Arandel: Auf den Spuren der Ahnen

Im Vergleich zu anderen Subkulturen spielen Faktoren wie Identität und Persönlichkeit bei elektronischer Musik häufig eine eher untergeordnete Rolle. Nicht nur, dass der DJ mehr Dienstleister denn Star ist, auch der Produzent lässt oft lieber die Ergebnisse seiner Arbeit für sich sprechen. Eine exaltierte Persönlichkeit könnte schließlich vom wesentlichen ablenken und tut sowieso nicht viel zur Sache. So hält es auch die anonyme Person hinter dem Projekt Arandel. Das französische Label Infiné  (Aufgang, Danton Eeprom) verrät weder Name noch Herkunft und auch das Alter bleibt ungewiss. Spekulationen über das Kalkül solcher Konzepte können getrost übersprungen werden, denn die Musik erzählt hier wirklich ihre ganz eigene Geschichte. Dass solche Ideen nach Redshape, Burial und Co mittlerweile recht abgenutzt sind, sei daher verziehen.

Der Albumtitel „In D“ nimmt die großen Gesten bereits voraus, verweist er doch auf niemand geringeren als den New Yorker Minimal Komponisten Terry Riley und sein stilprägendes Stück „In C“. So wie „In C“ den Improvisationen der ausführenden Musiker unterliegt, lässt Arandel ebenfalls gerne den Zufall regieren. Dabei verzichtet er komplett auf Presets, Library-Sounds und Samples – es werden ausschließlich selbst eingespielte Klänge verwendet. Synthesizer und Drumcomputer werden als Klangquellen zwar nicht ausgeschlossen, halten sich aber meist dezent im Hintergrund. Analoges und Digitales befinden sich so in einem fein austarierten Gleichgewicht. In den meisten Fällen sind die charakteristischen Klänge der legendären Roland-Drumcomputer zu hören, die hier aber noch mal einen ganz eigenen Reiz entfalten.

Der im Albumtitel hergestellte Bezug zur Minimal Musik schlägt sich am auffälligsten auf dem Stück „#10“ nieder. Schlafwandlerische Mollakkorde schleppen sich begleitet von rückwärts laufenden Samples und Field-Recordings durch den Raum und erzeugen eine seltsam diffuse Atmosphäre. Einen Titel später werden weitere Assoziationen zu einem großen Minimal-Komponisten geweckt: Die repetitiven und komplex geschachtelten Glöckchen-Patterns von „#8“ weisen deutliche Parallelen zu Steve Reichs „Music For 18 Musicians“ auf. Es scheint, als würde Arandel bewusst an den Wurzeln elektronischer Musik ansetzen um neue Wege beschreiten zu können, allerdings bleibt er dabei von Zeit zu Zeit im Schatten der selbst erwählten Vorbilder stehen. Da dies jedoch nur eine Seite von vielen ist, fällt dieser Wermutstropfen nicht weiter ins Gewicht. Besonders mit den technoideren Tracks beweist der Anonymus Talent und Fingerspitzengefühl. „In D“ besticht durch ein breites Spektrum an Einflüssen, die stilbewusst zusammen geführt wurden und Freunde des sogenannten „Autoren-Technos“ durchaus überzeugen dürfte.

"In D" erscheint am 28.06. digital und am 02.07. auf CD

Link: Infiné

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