Der Liedschatten (20): Kein Tango mit Gerhard!

Ein grinsender Mann streunt um die Bar, sein Sakko spannt ein wenig, der Gang ist plump und passt zu den Gesichtszügen, grobschlächtig und knubbelig sind sie, nicht gerade unförmig, aber einem Vergleich mit denen des jungen Mannes am Tresen halten sie nicht stand.

Auf einmal wandert eine Zigarette unvermutet, aber nicht zufällig in den Mund des jüngeren Herrn, wie forsch! Da weiß jemand, was er will, es wird nicht gefragt „Rauchen Sie? Wie ist ihr Name? So jung und so allein?“, sondern zack! Feuer gegeben und dann … ja, und dann wird die Gesprächspartnerin entführt, ab auf die Tanzfläche. Der nun rauchende Mann an der Bar gibt sich damit ab, nippt am alkoholischen Getränkt und verzieht kaum eine Miene.

Gerhard Wendland “Tanze mit mir in den Morgen”, Januar 1962

tanze

Gerhard Wendland, Interpret des Schlagers „Tanze Mit Mir In Den Morgen“, liefert uns hiermit eine biedere Auslegung der Klischees „Lebemann“ oder „Heiratsschwindler“, Letzteres wäre zumindest dann der Fall, wenn sich die Zeile „Tanze mit mir in das Glück“ auf eine versprochene Eheschließung beziehen sollte. Beide Rollen hätte er schlecht gespielt, für den Playboy fehlen ihm Coolness und Stil, ein Heiratsschwindler könnte ein wenig mehr Leben und Leidenschaft gebrauchen. Und schon haben wir beisammen, woran es dem Stück mangelt, was aber weder damals noch heute den Erfolg zu verhindern vermag. Leidenschaft wird nach wie vor verniedlicht, die Liebe domestiziert, da hat sich im Bereich des kommerziell Relevanten nicht viel getan. Für überragenden wirtschaftlichen Erfolg war und ist in erster Linie Präsenz vonnöten. Wendlands Liedchen erhielt sie durch die Verwendung in einem gleichnamigen Schlagerfilm, so etwas kennen wir bereits von anderen Stücken verschiedenster SängerInnen.

„Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht“ heißt es hier zu Beginn einer jeden Strophe, der Refrain geht wie folgt: „Tanze mit mir in den Morgen / Tanze mit mir in das Glück / In deinen Armen zu träumen / Ist so schön bei verliebter Musik“.

Dieser Wunsch ist nur auf den ersten Blick verständlich, denn wer mag schon träumen, wenn er oder sie sich in den Armen eines geliebten Menschen befindet? Dann gibt es doch vielmehr etwas zu wollen oder aber es bleibt nichts zu wünschen übrig, gedankliche Abwesenheit würde aber ebenso wie das offensichtliche Sinnieren zu der Frage „Woran denkst Du?“ führen, und schwupps!, ist der Traum aus. Am besten also allein träumen. Ansonsten muss es sich in Wendlands Fall um einen ausgesprochen angenehmes Wunschbild handeln, sonst wäre es ein Ignorieren der körperlich spürbaren Gegenwart eines zu schwärmerischer Liebe verleitenden Menschen nicht wert. Verschwindet man bei diesem Anlass im Wolkenkuckucksheim, dann ist etwas faul an der ganzen Chose. Also, werte Menschen, in der Gesellschaft geliebter Wesen wird gesprochen oder gehandelt, alles andere regelt der Schlaf oder ist Sehnsucht, und da fetzt Träumen allerdings wieder.

Und „verliebte Musik“? Wie wär’s denn mit Walzer oder einer fröhlichen Polka, aber Tango, die Musik der Bordelle und Strassen, entstand aus dem Elend der Sklaven und Arbeiter Südamerikas? Hier wurde etwas falsch verstanden, ganz klar. Was da um Buenos Aires und Montevideo herum zwischen Arbeitslosigkeit und Mädchenhandel entstand ist nichts, wovon sich das Schiffchen der Zärtlichkeit ohne weiteres in den Hafen der Ehe schaukeln lassen könnte.

