Bitchez, Niggas, Pussy Lyrics. Aus allen Richtungen ziehen die neuen Akteure der Hip-Hop-Szene ihr Genre durch die eigene Soße. Um es mit Tyler the Creators Worten zu sagen: „Klingt, als wenn ein paar Kinder zu Weihnachten ordentlich eins in die Fresse bekommen“. Auch der Rest der Odd Future Crew, Porno-Rapper Spank Rock (Big Dada) und Eminems Ziehkind Yelawolf gehen mit dem neuen Flow. Ausgerechnet auf Big Dada meldet sich jetzt eine Frau zurück, die all der männlichen Ironie eine erlösende Ernsthaftigkeit entgegensetzt und dem Hip Hop seine Credibility zurückgibt.

Wenn es Kunst ist, simple Sprache in pure Poesie zu verwandeln, gebührt Speech Debelle der Meistertitel. In charmantem Britisch springt sie von „spricht“ zu „singt“, jongliert draufgängerisch mit den Silben, fängt jeden Reim artistisch auf. Kein Kunststück? Viele Augen wachen über die 28-Jährige, seit sie 2009 beim Mercury-Prize mit ihrem Debüt Konkurrenten wie La Roux, Florence And The Machine oder Kasabian ausstach. Der letzte Rest Niedlichkeit ist von der Stimme geschüttelt. Auch das Kindheitstrauma über den Vater, der sie verließ, weicht Erkenntnissen über die Komplexität menschlicher Beziehungen. „If I stay here any longer than I’ll be a liar“ (“Elephant”). Nichts Naives schwingt mehr mit in dieser Auseinandersetzung mit dem Wissen der Elterngeneration. Einzigartig, reflektiert und authentisch wie zuvor. Speech Debelle näht selbst gewebten Stoff.

Auf „Freedom Of Speech“ entwirft sie mit ihrem Gespür, dafür immer die richtige Form zu finden, eine kontrastreiche Kollektion. „Blue“ ist (ihr) zeitloser Schick – entschleunigte, zurückgenommene Akustik-Melancholie aus Gitarre, Klavier und Streichern lässt genügend Raum, über Zweifel („What am I running from?“ – Sun Dog) und Fehlbarkeit („I was a fool… letting you walk away from me“ – Shawshank Redemption) zu sinnieren. Doch „Freedom Of Speech“ ist in erster Linie das Werk einer Frau, deren Musik für „real freshness and individuality“ mit 20.000 Pfund ausgezeichnet wurde. Hier dominiert die Selbstsicherheit, und die Stärke der Künstlerin ist die Stärke des Albums. Energisch galoppiert Debelle mit ihren Reimen auf rissigen Gitarrenriffs davon. „I don’t believe what they say, listen!“ („The Problem“). Bedrohlich zeichnen Hooks aus dunkelsten Klaviertönen das Horrorszenario Ressourcenknappheit, fügt sie Buchstabe um Buchstabe ein unruhiges Bild zusammen: „This is a war that no one is safe from“ (“Collapse”). Produzent Kwes setzt dabei zum Großteil auf analoge Instrumente wie Klavier, Kontrabass und  Schlagwerk und beweist damit den richtigen Instinkt.

Gerade auf dieser starken zweiten Albumhälfte kommuniziert Speech Debelle die kompromisslose Dringlichkeit, die sie schon nach den England Riots vergangenen Sommer in der Öffentlichkeit präsentierte. Damals leakte sie „Blaze Up A Fire“, worin sie gemeinsam mit Kollege Roots Manuva Solidarität mit den Perspektivlosen bekundet. Anderswo heißt es „I live for the message“. Das hat Credocharakter und steht ihr so gut, dass sie, würde sie ihren Blick noch häufiger aufs große Ganze lenken, noch den letzten Verdrossenen mit ihrer subversiven Stimmung anstecken könnte. Glaubwürdigkeit ist zeitgemäßer denn je.

81

Label: Big Dada

Referenzen: Ms Dynamite, DELS, Roots Manuva, Micachu, Brand New Heavies

Links: Homepage | Facebook | Albumstream

VÖ: 10.02.2012

3 Kommentare zu “Speech Debelle – Freedom Of Speech”

  1. Arno sagt:

    Wow,klingt ja fast so als könne Sie mühelos auf Speech Therapy aufbauen,bin sehr gespannt jetzt. Scheint echt ne ziemliche Ausnahmeerscheinung zu sein, die Gute.

  2. Die Vorabsongs gefallen mir sogar schonmal besser als das Debüt.
    Authentizität hin oder her, ist das auf jeden Fall mal eine gelungene Abwechslung von den ganzen Clowns. Der bessered Hip Hop kommt zur Zeit meistens wirklich aus UK, siehe auch DELS und Ghostpoet, die letztes Jahr leider nicht ansatzweise die Aufmerksamkeit bekommen haben, wie Tyler und Co.

  3. schönes Album durch und durch, besonders die zweite Hälfte. Dem Vorgänger ebenbürtig, den es übrigens bei jpc gerade für 7.99 Euro gibt: http://bit.ly/z1Qmzb

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