Der Liedschatten (51): Knacks!

Der Liedschatten (51): Knacks!


Das Jahr 1966 macht erst einmal so weiter, wie 1965 aufhörte; scheinbar vermochte sich niemand zwischen Schlager und Rock zu entscheiden. Vermutlich musste das aber auch kaum jemand.

Ein Grund dafür könnte gewesen sein, dass es noch niemand für nötig befand, einer jeden, möglichst kleinen Zielgruppe klar zu machen, was sie auf keinen Fall kaufen dürfe. Kein Wunder, ging es der Musikwirtschaft doch noch nicht um die Auswertung von Nischen. Solche wurden ja gerade erst „entdeckt“, der Gewinn wurde ausschließlicher als heute durch den Absatz von Tonträgern im großen Maßstab erzielt. Man produzierte ein bestimmtes Produkt für alle Konsumenten, nicht möglichst viele Produkte für einen bestimmten Konsumenten.

Das dürfte, sehr grob veranschlagt, in der BRD bis ungefähr Mitte der 1960er so gewesen sein. Ab dann begannen vor allen Dingen Jugendliche eine Nachfrage zu entwickeln, die durch Schlagerproduktionen nicht befriedigt werden konnte, da sie sich an der Musik der British Invasion ausrichtete. Es muss dabei jedoch nicht zwangsläufig darum gegangen sein, sich gegen eine bestimmte Musik, zum Beispiel das Genre Schlager, zu positionieren. Allein der Wunsch nach neuartiger, „jugendlicher“ – und das war der Schlager vor allem in musikalischer Hinsicht oftmals auch – Musik dürfte ausschlaggebend gewesen sein, ein Bedürfnis, das ebenso durch Roy Black wie die Rolling Stones, mit denen wir uns heute wieder einmal befassen werden, erfüllt werden konnte.

Deutlich wird das, bedenkt man einmal, was beide, junger Schlagerinterpret wie auch Rockgruppe, nicht zu sein scheinen. Sie sind keine Komponisten, sondern selbst dann, wenn sie ihre Lieder, wie die Stones, selber schreiben, werden sie eher als Interpreten wahrgenommen. Diese verfassen keine Musik für Konzertsäle, die sich jederzeit wieder aufführen ließe, sondern Stücke, die im Zusammenspiel mit den Texten fest mit ihrer Person verbunden sind. Ihre Veröffentlichungen haben nichts mit dem Ideal des „Werkes“ als Resultat einer Befähigung zu tun, Einfälle manifestieren sich scheinbar spontan in Aufnahmen von musikalischen Kleinsteinheiten, nämlich Songs, nicht Partituren. Dazu noch basiert ihre Bekanntheit nicht auf Überlieferung und Autoritäten, sondern jungen Menschen und neueren Medien.

Ob Rock, Pop und Schlager neuartig oder zumindest modisch waren, hing nicht nur vom Genre ab, dessen Potential als „Innovation“ für die Popmusik noch eine geringere Rolle spielte. Die einzige diesbezüglich wahrnehmbaren Unterschiede dürften sich für das breite Publikum der mittleren 1960er auf Bereiche wie Erscheinungsbild der Künstler, Sprache und Texte erstreckt haben, wobei das beiden Gemeinsame, einfach „Musik für junge Leute“ zu sein, überwogen haben dürfte. Und die scherten sich sicher größtenteils wenig darum, ob sie sich durch den Erwerb einer Single für eine noch gar nicht existente Szene unmöglich machen. Ist das erfreulich fern vom Hirngespinst des Authentischen oder einfach nur oberflächlich?

Mit dieser Frage reißen wir das Problem der Widersprüchlichkeit von Popmusik und dem möglichen Anspruch ihrer Fans auf Andersartigkeit an. Ist Popmusik oberflächlich, so ist sie als Popmusik authentisch. Authentizität aber ist nicht oberflächlich … immer diese Widersprüche!

Fernab davon:

The Rolling Stones “19th Nervous Breakdown”, März – April 1966

http://www.dailymotion.com/video/x1a39n_rolling-stones-19th-nervous-breakdo_music
Coole Haare in Farbe: die Stones bei Ed Sullivan

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Der Song entstand während der Sessions zum vierten Studioalbum der Rolling Stones, dem beachtlichen „Aftermath“, das als erstes nur Eigenkompositionen enthielt. Sein Text basiert zwar auf Erfahrungen der Band mit den Strapazen langer Tourneen, verarbeitet diese aber geradezu typisch für die damalige Phase der Stones zu einer plakativen Anklage des Konsums und Establishments. Es handelt von einem verzogenen Mädchen, dem, obwohl es ein beneidenswertes Leben zu führen scheint, der 19te Nervenzusammenbruch bevorstehe – was, recht rücksichtslos festgestellt, nicht bemitleidet wird. Der Protagonist habe zwar probiert zu helfen, es aber angesichts der Gefahr für ihn selbst wieder unterlassen.

