Plattenkritiken


Rezension: Belong – Common Era

Rezension: Belong - Common Era

So bequem das Einbinden von Musik in Webseiten oder auch eine Schnupper-MP3 in Musikblogs heutzutage die erste Eindrucksbildung auch macht, wird es doch immer wieder Werke geben, bei denen sich ein tieferer (Ein-)Blick auszahlt. Hört man nur die ersten fünf Minuten von „Common Era“, könnte man meinen, man habe es mit einer nicht ungewöhnlichen Shoegaze-Band aus der Nachbarschaft von A Place To Bury Strangers zu tun.

„Come See“ eröffnet das Album mit Feedback-Fauchen, an dessen Stelle ein breiter Gitarrenschwall tritt, mit stoischer Rhythmik vorangetragen und einen sanften, sehnsüchtig wirkenden Gesang fast überdeckend. Doch derart klare Songstrukturen und -elemente stellen für Belong kaum betretenes Neuland dar und sind auch auf dem zweiten Album des Duos eher zweitrangige Aspekte, es brilliert vielmehr in dem, was unter seiner dysfunktionalen Pop-Oberfläche geschieht.

Das Gleiche galt schon vor fünf Jahren für ihr großartiges Debütalbum „October Language“, dessen Vollendung gerade noch der Zerstörung ihrer Heimat New Orleans durch Katrina entging. Wie eine Vorahnung vom kommenden Verfall waren die wabernd-noisigen Drones mit heller Spitzenfärbung dort von Brüchen und Imperfektion durchzogen, erweckten den Eindruck einer abgenutzten Platte mit Sprung, voller chaotischer Fransen. Ein – zumindest größtenteils – gesteuertes Chaos, Belong schichten analog wie digital erzeugte und manipulierte Sounds so lange, bis in diesem körnigen Meer so viele subtile Bewegungen zugleich geschehen, dass sich von selbst bezaubernde, unbeabsichtigte Phantommelodien ergeben. Auf der folgenden EP „Colorloss Record“ fügten Belong dieser Rauschmasse überaus intentional Melodiefragmente hinzu, Psych-Popsongs der 60er & 70er (u.a. von Syd Barrett) wurden dort zu unreal wirkenden Andeutungen reduziert, bei denen teilweise nur durch genaues Hören menschliche Stimmen auszumachen waren.

Keine derartigen Zweifel bestehen auf „Common Era“, dem logischen Nachfolgeschritt dieser Entwicklung. Gedämpft wie aus einem Konzertkeller, den man gerade verlassen hat hallt der Gesang in „A Walk“, das stetige Tempo einer zerfransten Drum Machine fordert darunter eine strenge Taktung ein, der weder Stimme noch Drones so ganz gehorchen. Stattdessen überlappen Ausklang und Anschlag der Melodieschritte einander, verschwimmen zu narkotisierender Undeutlichkeit. Umso schmerzhafter wird dadurch der Refrain hinausgezögert, es scheint eine Ewigkeit, bis nach zwei wortlosen Takten der erste und eine weitere Ewigkeit, bis der zweite Teil der titelgebenden Worte ertönt. Auch sie sind nicht immer klar auszumachen, mal sticht nur die scharfe Spitze eines Konsonanten durch, mal wird dieser vom nachhallenden Vokal des Vorwortes verschluckt. Belong variieren außerdem die Lagerung von Stimme und ansonsten monotoniegefährdeten Beats im Mix, „Make Me Return“ stellt klatschende Snares weit nach vorne während im Titelstück lediglich ein leises Pochen im Untergrund die gleichermaßen abgetauchten Vocals begleitet.

Doch die volle emotionale Last tragen ohnehin die oft unüberschaubaren Geräuschschichten, an deren Rändern einen noch die kleinste Bewegung mit enormer Wirkung erwischen kann, kaputte Schönheit die berauscht. Es mag angesichts der Songelemente anfangs gegen feste Pophörinstinkte verstoßen, aber dies ist Musik zum sich-drin-Verlieren, sie ist im ursprünglichsten Sinne des Wortes subtil: Der Begriff leitet sich im Lateinischen von “subtextilis” her – “unter dem Gewebe”.

Wertung: 83

Label:  Kranky

Referenzen: Telefon Tel Aviv, Sail A Whale, Rangers, Fennesz, Deerhunter, Blank Dogs

Links: Homepage | Soundcloud | Label

VÖ: 25.03.2011


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