Wohl kaum eine Band, kaum ein Künstler ließe sich ähnlich stark mit der zugegebenermaßen noch recht kurzen Geschichte unseres kleinen Fanzines assoziieren als die beiden DIY-Noise-Berserker von No Age. Waren es anno dazumal, vor rund zwei Jahren, doch die Konzerte von Randy Randall und Dean Spunt, wo sich ein kleiner Kern der Redaktion zum ersten mal zusammenfand. So wurde dann auch das zu dieser Zeit erschienene Zweitwerk der Band auf diesen Seiten gebührend abgefeiert und in die oberen Regionen der Jahrescharts gehievt. Ich für meinen Teil konnte damals leider nie so ganz mitgehen. No Ages berstende Liveenergie wollte für meine Begriffe einfach nicht auf Tonträger überspringen, die viel beschworenen Melodien hinter der Noiseoberfläche blieben mir leider verborgen.

Nun also, wo die Auftouren-Redaktion um ein Vielfaches gewachsen ist, die Geschmäcker differenzierter und die Rezensionen strenger geworden sind, diskutiert man im internen Redaktionsforum angesichts des neuesten Streiches „Everything in Between“ schon über die schleichende Zahmer- und Zahnloswerdung der Band. Mich dagegen trifft das neue Album in all seiner immer noch vorhandenen Wucht als die vielleicht positivste Überraschung des Jahres.

Das hat allerdings weniger mit den hier neuerdings verwendeten Tape-Loops zu tun, die man sich bei den Idolen von Mission Of Burma abgeschaut hat, sondern vielmehr damit, dass sich durch die von anderen so enttäuschend aufgenommene zaghafte Drosselung und Entzerrung des Sounds für mich auf einmal Freiräume und Atempausen auftun, die die Songs hinter dem hochenergetischen Rauschen nicht mehr nur als schemenhafte Umrisse erkennen lassen. Dabei machen die beiden eigentlich nicht viel anders als bisher. Auf das sich markant und etwas staksig auf einem simplen Gitarrenmotiv aufbauende „Life Prowler“ folgen direkt drei klassische No-Age-Hits. Im ersten, dem noch etwas Starthilfe benötigenden „Glitter“ wird das Gas-, Pardon: Reverb-Pedal, noch bis kurz vorm Kollaps gequält, bevor dann in „Fever Dreaming“ und „Depletion“ endgültig alle selbstauferlegten Tempolimits über Bord geschmissen werden, bis Dean Spunts eh nicht gerade übermächtige, nunja, Gesangsstimme komplett im Dröhnen der rücksichtslos voranpreschenden Gitarre unterzugehen droht.

Erst langsam offenbaren sich die Neuerungen, die „Everything In Between“ zu bieten hat. In „Skinned“ wird eine ambiente Verschnaufpause eingelegt, die sich immer wieder im Rattern der eingangs erwähnten Tapespuren verhaspelt. Es folgen Übungen in atmosphärischem Hall, psychedelischem Pop und schnoddrigem Punk, die aber, anders als zuvor, fast immer über die bloße Skizze hinausgehen und so zum Beispiel im vielleicht süßlichsten und schönsten No-Age-Song bis dato enden: „Valley Hump Crash“ hätte jedenfalls so oder so ähnlich auch auf der aktuellen Deerhunter sein verdientes Plätzchen gefunden und beweist, dass man eventuell auch in Sachen Songwriting einiges dazu gelernt hat. Die größte Überraschung des Album stellt jedoch „Postive Amputation“ dar. Eigentlich nur als ambientes Interlude gedacht, gemahnt es mit seinen voluminösen Gitarrenfeedback und dem zaghaften Klavier sogar kurz an pompösen Postrock der Marke Mogwai, bevor No Age auch dieses Denkmal mit Hilfe von „Shed And Transcend“, dem mit Abstand garstigsten Punkbrett der Platte, gehörig zu Asche kloppen. Die Bändigung ihrer Energien, der gelegentliche Wechsel zwischen Vollgas und Atempause macht diese Band nur noch unberechenbarer.

83

Label: Sub Pop / Cargo

Referenzen: Hüsker Dü, Mission Of Burma, Sonic Youth, My Bloody Valentine, Deerhunter, Times New Viking, Wavves, Japandroids

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 01.10.2010

3 Kommentare zu “Rezension: No Age – Everything In Between”

  1. Pascal sagt:

    Sehr schöne, zu jeder Zeit nachvollziehbare Rezi, Basti.

    Ich mag das Album auch gerne, vermisse aber an manchen Stellen diesen eigentlich typischen No-Age-Songaufbau, bei dem sich die Spannung fast linear steigert und das Stück erst im letzten Viertel in furioser Ekstase endet. Ansonsten: Gutes Album.

  2. […] am Schlagzeug. Aber auch inzwischen etablierte Künstler wie Ariel Pink oder Times New Viking, No Age oder Deerhunter machten auf ihrem Weg in die größeren Konzerthallen hier Station und spielten auf […]

  3. […] ist nicht so, als wären No Age seit „Everything In Between“ unproduktiv gewesen. Neben Kollaborationen wie der vierzigminütigen „Collage Culture“ […]

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