Musikfreund Haldern: "Let’s play a real game, dudes"

Das Haldern Pop 2010 begann wie jedes Jahr: Wir sind falsch abgebogen – es ist wie verhext. Doch während wir dieses Mal auf wundersame Weise noch wenden konnten und schnell zurück auf die richtige Spur fanden, meinte man es mit unserem Sauerländer, in Fachkreisen sogar als Navigator bekannt, der sich mit grünen Wiesen, huckeligen Feldwegen und Strecken blockierenden Gülletransportern bestens auskennt, dieses Jahr nicht so gut. Er musste aufgrund einmaligen Falschabbiegens den kleinen Umweg über die Niederlande machen und traf somit leicht verspätet, dafür aber mit sichtlich geröteten Wangen ein.

Aber auch dem sehr geschätzten Kollegen vom wohlbekannten Dortmunder Musikmagazin sollte es kaum besser ergehen, auch er verfranste sich zusehends in grüner Idylle und traf so mit reichlich Verspätung ein. Überhaupt war es vielleicht nicht unbedingt sein Tag: Wegen Beach House und Cymbals Eat Guitars angereist, sollte er letztere aufgrund einer Änderung im Timetable verpassen. Aber auch das anschließend geplante Runterspülen an der Theke gelang nicht, weil der Wertmarkenkauf vorher geschwänzt wurde und die Schlange gerade wenig einladende Dimensionen annahm. Naja, und als er sich dann zum Pressezelt schleppen wollte, wurde uns freundlich mitgeteilt, dass für heute Schluss sei. „6-„, so sein impulsives, verfrühtes Urteil. Irgendwie aber nahm er all dies doch mit sympathischem Humor, wohlwissend, dass die nächsten beiden Tage ihn dafür locker entschädigen würden. Und wer in sein Gesicht gucken konnte, als nach den Villagers auch Bear In Heaven (für viele von uns die Gewinner dieses Festivals!) gerade ein riesiges, hypnotisierendes Set spielten, der wusste, dass er im Nachhinein über den Donnerstagabend gut lachen würde.

Zumindest leicht grinsen musste ich auch, direkt beim ersten Gang über den Zeltplatz, kurz bevor wir die Kollegen aus dem Süden und deren an den Autoreifen festgekettetes Zelt inspizieren wollten: Als ich bei herrlichem Sonnenschein in Richtung Spiegelzelt lief, hörte ich hinter mir ein leises, seltsames Stöhnen. Kurz den Kopf gedreht, blickte mich ein zierliches, sichtlich gequältes Mädel an. Auf einmal rutschte es mir raus: „So nötig?“ Ihre reichlich schüchterne Antwort „Ui, hört man das?“ und einem Blick, als sei ihr das gerade furchtbar peinlich, folgte der Spurt auf die Dixies. Aber wie! Sie riss mit aller Vehemenz an den Türöffnern und nachdem sie viermal in ihrer Hektik übersehen haben musste, dass der rote Punkt an der Tür eindeutig verrat, dass die Tür verriegelt war, hatte sie beim fünften endlich ihr Glück gefunden und stürzte hinein. Das war so um 14 Uhr, ca. zwei, drei Stunden nachdem der Zeltplatz geöffnet wurde. Ja ja, die Haldern-Luft: Vielleicht hätte mich dieser Anblick an einem anderen Ort stutzig gemacht, hier fand ich es einfach nur total sympathisch.

Wirklich Sympathien schien der vom Kollegen Markus gern liebevoll als Mowgli bezeichnete Anand von Yeasayer für das deutsche Volk nicht unbedingt übrig zu haben. Als dieser zusammen mit dem Mischer das AUFTOUREN-Doppel zum ersten Spiel herausforderte, war seine Miene noch klar und friedlich. Doch schon wenig später, nach einem weiteren Vollspannschuss an ihren linken Innenpfosten sollte sich für ihn bestätigen: Alles was die Deutschen können ist schießen. Als ihn dann auch noch von allen Seiten nervige Fliegen am Abwehrversuch hinderten, war alles zu spät: „These fucking German flies are attaching us“. Von nun an war der Bann gebrochen. Vermutlich mit dem Willen, unser gerade gut aufgelegtes Team abzulenken, gab es in der nächsten knappen Stunde eine rare Geschichtslektion: Blitzkrieg, Hitler-Putsch, 33% Stimmenanteil – man muss ihm lassen, er kniete sich mächtig rein. Doch als auch das alles nichts nutzte, griff er kurzerhand in seine Hosentaschen, krallte sich all sein Kleingeld, knallte es auf den Tisch und sah uns herausfordernd an: „C’mon, now let’s play a real game, dudes.“ Fast hätten sie es geschafft, doch auch mit einer 9:7 Führung im Rücken und somit drei aufeinanderfolgenden Matchbällen konnten die beiden das Spiel nicht nach Hause fahren. Dann ging es ab zum Interview, nicht ohne eine kleine letzte Androhung: „See you later. You know where we are.“

