Unser Uli, das muss an dieser Stelle echt mal gesagt werden, ist ein Teufelskerl. Der scheut keine Mühen. Um den lebensfrohen Wahnsinn mit Gang Gang Dance im HAU2 in Berlin mitzuerleben, peilt er doch glatt eine Juckel-Tour mit sämtlichen RE-Linien an. Ist billiger. Von Köln nach Berlin – Samstag um 9 in der Früh hin, Sonntagmittag um 12 zurück. Übernachtung entfällt. 27 Stunden unterwegs; die Band müsste ihn eigentlich ausbezahlen. Aber das hat sie längst, als wir zusammen durch die Straßen schweben und von dem Konzert phantasieren.

Die Ehre des abendlichen Warmlaufens gebührt Highlife. Dahinter verbirgt sich ein gewisser Doug Shaw, der vor gut zwei Jahren auch für Animal Collective im Postbahnhof eröffnen durfte. Achja, weil ich das im ersten Teil vergessen habe anzumerken: Das beste Vorprogramm in der gesamten Woche liefert – nein, nicht DM Stith – eine deutsche Truppe namens Dramamine, die vermutlich in ihrer Jugend ziemlich auf At The Drive-In abgefahren ist. Post-Hardcore, wuchtige Gitarren, hetzender Bass, zappelnder Sänger: Eine sympathische Band, das sehen nicht nur Fucked Up so, sehr spielfreudig zudem. Mit reichlich Dampf. Und das ist ja wichtig in diesen Tagen.

Ein paar Hack-Bällchen noch, einen kleinen Vorrat „Club Mate“ und schon geht es wieder zurück in die Heimat. Keine vier Stunden Fahrt im hoffentlich klimatisierten IC. So die Theorie. Was so komfortabel klingt, das ahnt natürlich der halbwegs erfahrene Bahnfahrer, ist meistens alles andere als das. Wie heute: So ganz genau wissen all die Gäste nicht, wie ihnen geschieht, aber irgendwer muss den Zug für Jahre in der Sonne geparkt haben und gleichzeitig von einer unbeschreiblichen Wollust gepackt worden sein, die Heizung ans Limit zu bringen. Mein Gegenüber holt bereits nach knapp einer Minute das Handtuch aus dem Koffer, um die Tropfen, die gleichmäßig von seiner Stirn auf die Hose stürzen, zu stoppen.

Meine Liebste wartet derweil schon. Es bleibt kaum Zeit zum Umziehen (was unweigerlich vonnöten ist nach der Fahrt), ab nach Essen. Als wir im Colosseumtheater ankommen, betritt DM Stith gerade die Bühne, ganz allein. Allerdings ist schon nach gut 20 Minuten Schluss. Ein gewaltiger Gegensatz zu dem pompösen Auftritt von Sufjan Stevens, der mit zweistelliger Anzahl von Mitstreitern nur knapp die Drei-Stunden-Marke verpasst und sich dabei – auch tänzerisch! – ordentlich verausgabt. Es gibt jede Menge visuelle Zaubereien, Ekstase und natürlich gute Songs. Doch trotz der auf das neue Werk zugeschnittenen Show sind die glückseligsten Momente diejenigen, in denen er in der Zugabe „Concerning The UFO Sighting Near Highland, Illinois“ und „Chicago“ spielt. Alle, wirklich alle Zuschauer in diesem Saal erheben sich, Luftballons hüpfen, der Protagonist verneigt sich. Schön, schön.

Im ICE nach Amsterdam

Ehe man sich versieht, sitzt man bereits wieder im ICE. Dieses Mal ist Amsterdam das Ziel. Abends gegen 22 Uhr erreichen wir „Centraal“, der Lokführer hat die 15 Minuten Verspätung wieder rausgeholt. Bei der Bahn ist eben nicht alles schlecht, das muss auch mal gesagt werden. Erstmal mit der Tasche durch die Stadt. Zum Glück hat der Kollege den Stadtplan auf dem Handy, zweifelhaft, ob wir sonst jemals angekommen wären. Unser Hostel ist jedenfalls genau das, was wir dafür bezahlt haben: Die Betten jeweils zwei Matratzen, übereinander gelegt, kein Lattenrost, Haare. Aber was soll’s? Das freie Doppelbett stört auch nicht, wie der Tauben-Flüsterer mit leichtem Hang zum Understatement neben mir preisgibt, vielleicht läuft ja noch was rein.

Die Gegend erkundschaften, das ist immer das erste Ziel. Frikandel. So richtig finden wir uns in dieser Nacht aber nicht zurecht. 5,50 Euro für ein holländisches Bier in einer Pinte, die diesem Preis nicht gerecht wird. Selbst am Kiosk will man 2,50 Euro. Somit muss schlussendlich der Getränkeautomat im Hostel herhalten. Der kann nicht wechseln. Und immer diese steilen Treppen, das muss doch schief gehen. Doch bereits am nächsten Morgen haben wir mehr Glück.

Macht die gar nicht so reizvolle Dame beim Bäcker noch den Eindruck, dass Kunden hier generell nicht so erwünscht sind, sieht es wenig später beim „Sandwich Republic“ ganz anders aus. „You wanna somethin’ to get awake?“, er grinst diebisch, fragt, ob mit oder ohne Milch, wie viel Zucker. „No milk, no sugar, please.“, „Ah, German coffee. I like you guys!“ Danach werkelt er eine gute Viertelstunde, klärt uns auf, “Coffee is religion”, und egal, ob er es mit seiner 15-minütigen Ansprache oder sonstwie schafft: Dies ist der beste Kaffee, den ich jemals getrunken habe. Und wach waren wir danach – auch.

