedanken verbunden.

http://www.youtube.com/watch?v=bq-hNuOFHeQ

Andere bückten sie (womöglich) hoch: die Band mit den vielen Namen

davedee_bendSo falsch ist das nicht, lassen sich dem Text doch allerlei Zweideutigkeiten attestieren. „Bend it“, das könnte allerlei bedeuten, gewiss ist nur, dass es etwas mit biegen, beugen oder auch bücken zu tun hat. Und als Folge einer solchen Bewegung würden dann des Liedes Protagonist und seine Liebste wie zwei Puzzleteile zusammenpassen, woraufhin „we’re gonna hit the heights“ ermöglicht würde. Dabei wichtig: „take it easy, show you’re likin’ it / and ahhh… show me now, yeah, that’s right“.

Und tatsächlich, das vom Komponisten Ken Howard und dem Autoren Alan Blaikley für die britische Gruppe geschriebene „Bend It“ befeuert nicht nur textlich, sondern auch musikalisch zotiges Denken. Wie ein jeder zweite Schlag betont wird, hat – je nach Auslegung – etwas ruck- oder gar stoßartiges, die Temposteigerung suggeriert Ausgelassenheit oder auch Ekstase, wie sie ein oben im Video vollführter Tanz sicher nicht mit sich bringt. Frontmann David John singt dazu nachdrücklich und mit rauer Stimme die titelgebenden Schlagworte „bend it“, ob animierend oder selbst animiert, entscheide ein jeder bitte nach eigenem Gutdünken. Das taten auch die britischen Radiosender, die den Song aus ihrem Programm verbannten.

Kommen wir noch einmal zurück zum Text, in diesem gibt es nämlich eine sehr geschickte Stelle, die zu den Schlüssen der bisher erfolgten Interpretation auf den ersten Blick nicht so recht passen will, die These der Zotigkeit letztendlich aber nur noch mehr untermauert. Es handelt sich dabei um „I’m so insecure“. Unsicher? So balzt es sich doch schlecht, es sei denn, es handelt sich dabei um kokettes Tändeln, schließlich folgt darauf ja die Zeile „but you can make me feel that I am sure“. Vielleicht ist die Unsicherheit ja auch nur betrunkene oder aus anderen Gründen ungestüme Geilheit, eventuell auch aufgekratzte Unerfahrenheit, wie sie jugendlichen Menschen bekannt sein könnte.

Der Text lässt also vieles offen und damit, wie auch zahlreiche Schlager, vieles zu. Die Weite der Auslegung wird auch möglich durch das Klischee des Exotischen, sorgt doch die Imitation einer Bouzouki durch eine elektrische Mandoline für folkloristisches Flair. Und Folklore, das ist laut landläufiger Meinung das „Ursprüngliche”, „Erdige”, „Unmittelbare”, was zwar im Widerspruch zum drucksigen Text steht, eine Auslegung in Richtung Sex aber noch befeuert.

Für „Dave Dee …“ war „Bend It“ bereits der dritte Top-Ten-Hit im gleichen Jahr, auf seine Vorgänger „You Make It Move“ (wer möchte, kann sich auch hier wieder etwas denken: „through the night I just long for you to hold me / sleeplessly I remember things you told me […] you make it move“) „Hold Tight“ („just ride my round-about […] you suit me for size […] you’ll soon ring my bell“, naja. Auch das ist auslegbar, das Stück aber toll), in den nächsten beiden Jahren folgten fünf weitere.

Alle wurden von Howard und Blaikley geschrieben und waren, wenn auch niemals brillant, so doch zumindest verspielt und reichlich eigen, wobei die größte Seltsamkeit der erste Hit des Autorenduos, „Have I The Right“, sein dürfte, interpretiert durch The Honeycombs.

 Als ob sie sich nicht eh schon allerhand rausnehmen würden: Die Honeycombs wollen Rechte.

Sicher, die zeitgenössischen Stücke von Bands und Songwritern wie den Beatles, Rolling Stones, Kinks und Beach Boys waren direkter, gewagter, visionärer, und, bei allem Ungestüm, vor allen Dingen stimmiger und reifer. Der Erfolg einer Gruppe wie „Dave …“ oder auch des millionenfach verkauften Songs der Honeycombs zeigen jedoch, wie sehr die Musikproduktion Mitte der 1960er vom Gedanken des Neuen durchdrungen war, welchen Vertrauensvorschuss selbst eher ungelenke Ansätze erhielten und was für eine erstaunlich geringe Rolle Perfektion für den Erfolg spielen konnte.

Die dadurch mögliche Vielfalt in den Charts brachte nicht per se gute Songs mit sich, ist aber ein Zeichen für eine ästhetische Unvorhersehbar- und Durchlässigkeit, wie sie gegenwärtig leider nicht gegeben ist, jedenfalls nicht im Bereich kommerziell relevanter Musik. Warum das traurig ist? Weil es doch schön wäre, wenn mehr Musiker und nicht nur Musik verwaltende Angestellte von Musik leben könnten, deshalb.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (58): Biegen, beugen, bücken.”

  1. Du sucht zu sehr den Sex in den Liedern ;) Aber der spielt selten eine Rolle, weil Doppeldeutigkeiten bei den meisten Hörer ohnehin nicht ankommen, weil man stets mit dem Holzhammer draufhauen muss, wenn man eine sexuelle Botschaft unters Volk bringen will. Otto Normalhörer hatte damals wie heute nur Rhythmus, vielleicht noch einen netten Mitgröhl-Refrain im Kopf. So ungelenk find ich Bend It gar nicht mal.

    Aus dem einleitenden Dialog werde ich nicht schlau (Humordefizit?).

  2. Der sexuelle Holzhammer in diesem Fall ist dann wohl der kokett abwechselnd gehobene und gesenkete Finger des Sängers…Aber ich weiß nicht, denkst du wirklich, dass die meisten Hörer sexuelle Untertöne gar nicht bemerken? Bei eindeutigen sexuellen Bildern im Schlager z.B., da weiß doch jeder Bescheid, grinst debil, stupst sein Gegenüber augenzwinkernd in die Hüfte und so, nur ausgepsrochen wird da nichts. Ein Code des Schweigens, der sich blöde wissend aufführt, ohne Dinge auszusprechen. Zumindest habe ich eine solche Verabreitung von Sexualität in Musik schon (zu) oft erfahren müssen.

    Aber zur Klärung der Frage müsste man wohl Otto Normalhörer mal fragen…

    Und zum einleitenden Dialog: Lies es als Flirt! Als eigentümlicher und seltsamer, übertrieben affektierter Flirt.

  3. Klar, das sind alles Interpretationen, Thesen, Vorschläge, auch das mit dem Sex. Für mich ist das in diesem Fall einfach “klar”, was ja nun aber nicht bedeutet, dass dem so sein muss. Aber irgendwas muss, nein, möchte ich ja schreiben, und wenn ich erst einmal Zotiges entdeckt zu haben glaube, dann… naja, dann steht so was wie oben da.
    Und der Dialog? Das ist ein Dialog, wie es ihn nicht gibt, geben kann. Und in Dingen, die’s nicht geben kann, kann ja jeder sehen, was er oder sie will. Sebastian hat da einen ganz interessanten Ansatz, finde ich. Und “Humordefizit”… das ist doch wohl ein zu starkes Wort. Ich hab’ beim Schreiben auch nicht die ganze Zeit gekichert. Nur ein bißchen.

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