Was als Ballade unerträglich wäre, wird hier durch ein treibendes Riff, gute Vocals, eine Fuzzgitarre, das feine Bassoutro und die insgesamt dezent auf Psychedelic verweisende Stimmung zu einem großen Spaß. Gerade Letzteres lässt aufhorchen, nicht, weil es 1966 eine Sensation dargestellt hätte, da waren nicht nur die Beatles schon weiter. Der Sound steht den Stones einfach sehr gut, lockert sozusagen die Erde um die „Roots“ der Band, nämlich R’n’B und Rock’n’Roll, noch mehr auf in Richtung Pop. Dennoch treten sie ganz klar hervor, auch hier, wie oft bei den Stones, in Form einer musikalischen Referenz an Bo Diddley. Und wir alle wissen: Der Bezug auf Bo Diddley ist ein guter Bezug, immerhin könnte er zur Beschäftigung mit Bo Diddley führen.

Sehr selten: der schrammelnde Pimp

Die Bezugnahme im Song der Stones erschöpft sich nicht nur auf Riff und Sound, sondern umfasst auch Diddleys Coolness. Zwar mag diese zu der Feststellung eines sich anbahnenden Nervenzusammenbruches erst einmal nicht recht passen, aber wodurch sollte sich Coolness sonst beweisen, wenn nicht durch, nun ja, Kühle? Durch diese bleibt noch genügend Zeit, das Kommen der Krise in Ruhe unbeteiligt festzustellen. So heißt es im Song nicht etwa plötzlich „here it comes!“ mit „!“, sondern „Here it comes, here it comes, here it comes, here it comes / Here comes your nine-teenth nervous breakdown“. Das hat etwas von dem anschwellenden „Ohhhhh …“ einer Laola-Welle, lässt aber einiges an Mitgefühl vermissen. Dieses hingegen hätte auch besser zu einer Ballade gepasst. Sich vorzustellen, wie Jagger eine Ballade über ein reiches, behütetes, psychisch labiles Mädchen singt, ist sicher möglich. Mit der vorhergehenden Single zum Beispiel, „As Tears Go By“, das hier noch einmal als B-Seite enthalten war, wurde ein Versuch auf dem Gebiet des neuartigeren, beatle-esken Pop unternommen. Erfolgreich war auch sie, erfolgreicher aber waren die Stones mit Rockmusik und ein wenig Häme, hinter Kaltschnäuzigkeit versteckt. So blieb das Zusammenspiel von Szenario und Ruf der Gruppe stimmiger. Und das war wichtig, es galt nicht nur, einen neuen Song zu schreiben, sondern am besten gleich einen weiteren Hit zu landen, was vielleicht trotz, eventuell auch aufgrund des Aufgreifens eines durch „(I Can’t Get No) Satisfaction“ und „Get Off Of My Cloud“ erprobten Konzeptes gelang.

Etwas ganz anderes zum Schluss: In Sachen Nervenzusammenbruch und Lebensnähe brillierten ein paar Jahrzehnte später die Lassie Singers mit einem Stück, das übrigens auch für Männer und Sonstige gilt.

Noch etwas ganz, ganz anderes: Der nächste Liedschatten erscheint feiertagsbedingt am 08. 01. 2012. Außerdem sei an dieser Stelle Some Vapour Trails einmal Dank für die häufige Kritik ausgesprochen.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (51): Knacks!”

  1. Mit Faszination den Text gelesen. 1.) weil sehr gut geschrieben, 2.) wegen der Erwähnung Bo Diddleys und 3.) da du mir einen Gedanken lieferst, der mir so noch nie gekommen ist (so bestrickend er für mich auch klingt). Dass mit dem aufkommenden Pop die Songs stärker an einen bestimmten Interpreten gebunden sind, nicht länger im Repertoire vieler verankert. Kam dir diese Eingebung selbst oder durch Lektüre einschlägiger Literatur? So oder so, Chapeau! Hoffe deine Reihe wird auch 2012 in gleicher wie hoher Qualität fortgesetzt. Ab den Siebzigern sind wenigstens die Beatles vom Tisch ;)

  2. Lennart sagt:

    Pfffff…. ja, leider keine Beatles mehr… herrje. Aber bis dahin ist ja noch ein wenig Zeit (-:
    Ansonsten: vielen Dank für das Lob! Und nein, leider kann ich nicht von mir behaupten, als erster auf irgendetwas gekommen zu sein, auch nicht auf die These bezüglich Songs und Interpreten. Wobei ich Dir auch nicht sagen könnte, wo sie weiter ausgeführt wird. Aber das wird sie ganz bestimmt irgendwo, vielleicht fällt’s mir noch mal wieder ein.

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