Big DealLight Out

Genau so wenig, wie Songwriting an die Akustische gebunden ist, basiert Rock auf treibendem Bass und Schlagzeug. Genau so wenig, wie Angst eine Frage des Alters ist, basiert emotionale Wucht auf etwas anderem als … emotionaler Wucht. So dumm das auch klingen mag.

Big Deal bestehen aus der der juvenilen Elfe Alice Costelloe und der sonoren Reife von Kacey Underwood. Sie kommt aus London, er aus Amerika. Als er Gitarrenlehrer an ihrer Schule war, brachte er ihr „Teen Age Riot“ bei und sie schrieben Songs zusammen. Sie wurden zu Big Deal und „Lights Out“, ihr Debütalbum, wurde in nur einer Woche aufgenommen und bereits im Herbst in England veröffentlicht. Nun erscheint es auch hierzulande.

Die Songs schweben auf den Gitarren und Stimmen der beiden, kein Schlagzeug, kein Bass, keine elektronischen Spielereien. So sonnendurchflutet wie das Plattencover sind aber nur die Ahnung von 70er-Folk und die offensichtliche Kontemplation des Arrangements. Der Rest sind süße, jugendliche Abgründe, die sich aus Verzweiflung und Sinnsuche speisen und auch gern mal versuchen, sie im Schlafzimmer zu finden. Womit nicht die handelsübliche Lo-Fi-Spielwiese Schlafzimmer gemeint ist, sondern die handelsübliche sexuelle Spielwiese. So zotig das auch klingen mag. Die lyrische Welt von Big Deal scheint auf Costelloe zugeschnitten zu sein, wenn sie davon singt, ihre Hausarbeiten nicht machen zu können, älter werden zu wollen, aber doch nur ein Kind ist. Adoleszente Zerrissenheit und Teenage Angst erschaffen die Katharsis des Erwachsenwerdens. Nur Enttäuschungen lassen uns reifen und immer währendes Glück ist Kinderkram.

Dabei sind die Gesten der E-Gitarre groß gesetzt wie in der Ode an Distanz und Vergänglichkeit, „Distant Neighbourhood“, die Hooklines, sofern sie nicht unter Gesäusel und Geschrammel verschwinden, sind die eingängiger Popmusik: „You don’t trust me to sit on your bed, put me on a chair in the corner instead“ („Chair“). Das ist simple, direkte Songwritingkultur, die in sich genügsam und aus sich heraus wirksam ist und es immer wieder versteht, Elemente an Schönheit zu erhaschen und nicht zu konstruieren: Das Zither-ähnliche Gitarrenspiel auf „Homework“ z.B., welches sich in geringstem Radius um sich selbst dreht. Oder der dunkle, Feedback-dröhnende Kontrapunkt zu Costelloes reinen Irrungen und Wirrungen: „All I wanna do is talk, but seeing you fucks me off“ („Talk“). Oder das klassische Rockgitarrensolo in „With The World At My Feet“, das ganz ohne Rhythmusabteilung offensiv wie eingängig rockt. Die Stimmen der beiden ergänzen sich prima: Seine Tiefe und Reife umgarnt ihre Unschuld und Klarheit, auch wenn manchmal der Fokus abhanden kommt und die Songs vor allem gen Ende des Albums dazu tendieren, ins Träge abzudriften: „Summer Cold“ und „Seraphine“ z.B.

Aber das schmälert den guten Eindruck an Verzweiflung und Eingängigkeit nicht. Eine Liaison, die den Kern dessen bildet, was Rock’n’Roll ausmacht. Emotionale Wucht rockt.

75

Label: Mute

Referenzen: The xx, The Delgados, Mazzy Star, First Aid Kit, High Places

Links: Facebook | Label | Soundcloud

VÖ: 20.01.2012

Ein Kommentar zu “Big Deal – Lights Out”

  1. […] Big Deal einen Vorwurf daraus zu machen, auf seinem zweiten Album nach dem reduzierten Debüt „Lights Out“ nun Bewährtes in voller Bandbesetzung aufzugreifen. Nach wie vor ist es höchst erfreulich, […]

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