„Ladies And Gentlemen, We Are Floating In Space“, die Straßen von Amsterdam sind eine einzige Gracht. Frikandel. Und nie kommt man aus diesem nebligen Vergnügungsviertel raus, so hat es den Anschein, halt, diese Straße hatten wir doch schon mal, oder? Zwei Damen im Tretboot machen auf sich aufmerksam, demonstrieren ihre Fahrkünste, stehen quer im Wasser und fahren mit ordentlich Schwung rückwärts gegen die Mauer. „Warum nur?“, der Tauben-Flüsterer runzelt die Stirn und macht seinem Namen alle Ehre, als er umgeben von zig dieser Viecher genüsslich an seinem Drink schlürft. „Die ganze Taubenscheiße hier auf dem Boden macht mich stutzig, die kommt doch nicht von ungefähr, reiner Zufall, wenn Du von oben nichts abbekommst“ – doch das bringt ihn nicht aus der Ruhe: „Ach, das machen die nur, wenn die hier herumlaufen, nicht aus der Luft.“ Man muss nur drauf achten, wo man seine Tasche hinstellt.

Am Melkweg

Kurze Zeit später sitzen wir auf der Bank, direkt vor dem Melkweg, wo gleich The Walkmen spielen werden. Ein pflichtbewusster Blonder mit Asia Snack neben uns macht uns freundlich drauf aufmerksam: „Drinking is not allowed in the streets. I don’t mind but, eh, when you look behind, there is a police station, I just want to let you know, guys.“ Ups, das dürfte dann tatsächlich als kleine Provokation durchgehen, so direkt in deren Reich. Aber dem Unterkühlten macht auch das nichts aus. Er kommt ins Gespräch, antwortet dem netten Kerl, dass wir gleich eine Band sehen wollen, The Walkmen. „The Walkmen?“, aber woher soll er auch wissen wer das ist? Eine ganze Weile quatschen wir noch und erfahren erst viel später, dass er die Band ziemlich gut kannte. Viel besser als wir.

Wir wünschen dem Tourmanager viel Spaß beim anstehenden Primavera Festival. Die haben ein Leben. Nun aber rein. Sänger Hamilton Leithauser ist heute wohl nicht bester Laune, was immer ein gutes Zeichen ist. Das merkt man noch nicht unbedingt, als Leithauser das Konzert mit einem neuen Song und „138th Street“ ohne den Rest der Truppe eröffnet, aber spätestens ab „Woe Is Me“ oder „Juveniles“: „You’re someone else tomorrow night. Doesn’t matter to me.“ Ja! Genau so, wie er etwa bei „In The New Year“ dort steht, die Halsschlagader pumpt, er sich krümmt, das Mikro von unten verschlingt, da wird einem wieder bewusst, wie wütend diese Band eigentlich ist: „So it’s all over! It’s all over anyhow. You took your sweet time. Finally, I opened my eyes.” Dem pedantischen Tauben-Flüsterer neben mir fällt derweil auf, dass sich die Triangel nun „schon zweimal verspielt hat.“ Gibt’s doch nicht. Ist mir sowas von egal gerade.

Die Zeit vergeht so schnell, wie es immer ist mit der Zeit, wenn einem mal was so richtig gut gefällt. Das reguläre Set ist nach zwölf Songs vorbei. Viele der persönlichen Favoriten wie „On The Water“, „Angela Surf City“ und natürlich „Donde Esta La Playa“ gehören schon wieder der Vergangenheit an. Doch eines fehlt noch, na klar. Die Band kehrt zurück, und jeder weiß was kommt. Endlich, wütend: „Can’t you hear me? I’m pounding on your dooooooor!”

Abermals euphorisiert wieder in die Stadt. Frikandel. Der Abend geht irgendwo zu Ende. Am Tag danach müssen wir um 10 raus, das Hostel rechtzeitig verlassen. Was genau die in unserem Zimmer aber dann unbedingt machen müssen, bleibt wohl ihr Geheimnis. Aber man ist genügsam, das Hostel reicht ja allemal. Wir freuen uns auf einen weiteren Kaffee im „Sandwich Republic“, erstmal aufwachen. Später dann wieder entlang der unzähligen Grachten, ohne Eile. Nun sitzt man hier an der Straße, die Tauben scheißen um einen herum. Gierig lechzen sie nach den Fetzen Kibbeling, die ich verträumt in mich hinein stopfe, während ich diesen irrwitzigen 8-Tages-Marathon Revue passieren lasse. Fast wehmütig steige ich in den Zug. Als ich aufwache, sind wir kurz vor Oberhausen. „Was mich noch ein wenig beunruhigt“, sagt der Tauben-Flüsterer, „dieser dicke, graue Fleck da oben, der mit dem Rand drum herum, das ist doch kein Tauben-Schiss, oder? Und der ist doch eindeutig an der Ablage und nicht an meiner Tasche, da bin ich mir ganz sicher.“ Wie sicher, das zeigt sein Gesichtsausdruck, als er die Tasche quälend langsam herauszieht. Und den Fleck mit.

2 Kommentare zu “Ani Up Suf Walk Gang (III): Von Matratzen, Grachten & Tauben”

  1. Tauben-Mann sagt:

    Und was war mit Knick-Knack?

  2. Pascal Weiß sagt:

    Das müsstest Du die entsprechende Person schon selbst fragen, Interna werden hier grundsätzlich nicht nach außen getragen;)

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