St. Vincent in Köln: Griffbrettballett


Beim ersten Lied „Surgeon“ steckt der Hals in einem metallenen Würgegriff. Ein Kapodaster ist um einen der mittleren Bünde geklemmt, damit die darunter angeschlagenen Saiten in einer höheren Frequenz – und damit einer höheren Tonlage – vibrieren. Doch bald entfernt Annie Clark die mechanische Vorrichtung und lässt, als wäre eine zuvor mit Kulissen segmentierte Bühne fürs Ballett freigeräumt worden, ihre Finger ungehindert über das gesamte Griffbrett ihrer Gitarre laufen.

Clark und ihr Sechssaiter, allein daraus und in bemerkenswert koordiniertem Multitasking bedienten Loop- und Effektgeräten bestand der letzte Auftritt von St. Vincent in Köln vor exakt zwei Jahren, als sie am Bühnenrand der Kulturkirche der nachfolgenden Hauptattraktion Grizzly Bear klammheimlich die Show stahl. Dass sie diesmal ihre komplette Begleitband nach Europa mitgebracht hat, dürfte auch am Erfolg ihres dritten Albums „Strange Mercy“ liegen, mit dem sie es über die bloße Gunst der Musikkritik hinaus in die Top 20 der amerikanischen Verkaufscharts schaffte. Zumindest in Deutschland sieht das anders aus, und so bietet an diesem noch angenehm kühlen Abend das Luxor gute zwei Drittel Freiraum für die Zuschauenden.

Ähnlich wie Clark in ihrem Mund zwischen den Songs die Inhalte zweier Getränkebecher zu einem mysteriösen Cocktail mischt, kommen auch die Elemente ihrer Musik zu einer faszinierenden Mixtur zusammen, die der ihres neuen Albums eng nachempfunden ist. Ihres ist immer noch das einzige Saiteninstrument, drumherum bauen Schlagzeug und zwei Synthesizer Antrieb und eine minisinfonische Streicherkulisse, in der leider das elektronische Basswabern manchmal übersteuert aus den Lautsprechern bratzt. Die Kameras in der ersten Reihe mögen Clarks aus jedem Blickwinkel fotogene Visage im Fokus haben, das spektakuläre Bildfutter liefert jedoch ihr – buchstäbliches – Handwerk. Ihr Anschlag ist so bestimmt wie ihr Über-die-Bünde-Gleiten flüssig, ein Ausdruck voller Kontrolle ihrer Glieder über das Instrument.

Dessen Sound ist – anders als auf „Strange Mercy“ – hier nicht bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, Clarks ein wenig an Robert Fripp erinnernde Soli wären auch dann deutlich identifizierbar, wenn sie sich nicht mit dem ganzen Körper in sie reinhängte, als wolle sie einen Orkan entfachen. Doch meistens dienen die fokussiert-komplexen Soli dem Song, sie sind fast schon bescheiden maßvoll im Klangvolumen. Imposant entfesselt, dafür auch geradliniger, rifft Clark eher in den (wenigen) älteren Stücken wie „Your Lips Are Red“ – bei dem sie ins Publikum eintaucht, bis nur noch gelegentlich der empor gerissene Gitarrenkopf herausragt – oder ihrem „She Is Beyond Good And Evil“-Cover.

Nicht nur in frenetischen Momemten wie diesen fällt die wohldurchdachte Beleuchtung positiv auf. In solch hypernervösen Momenten beflackert sie die Bühne intensivierend, taucht sie anderswo in blutiges Rot oder beim New York gewidmeten „Just The Same But Brand New“ in andächtiges Halbdunkel. Doch obwohl die gesamte Darbietung, bedingt durch ihre delikate Komplexität, wenig Freiraum für Improvisation lässt, ruft die auf Platte anfangs distanziert erscheinende Musik an diesem Abend mitunter enthemmte Begeisterungsbekundungen hervor. Dazu trägt sicher bei, dass Clark sich in den Songpausen mit Anekdoten über Mark Stewart und ihre Domerklimmung nahbar zeigt und die Songs selbst mit ein paar „fuck“s koloriert, die man auf den Studioversionen nicht vorfinden wird. So steigert sich der Applaus über gut eineinhalb Stunden immer mehr, bis auch nach gut eineinhalb Dutzend Stücken die Begeisterung nicht nachlassen will. Denn so sehr Clark mit ihrer Spieltechnik aus dem Rest der Musikwelt herauszuragen vermag: Spätestens an Auftritten wie diesem wird deutlich, dass ihre Qualitäten und die ihrer Songs weit darüber hinaus reichen.

Bild: Daniel Balmat

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