Die Tage noch gelesen: Die „Rezepte aus dem Münsterland“, ein Kochbuch von Landfrauen für Hausfrauen (und –männer), erfreut sich allergrößter Beliebtheit. Das Kompendium, reich an Großmutters Rezepten, ist auch in der vierten Auflage fast restlos ausverkauft. Alle wollen so kochen wie damals, mit übersichtlicher Zutatenliste und einfacher Zubereitung. Vielleicht aus Gründen der Nostalgie, vielleicht aber auch, weil sie letztlich gemerkt haben, dass sie für das Kochen von Hirschentrecôte mit Walnusskruste an Schmorwildkraut und Dijonsenfterrine samt Lebkuchensauce nicht nur das Budget eines Kleinwagens benötigen, sondern auch der komplette Jahresresturlaub draufgeht. Was uns das lehrt? Das Bewährte hat den Sieg schon fast immer in der Tasche, wenn es darauf ankommt, einen Kompromiss zwischen Aufwand und Ergebnis zu finden.

In der Musik ist das nicht anders. Auch hier zählen frische Zutaten und die gewisse Hingabe, das Quäntchen Begeisterung, wenn es darum geht, gesetzte Rezepte tagesfrisch auf den Tisch zu bringen, beziehungsweise ins Ohr zu träufeln. Das klingt logisch und vielleicht obszön simpel, aber leider schaffen selbst das nicht viele Bands. Die meisten von ihnen greifen dann doch zum Brot vom Vortag oder mogeln, indem sie zum Schnellimbiss nebenan gehen – was vielen Alben einen ranzigen und leicht moderigen Beigeschmack gibt.

Nicht immer liefert auch das Zusammenfügen von hunderten Ideen das beste Resultat. Die Handsome Furs wissen das. Auch wenn sie ständig überlieferte und vor allem bereits selbst erprobte Suppen nachkochen, sie setzen dabei verlässlich auf Übersichtlichkeit. Zusammen mit Leidenschaft und notfalls auch dem einfach Hässlichen geht das ungefähr so: Sequenzer an, Bollerbeats los, spinnerte Melodie drüber, Bleep, Synthiebreak. Hernach wieder von vorne. Immer wieder. Man mag das als erbarmungslos gradlinig bezeichnen, übersieht aber schnell, dass deren Klang der gebrochenen Fröhlichkeit eigentlich von der Färbung eine derart hohe Eigenständigkeit beweist, dass man inzwischen durchaus von einem „Trademark-Sound“ sprechen kann. Das liegt natürlich vor allem auch daran, dass 50% dieses Projektes ganz der Stimme von Dan Boeckner gehören – und dieser mit seinem hysterisch-knödeligen Organ spätestens seit der Indie-Universalherrschaft mit Wolf Parade und den Handsome Furs mit Vehemenz seine markanten Spuren hinterlassen hat.

„Sound Kapital“ atmet genau diesen umtriebigen Geist, und kommt kaum zur Ruhe. „Memories Of The Future“ klingt wie eine rastlose OMD-Kopie, „Repatriated“ montiert kurzerhand einen Specht an den Laptop und „When I Get Back“ eröffnet dieses Werk mit einer Wolf-Parade-Gedenkmelodie, wie sie prototypischer nicht aus der Hirnrinde geschnitzt werden könnte.

Handsome Furs – Repatriated

Darin liegt natürlich auch der Schwachpunkt, denn dieses Album übt sich bloß in der Variation und spart ein wenig transformatorische und experimentelle Akte aus, die den Klang auf eine neue Ebene hätten bringen können. Aber wie heißt es noch? Never change a winning team. Im Einzelfall geraten die Songs so zum üblichen Minihit. Eingängig und infektiös wie EHEC, dabei jederzeit erstaunlich tiefgängig und gefühlt nie so plump wie es die Beats eigentlich vorgeben. „Serve The People” beispielsweise ist eine wunderbar nach außen gekehrte Protesthymne, die ganz nach oben gerichtet ist und sich sukzessive aufschaukelt, bis sie sich kathartisch gewunden entlädt. Bei „Cheap Music“ hingegen werden keine Mühen und Kosten gescheut und schnell noch die Guitars-Beginners-E-Gitarre von Toys’R’Us für 29,90 geordert, um bräsig drauf los zu schrammeln. Alles gerät formelhaft, bedingt aber gerade deswegen nur kurze Wege zum Mitschwingen. „Right On!“, heißt es da und das scheint inzwischen (oder immer noch?) das Prinzip der Handsome Furs zu sein: Schnelle Songs, fast skizzenartig, und serielles Arbeiten sind die Grundparameter ihres Schaffens. Längst hat man sich an diesem Klang etwas sattgehört, dem Spaßfaktor tut das jedoch keinen Abbruch. Es schmeckt halt. Wie immer.

66

Label: Sub Pop

Referenzen: Future Islands, Wolf Parade, Devo, Weekends, Dan Deacon

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VÖ: 08.07.2011

4 Kommentare zu “Handsome Furs – Sound Kapital”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Tolle, absolut treffende Rezi. Und doch gebe ich der Platte 80 Punkte, habe mich daran noch ganz und gar nicht sattgehört;)

  2. Bastian sagt:

    Mhhhh, … Hirschentrecôte!

  3. Lennart sagt:

    Sehr gut geschrieben, Markus! Und: Variation fetzt, ich mag’s!

  4. […] unter ein drogenreiches Synthie-Drumcomputer-Gitarren-Projekt. Mit Alben wie Face Control und Sound Kapital bewies Boeckner eindrucksvoll, dass Handsome Furs nicht bloß als Nebenprojekt seines – […]

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