„Ja und? Kann man denn den Menschen nicht einfach ihr Vergnügen, ihre kleinen Freuden gönnen?“, mag an dieser Stelle einmal mehr entgegnet werden, und die Antwort lautet: Nein. Dabei geht es nicht darum, simple und naive Vergnügungen als Unding hinzustellen, wer mag und kann, soll sich ihnen gerne hingeben, aber doch bitte auch wissen, was er oder sie dabei tut und lässt, nicht einfach nur Stereotypen und Klischees nachhängen. Doch wer weiß, vielleicht wird so ein Schwof ja auch erst dann richtig reizvoll, wenn man die bewusste Spannung zwischen Amüsement und Inhalt auskostet, man sein Vergnügen in Dingen sucht, die einst Ausdruck leidgeprüfter Menschen waren. Und nicht zuletzt sollte der Tango ja auch dann noch getanzt werden, wenn die Empfindung der sozialen und wirtschaftlichen Verlorenheit, der er einst eine Stimme verlieh, nicht mehr existieren sollte.

Diesen Zustand hat die Welt aber bis heute nicht erreichen können, und man kommt ihm auch nicht dadurch näher, dass man kulturelle Errungenschaften aus dem Zusammenhang reißt und bagatellisiert. Tango ist aber noch lange nicht tot, nur weil er als Klischee für Schlager dient, er stirbt dann, wenn man sich damit einfach abfindet und sich mit ihm als einer angebotenen Variante der familienkompatiblen „Leidenschaft“ zufrieden gibt, das Wissen um seine Geschichte verloren geht und das „Abschalten“, das „Entspannen“ und „Feiern“ die Auseinandersetzung mit dem Leben und seinen Möglichkeiten ersetzt. Da aber der Schlager nach wie vor eine Gleichmacherei und Gleichgültigkeit vorantreibt, deren grundlegende Aussage dahingegen lautet, alle würden doch nur das eine wollen, „Liebe“ und „Freude“ zum Beispiel, und verschweigt, dass menschliche Bedürfnisse erst einmal etwas mit menschenwürdigen Lebensumständen zu tun haben, darf man’s den Unbedarften nicht zu leicht machen.

Wandeln wir aber nun Kritik in Interesse um und befassen uns noch einmal mit der weniger weltfremden, historischen Variante des Tangos, einer Tätigkeit, deren Fortsetzung wärmstens empfohlen wird.

Text laut der empfehlenswerten Seite tango-rosetta.com:

“Mit dem Ellbogen auf dem verschmierten Tisch und den Blick in einen Traum vertieft denkt Domingo Polenta, der Italiener, an das Drama seiner Einwanderung. […] Er sucht auch seinen schönen Traum seit jenem Tag, schon so weit entfernt, als er mit seiner Last der Illusion wegging […]“

4 Kommentare zu “Der Liedschatten (20): Kein Tango mit Gerhard!”

  1. […] sich ihr einziges an die Spitze der Hitparaden gelangtes Stück von dem, was Kollegen wie Gerhard Wendland, Freddy Quinn und Bill Ramsey vortrugen? Nein, und das, obwohl es, anders als damals üblich, einen […]

  2. […] der Bekanntheit zu nähern versucht, ist nur eine Geschichte des Schlagers. Dieser war, wie an „Tanze mit mir in den Morgen“ mit seinem unverständlichem Bezug zum Tango, aber auch verschiedenen Interpreten wie Ted Herold […]

  3. […] Hertha (der auch unter dem Pseudonym ‘Felix Prost’ textete), bekannt durch Schlager „Tanze mit mir in den Morgen“, und der Komponist Rolf Arland die Grundzüge von Gerhard Höllerichs alter Ego Roy Black an. […]

  4. […] es ist ein Schlager, wie es schon viele in dieser Reihe gab. Über solche habe ich mich an anderer Stelle ausführlicher aufgeregt, werde es demnächst gewiss wieder tun und entlasse deshalb Euch und mich […]

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