Ob der nette Intro-Redakteur vom Meet&Greet-Stand dies die ganze Zeit wusste oder sich nicht doch zwischenzeitlich im falschen Film wähnte? Es waren nur knapp fünf Minuten, ein lockeres Interview mit einer recht hübschen Dame namens Sophie Hunger. Hier ein paar Auszüge, angefangen mit der Einstiegsfrage: „Was ist es für ein Gefühl, auf so einem geilen Festival spielen zu können?“ Kurze Stille. Dann schaute sie, das Gähnen unterdrückend, auf: „Was heißt geil auf Deutsch?“ Zwei längere Fragen und wortkarge Antworten später: „Du bist Musikerin und Schauspielerin. Wo genau liegen die Unterschiede? Welche Parallelen gibt es?“ Dieses Mal ein ziemlich ernster Blick: „Ich bin weder noch.“ Aber er gab nicht auf, „Hast Du eine Erklärung dafür, warum so viele männliche Akteure in der Musikjournalismusbranche vertreten sind? Wäre es nicht viel schöner, wenn wir mehr Frauen begrüßen könnten?“ Hätte er diese Frage mal besser nicht gestellt, wird er vermutlich in diesem Moment gedacht haben. Die Schweizerin nahm die Vorlage dankend an: „Warum?“ Die Gäste jedenfalls amüsierten sich und während der in diesem Moment wirklich nicht zu beneidende Intro-Redakteur noch versuchte, sich aus der brenzlichen Situation heraus zu manövrieren, war das Spiel längst gelaufen. „Da kommste nicht mehr raus“ schallte es aus der Reihe der gut 40 Zuhörer. „Eines noch“, gab uns die gute Hunger zum Schluss mit auf den Weg: „Entschuldigung für die Sonnenbrille. Aber ich hatte gestern Abend eine Schlägerei.“ Warum? – fragte dieses Mal der Interviewer, doch Sophie hatte sich längst an den diebisch schmunzelnden Gästen ins Freie gemogelt.

Man könnte an dieser Stelle auch noch ausführlicher auf die Nachbarn eingehen, die sich mit lauten Songs von Unheilig oder Lena selbstbewusst in den Vordergrund sangen. Auch die Jungs fünfzig Meter weiter, die ihr Zelt aus Sicherheitsgründen mit einem Zaun umspannten und diesen aus Angst vor betrunkenen „Pissern“ gar unter Strom gesetzt haben, wären eine Geschichte wert gewesen. Stimmt, der begeisterte WDR4-Hörer im Muskelshirt wollte auch noch erwähnt werden, nachdem er mir engagiert erzählte, dass eine Band namens Fettes Brot nach ihrem unangekündigten Spiegelzelt-Auftritt vor zwei Jahren so einen Bekanntheitsgrad erreicht habe, dass sie in der Folge sogar auf der großen Bühne spielen durfte.

Es waren wieder einmal diese kleinen Geschichten, die dieses Festival so liebenswert machen. Und wer die Entwicklung des Haldern Pop betrachtet, allen voran die Haldern Pop Bar, die in den nächsten Monaten u.a. die Türe für die riesigen Bar-Punker Titus Andronicus (an welchen Ort hätte diese Band besser gepasst?) oder The Morning Benders öffnen wird, der weiß, dass das Team mit all seinen zahlreichen freiwilligen Helfern noch eine Menge vorhat. Ein Besuch lohnt sich. Zu jeder Zeit.

3 Kommentare zu “Musikfreund Haldern: „Let’s play a real game, dudes“”

  1. dominik sagt:

    @pascal
    du sprichst mir aus der seele. war wiedermal ein sehr schönes festival. ich hoffe mal das das line-up nächstes jahr auch wieder so toll ist, dann bin ich auf jeden fall wieder am start ;)

    „Zumindest leicht grinsen musste ich auch, direkt beim ersten Gang über den Zeltplatz, kurz bevor wir die Kollegen aus dem Süden und deren an den Autoreifen festgekettetes Zelt inspizieren wollten:“

    diese typen kenne ich doch.. ;)

  2. Pascal Weiß sagt:

    Morgen Abend stehen um 20 Uhr in der Haldern Pop Bar nochmals 178 Festivaltickets zum Verkauf für jeweils 82,50 Euro. Ab 18 Uhr ist Einlass. Das dürfte dann wohl die letzte Chance sein;)

  3. […] Sophie Hunger – The Danger Of Light (180g Vinyl) – die Gute ist übrigens in Kürze hierzulande auf Tour, mit ähnlich begeisternder Rhetorik wie beim Haldern Pop 2010? […]

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