Wer bloß ist dieser Hans Unstern? Eine Frage, die sich wohl vielen stellte, als sie im Laufe des letzten Jahres über seinen so wundersamen wie traumhaft schönen Song „Paris“ samt des dazugehörigen Trickfilms stolperten. Ein liedgewordenes Rätsel, das stakkatohaften Gesang, leiernde Orgel, Xylophon und lyrisch ambitionierte aber dennoch sperrige Textkonstruktionen voller vager, romantisierender Erinnerungen zu einem vier Minuten währenden Moment zusammenfasste, der aufhorchen ließ, den man so noch nicht gehört hatte in dieser Form, in dieser Sprache.

Das Debütalbum des Mannes mit dem seltsamen Künstlernamen – der sich mittlerweile grob dem Umfeld von Ja, Panik zurechnen ließ – hinterlässt, anstatt das Geheimnis um seine Person, seine Musik auch nur einen Spalt weit zu lüften mit jedem Lied mehr Rätsel als man jemals hoffte, gelöst zu bekommen. „Kratz Dich raus“ lässt einem vage Referenzen durch den Kopf schießen und ob ihrer Absurdität sogleich wieder verwerfen. Haben die Einstürzenden Neubauten hier ihr introspektives Album zusammen mit Element Of Crime aufgenommen? Ist das etwa die deutsche, vielmehr europäische Version von Weird Folk? Der bärtige Zausel auf dem Cover, Hans Unstern selbst, ließe diese Vermutung nahe liegen.

„Mein Leben hangelt sich an Autobahnen entlang / Automobile hasse ich mehr als alles / Werd mir einen Zebrastreifen malen“,  das Eröffnungsstück „Anglet“ erinnert erstaunlich an „Mila“, den Opener des vorletzten Albums der Goldenen Zitronen. In beinahe furchteinflößender Manier verspeiht Hans Unstern hier assoziative Gedankenströme über einen löchrigen, lose zusammengeknüpften Teppich aus Klavier und allerhand Geschepper und Gekratz. Im nächsten Stück „Endlos Endlos“ wird es dann versöhnlicher, Melancholie zieht ein. „Oh Matilde, ich hätte gern mit dir getanzt / zu dem Klick und Klack eines Kaugummiautomaten.“ heißt es hier in vertonter Sehnsucht, die sich auch für Anflüge von Kitsch nicht zu schade ist, bevor ein schläfrig summendes Interlude zum bereits bekannten „Paris“ überleitet. In diesem Spannungsfeld zwischen an klassische Chansons erinnernde Romantik und widerborstiger Dissonanz bewegt sich das gesamte Album. Immer wenn man meint, Hans Unstern schlussendlich doch auf irgendetwas festnageln zu können, verschwindet er geschwind durch die nächste Falltür. Während „Flecken“ mit einer lautstark marodierenden, Feedback versprühenden Gitarre aufwühlt und beinahe rockistisch (natürlich im Sonic-Youth-Sinne) wirkt, erinnert „Tief Unter Der Elbe“ mitsamt seiner Mundharmonika an den einsamen Songwriter, den man als unbedarfter Hörer eventuell hinter dieser Platte erwartet hatte.

Unsterns kreative, aber gelegentlich vielleicht doch etwas zu sehr auf „Lyrik“ im feuilletonistisch, bildungsbürgerlichen Sinn gepolte Textschöpfungen dabei mit fade schmeckender Kleinkunst zu vergleichen ist unfair, denn was diese acht Lieder bei all der Funken schlagenden Reibung und hintergründigen Schönheit vor allem ausmacht, ist die Tatsache, dass man nie so genau wissen kann, welches Spiel dieser Typ denn nun spielt während er Witz, Romantik, Melancholie, Wut und Sarkasmus auf engstem Raum miteinander Walzer tanzen lässt. Wer zum Teufel der Kerl nun tatsächlich ist, wird man also auch nach dem Hören von „Kratz Dich raus“ nicht ergründen können. Stattdessen aber wird einem auf der Suche so manch unwirklich glänzendes Wunder geschehen.

80

Label: Nein, Gelassenheit / Staatsakt / Roughtrade

Referenzen: Cocorosie, Die Goldenen Zitronen, Einstürzende Neubauten, Element Of Crime, Blumfeld, Ja, Panik, Jacques Brel

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 16.04.2010

4 Kommentare zu “Rezension: Hans Unstern – Kratz Dich raus”

  1. markus sagt:

    Schmuckes Album, wenngleich auch ein paar Titel zu kurz. Die Interludes und Skizzen weggelassen, dann wäre der Inhalt stimmiger auf eine EP gepresst worden. Dennoch, Opener, Closer und „Fetzen“ sind einige der besten deutschsprachigen Titel des Jahres.

  2. markus sagt:

    „Flecken“ heißt der Titel, nicht „Fetzen“, sorry.

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