Pop + Poesie


Nathan (II): Nathan mag Japan

Nathan (II): Nathan mag Japan„Hiermit stelle ich eine immense Anfälligkeit für Albernheiten bei Dir fest.“

„Nee, ähem, müsste das nicht „eine Anfälligkeit für immense Albernheiten heißen?“

„Eben.“ Stefan ließ sich nicht beirren.

„Nein, so was aber auch…“ Nathan mochte es gern, wenn seine Vorlieben verwundert zur Kenntnis genommen wurden. Immerhin hielt er sie für gewählt, wofür sprach, dass kaum jemand sie zu teilen schien. Und mochte er mal etwas nicht, dann hieß es meist nur „Duuu, war ja klar, dass DIR das nicht gefällt“, und nicht „Aha. Was gefällt Dir denn so?“.

Konnte er etwas dafür? Die meisten Menschen sind einfach zu voreingenommen. Ihr größtes Vorurteil lautet „Irgendwem wird das schon gefallen“, was sich in die grundsätzliche Aussage „Für irgendwen ist das hier das bestmögliche Album / Buch / Kleidungsstück / Getränk / Backwerk etc., also halte Dich bitte mit Kritik zurück. Oder relativiere sie gleich im entsprechenden Sinne.“ übersetzen ließe. Präventiver Opportunismus, so etwas konnte jeglichen Glauben an das Streben der Menschheit nach dem Guten, Wahren und Schönen zerstören.

Und da diese Gefahr bestand, sollten ausgeprägte Vorlieben gefälligst auch belohnt und bewundert, nicht stirnrunzelnd beargwöhnt oder gar bespöttelt werden wie von Stefan.

„Guck doch nur: Ein erwachsener Mann sitzt da, trinkt Kindersekt und hört niedliche Musik mit vielen “Lahaha”s, das ist albern.“

„Nein, gar nicht. Der Kindersekt schmeckt und den richtigen Sekt trinke ich dann doch lieber im Park. Ich war heute einkaufen, das schafft mich. Und jetzt noch eine Flasche Sekt, da könnte ich mich gleich hinlegen. Die trinke ich morgen im Park, um mich morgen entspannt hinlegen zu können. Sonst bin ich eh zu aufgeregt …“

„Zu aufgeregt, ja. Kindersekt und solche Musik, da wird man ja ganz schnell aufgeregt, wenn man sich mal ausnahmsweise mit weiblichen Wesen in einer Gruppe befinden wird.“

„Naja… kann sein. Aber lass mal die Musik außen vor, das ist Japanisch, wer weiß, wovon da gesungen wird. Die sind ziemlich weird in Japan, können sie sein, wirklich ein wenig anders als hier, glaube ich… hast Du mal “Hausu” gesehen? Oder “The Happiness Of The Katakuris”? Sehr merkwürdig.“

„Nee, habe ich nicht. Aber komischer als ein erwachsener …“

„Jetzt hör’ aber mal auf!“

„Ja, ist ja gut. Also, als Du mit Deinem Plüschkatzeneulenbärtier auf Deinem Bett …“

„Das ist ein Totoro, ein Waldgeist, der beste von der Welt, und er sieht super aus. Ist außerdem sozusagen ein Original, sozusagen, Orginalmerch aus Japan, interessiert bloß niemanden.“

„Was sagtest Du?“

„Aua. Sehr witzig. Wir sind hier zu zweit, was sollte Dich schon ablenken?“

shugo_entropy„Die Musik.“ Stefan hatte also doch zugehört, so war das meist, Spott und Häme, Wohlwollen und Interesse. Das machte ihn letztendlich zu einem der besseren Menschen. „Gefällt mir sehr gut, farbig, verspielt, plinkernd und klopfig. Dann nehme ich das von vorhin zurück und finde nur noch den Kindersekt und Tataru …“

„Totoro!“

„… Tattero albern.“

„Pfff. Mach’ doch. Shugo Tokumaru ist das, “Port Entropy”, ein feines Album vom letzten Jahr, leider vollkommen untergegangen. Kann an der Sprachbarriere liegen, an der Biestigkeit der Menschen im Allgemeinen. Oder an den anderen Sorgen in Japan.“

„Nie davon gehört.“

„Von Japan?“

„Hehe, nee, den anderen Sorgen. Quatsch. Shuguru, oder wie der heißt, so. Gefällt. Und morgen wolltest Du dann in den Park?“

„Ja … also, nichts Besonderes, nur ein wenig sitzen und reden und so.“

Es durfte wieder gespöttelt werden, fand Stefan. „Soooo … ja, und kommt Totoro dann mit? Der ist sicher bei Frauen gut angesehen, die wollen ja auch wissen, was für Freunde man hat, sagt ja viel über einen Menschen aus …“

„Eben, und deshalb kommst Du nicht mit.“

„Ja. Ich trinke nämlich anderen den Kindersekt weg.“ Und Stefan tat’s.

“Port Entropy” von Shugo Tokumaro ist 2010 auf Souterrain Transmissions erschienen.


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Ein Kommentar zu “Nathan (II): Nathan mag Japan”

  1. [...] Du, Dir fällt auch nichts ein. Über Totoro hattest Du Dich neulich schon lustig gemacht. Du wiederholst [...]

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