Dem Rock’n’Roll geht es schon immer um Rebellion, um Abgrenzung, um das Anrennen gegen Autoritäten, Widerstände und gut und gern auch mal Mauern. Denn glücken muss nichts, aber so lange der Widerstand laut dröhnt, ist der Schmerz der Unterdrückung wenigstens für drei Minuten passé. Die hiermit entdeckte Traurigkeit im Kern der Rockmusik dient der Widerspiegelung der dem Zweitwerk der Dum Dum Girls zugrunde liegenden Melancholie: Frontfrau Kristin „Dee Dee“ Gundred verarbeitet in zehn sehr und schön rockenden Songs die Entfernung zu ihrem Gatten auf Tour sowie Krankheit und Tod ihrer Mutter, deren jugendliches Gesicht uns vom 2010er Debütalbum der Dum Dum Girls, „I Will Be“, bekannt ist.

Nun findet sich auch auf „Only In Dreams“ ein dem Anfang der 60er verhafteter Ansatz von Rockmusik: Wall Of Sound, Rock, als das Roll noch notwendig im nächsten Atemzug folgte, Girlgroup-Harmonien. Nur wurden die Verzerrungen diesmal wenn nicht runtergeschraubt, so doch zurückgenommen und der Sound wenn nicht veredelt, so doch geglättet. Statt auf Homerecordings von Songs aus ihrer Jugend bauend singt Dee Dee nun ihre Stücke über Tod und Schmerz im Studio ein, sie und ihre Bandkolleginnen sind musikalisch zusammengewachsen und die Produzenten Richard Gottehrer, der gleiche wie auf „I Will Be“ und – ich werde nicht müde, es zu betonen – der Autor von „My Boyfriend’s Back“, und Sune Rose Wagner von den Raveonettes basteln daraus einen weniger schrottigen, volleren Klang, der den Rhythmus flotter holpern lässt und die Gitarren gern ins Jingle-Jangle-Paradies fliegen lässt. Alles zu den Anfangstagen des Rock’n’Roll verpflichteten einfachen, stringenten Songstrukturen natürlich.

Hier sticht nur die ausufernde Memento-mori–Ballade „Coming Down“ heraus, deren Gitarren tränengleich ineinander verwoben zu schweben scheinen, bis Dee Dees Schreie stocken und ein gemächlich schreitendes, an die Melodieseligkeit von Television erinnerndes Gitarrensolo ihre Mutter sanft in den Himmel der Erinnerung trägt (kein Gegniedel!). Der Rest ist nur Rock’n’Roll, so wie ihn etwa Best Coast fabrizieren, mit Surfgitarren („Always Lookin“), hymnischen Twanggitarren zu Einschlafschwierigkeiten („Bedroom Eyes“) und pochenden Chören („Heartbeat“), immer flott (und flotter: „Wasted Away“) und auch mal aus einem Phil-Spector–Stampfer sich stolz erhebend („I wish it wasn’t true/ but there’s nothing I can do/ except hold your hand/ till the very end.“ in „Hold Your Hand“).

Die Dünnhäutigkeit des Sounds entsprach der Kurzweil der Kompositionen des Vorgängerwerks (etwa im Aberwitz von Instant-Klassikern wie „Mein M“ und „Jail La La“) eher als es die glatt polierten Gitarrenwände auf „Only In Dreams“ vermögen, auch wenn deren Klang dadurch naturgemäß besser zur Geltung kommt. Rock’n’Roll–Energie atmen die Dum Dum Girls allerdings hier wie dort. Heutig ist das nicht im Ansatz, gestrig durch und durch. Das ist schön und gut, führt allerdings unweigerlich und recht schnell zu Abnutzungerscheinungen selbst der klang- und stilvollsten Retrokultur. Wir zelebrieren daher hastig und verhuscht die Gegenwart der Vergangenheit und die Trauer, bis den Songs irgendwann der Atem ausgeht.

69

Label: Sub Pop

Referenzen: The Raveonettes, The Shangri-Las, The Jesus And Mary Chain, Sons And Daughters, The Pains Of Being Pure At Heart

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VÖ: 30.09.2011

2 Kommentare zu “Dum Dum Girls – Only In Dreams”

  1. […] Jahren ins Gegenteil verkehrt haben. Denn wo sich jenseits des großen Teiches Bands wie die Dum Dum Girls bei ihrer Bewerbung für den nächsten Tarantino-Soundtrack zwischen Phil-Spector’schen […]

  2. […] ihrem zweiten Album entdeckten The Pains Of Being Pure At Heart Manchester und Bubblegum-Pop, Dum Dum Girls mutierten immer mehr in Richtung Pretenders, The Radio Dept. veröffentlichten mit ihrer […]

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