Konzertbericht: Wildbirds & Peacedrums im Berliner Babylon

Die Körperhaltung hat einen großen Einfluss darauf, wie konzentriert etwas wahrgenommen wird. Deswegen sitzt die Gemeinde während der Lesung aus dem Evangelium. Wildbirds & Peacedrums machen an diesem Abend aus dem Kinosaal des Babylon in Berlin-Mitte einen sakralen Raum und zertrümmern das Inventar.

Samt an den Wänden und auf dem Boden und auf den Sitzen und die Jacke meiner Sitznachbarin ist aus Samt. Das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz ist so ein Kino, in dem der Schall in den Wänden versinken müsste, eigentlich. Vor und nach der Vorband bleibt viel Zeit den Raum, den Bühnenaufbau und das Instrumentarium genau zu betrachten. Ein martialisch wirkender Schlagzeugaufbau rechts mit zwei Bassdrums und eine Steelpan links dominieren den von Samtvorhängen eingerahmten Bühnenraum.

Mariam Wallentin und Andreas Werliik spielen anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums „Rivers“ ihr einziges Deutschlandkonzert am 07. Oktober. Unterstützt werden Sie dabei von dem Schola Cantorum Reykjavík Chamber Choir. Die Arrangements schrieb múms Hildur Guðnadóttir und aufgenommen wurden die Songs in Island; laut Wallentin war die Natur dort einer der größten Einflüsse auf ihr Songwriting. Und wie immer, kann man den roten Faden weiter ziehen zu Björk – die hat nämlich auf „Medulla“ mit eben jenem Chor zusammengearbeitet. Allen Interessierten sei an dieser Stelle Wildbirds & Peacdrums‘ Liveinterpretation von Björks Human Behaviour“ empfohlen.

Die ersten zwei Songs spielen Wallentin und Werliik noch alleine, dann betritt der Chor in einer zeremoniellen Geste die Bühne und setzt an zu „Bleed Like There Was No Other Flood“. Wallentins Stimme und die acht anderen erzeugen einen unglaublich beeindruckenden, den Saal füllenden und definierenden Klang und loten dabei den Raum zwischen Pop und klassischem Chorsatz aus. Die Chormitglieder tragen alle lange, graue Gewänder und ein sonnenförmiges Amulett um den Hals, was die Reihe hinter mir sehr amüsiert. Dabei wirkt das ganze Konzert, die ganze Inszenierung so fragil und dabei so überzeugt, so gewalttätig und laut, dass man vor Ehrfurcht erstarrt.

Anders als auf den Alben, wo sich filigrane Klänge erst ihren Weg in den Raum des Songs suchen, leben die auf der Bühne vor allem durch eine unglaubliche Präsenz. Das ist vor allem die Präsenz von Mariam Wallentin (in einem Cape und blauen, glitzernden Leggins, barfuss): zuerst ihre Stimme, dann ihr Körper. Beides verausgabt sie bei jedem Song so, dass es verwundert, wie sie es später zu zwei Zugaben auf die Bühne schaffen. Sie nimmt jeden Rhythmus auf, tanzt, steigert sich in den Beat und wirft die Arme in Richtung Decke, um sie dann nach vorne zu öffnen und – die Handflächen nach oben – von sich zu strecken. Wenn sie auf der im blauen Bühnenlicht schimmernden Steel Pan spielt, dann macht sie das mit einer eigenartigen Vorsicht. Ihre Stimme hält dabei die manchmal nur aus Schlagzeug und Gesang bestehenden Songs zusammen – sie läuft in jeden Spalt und jede Ritze des Songs und klebt wie Honig. Phrasen, Textzeilen werden wiederholt und mantraartig in die Höhe geschraubt. „Don’t make me slip and loose that feeling, of a few seconds immortality“. Zumindest für diese eine Stunde in einem roten Kinosessel

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