David LynchCrazy Clown Time

65 Jahre lang musste David Lynch erst reifen, bis der Meister des surrealen Kinos schließlich zu seinem musikalischen Erstlingswerk kam. Seine schleifenschlagenden mystischen Meisterwerke wurden anderorts bereits als musikalische Inspiration genannt und immer wieder bewies der Altmeister der postmodernen Interpretationsfreiheit in Sachen Soundtrackwahl ein sicheres Händchen bei der atmosphärischen Untermalung seiner Traumwelten. Nun wagt Lynch nach einigen halbgaren musikalischen Projekten seine ersten selbstständigen Gehversuche als Tonkünstler und Notenmagier.

Und tatsächlich klingt „Crazy Clown Time“ wie eine beinahe unmöglich scheinende Transformation seiner cineastischen Handschrift in Klang und Rhythmik, als hätte Lynch hier die Blaupause seines eigenen Filmsoundtracks entworfen. Verschleppte Schlagzeugmuster holpern stoisch und unbeweglich vor sich hin, umkreisen pirschend tremolo- und twangbeladene Gitarrenelemente, die von Lynch eigenhändig zerhackt, aufgespult und neu zusammengesetzt wurden. Zäh und kriechend verbreitet sich hier eine Atmosphäre zwischen Melancholie und Beklemmung, während Lynchs Stimme, durch Filter und Vocoder verfremdet, im Spoken-Word-Format verstörende Geschichten erzählt.

Die Vorabsingle „Good Day today“ tanzt hier sprichwörtlich aus der Reihe und zerstört ihre oberflächliche Tanzbarkeit mit erdrückenden Worten von Krieg und Verderben, zu denen niemand gerne seine Beine bewegt. Wer genauer hinhört, erkennt in Lynchs mantraartigen Songstrukturen allerdings eine ehrfürchtige Verbeugung vor der musikalischen Herangehensweise des Kraut- und Psychedelic-Rock, der Lynch seinen eigenen avantgardistischen Stempel aufdrückt. Was tun mit so einem Werk? Das immersive Genießen fällt schwer, den künstlerischen Wert zu schätzen wiederum schon leichter. David Lynchs Debütalbum passt weder in die Gegenwart noch in die Vergangenheit. Sein Platz bleibt wohl, ebenso wie des Pudels Kern in Lynchs Filmen, irgendwo in den Wirren des Möbiusbandes verborgen.

72

Label: Pias UK/Sunday Best

Referenzen: Fever Ray, Angelo Badalamenti, Lou Reed, Karen O, Jad Fair

Links: Homepage | Facebook | Label

VÖ: 04.11.2011

2 Kommentare zu “David Lynch – Crazy Clown Time”

  1. Rubicon sagt:

    Zielloses, unausgegorenes Album. So sehr die Kombination aus filmischem Werk und Person interessant ist – musikalisch hat das leider keine Relevanz und erst recht keine Klasse. Würde nicht „David Lynch“ draufstehen (natürlich Respekt dafür, dass er mit 65 Jahren immer noch neugierig ist und sich an künstlerischen Ausdrucksformen versucht), dann würde das niemand freiwillig hören. Zu viele plumpe Effekte, zu viele überholte Sounds – und Songwriting findet quasi auch nicht statt.

    72% sind mindestens 30% zu viel.

  2. […] und setzt nahezu kompromisslos auf diesen wohl einzigen Weg. Das vor zwei Jahren veröffentlichte „Crazy Clown Time“ konnte überzeugen, so dass sich die Aufgabe für den Nachfolger umso schwieriger […]

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