„Ys“ war eine Bürde, ein zentnerschwerer Klotz, der sich auf dem Rücken festsetzte und langsam die Luft zum Atmen abschnürte. Was sollte nach diesem Album auch noch kommen? Es schien alles gesagt, hier am Ende der gangbaren musikalischen Straße, wo nun zwischen Schönklang, exaltiertem Songwriting und 32-Mann-Orchesteraccessoire fünf Monolithen stehen, die grenzenlose Bewunderung einforderten und immer noch einfordern. „Ein Wunder“, titelte damals Spiegel Online, die Heiligsprechung durch das Publikum erfolgte postwendend. Zumindest durch die Masse derjenigen, die Joanna Newsoms Stimme nicht als Konfrontationskurs begriffen und sich Zeit nahmen, ihren Exkursionen ins Harfenreich zu folgen, und die dann rasch die Hand am blutenden Herzen hatten. So wunderecht, stilvoll und grundgütig eigen waren diese elfenbeinfarbenen Mini-Epen, die zudem unendlich kostbar und unsterblich schienen.

„Ys“ war eine Sackgasse, der einzige Fluchtweg führt zurück. Wenn das Mehr unmöglich scheint, hilft eben nur der umgekehrte Weg, zurück zur isolierten Kammermusik, die in diesem Falle auch Waldlichtungsmusik benannt werden dürfte. Schließlich liegen ihre Wurzeln in der damals erblühenden amerikanischen Folkszene, dieser medial zusammengruppierten Neo-Hippiebewegung mit all ihre knorrigen Lobliedern auf das Leben in der Natur und dem träumerischen Eskapismus, der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit propagierte und dabei fast religiöse Züge annahm. Dieser Vergleich übersieht indes, dass Joanna Newsoms thematische Palette durchaus vielfältiger war als das, was die geschätzten Kollegen so boten. So war die Kalifornierin zunächst als störrischer Waldschrat verschrien, der mit ungewöhnlicher Harfeninstrumentierung und angestrengt-eigenwilliger Stimme der Popwelt neue Impulse einhauchte. Überhaupt diese Stimme! Diese Koketterie aus kindlicher Naivität und hochtönender Disney-Imitation, die sich quietschend über die Songs walzte und zum Gradmesser über Mögen oder Nichtmögen wurde. Und jetzt? Auf „Have One On Me“ klingt sie gezügelt, fast brav, in der Tendenz folgt dem Organ auch die Musik.

Zerbrechlicher als zuletzt klingen die achtzehn Songs, die auf gleich drei CDs/Vinyls aufgeteilt sind und folgen nur quantitativ dem Dogma der verschwenderischen Fülle. Joanna vertont ihren Rückzug ins Gefühlige, schult sich im Minimalismus und der Leisetreterei, ohne dabei in das Konventionskorsett zurückgefallen, das die Popwelt immer noch trägt. Wer lineare Songs erwartet, der fummele bitte ein wenig an der Radioskala herum, auf diesem Album wird hemmungslos geschlingert und sich permanent verheddert. Und falls sich doch so etwas wie ein Refrain-Surimi einschleicht, dann ist dies eher die Ausnahme der Regel, die sich zwar an schemenhaften Motiven orientiert, ihre Wege aber irgendwo abseits sucht. „Have One On Me“ erfordert damit durchaus ungezählte Hördurchgänge, um wenigstens ein paar Markierungen festzuzurren. Nur so kann man sich späterhin den Details zuwenden, die immer mal wieder, am Wegesrand lose verstreut, für hübsche und ergreifende Momente sorgen: das flirrende Geklimper bei „Go Long“, die süßliche und hoffnungsfrohe Trompeten-Öffnung bei „You And Me, Bess“ oder die herrlich verquere Refrainwerdung bei „Have One On Me“.

Es liegt viel spröde Schönheit in diesem Werk, das durchaus ebenso leidenschaftlich ausgeschmückt ist wie die letzten Alben. Im aufwendig konstruierten Zusammenspiel ist viel Platz zum Klingen und Hören, so manches Arrangement (wie beim herrlichen „Good Intentions Paving Company“) mutet fast luxuriös an, überladen ist keines. Jedoch: Mit dem Verschwinden des Orchesterpomps ist auch ein wenig der Zauber verflogen, der das sagenumwobene „Ys“ noch umgab. Die Kargheit der Lieder eröffnet nun wieder auf andere Art und Weise Raum für Emotionen, die mit traumwandlerischer Sicherheit die Welt vergessen lässt und Momente ins Unendliche zu dehnen vermag. Allerdings manches Mal auch vor zäher Ereignislosigkeit.

In ihren besten Momenten werden kleine Geräusche ganz groß, das Zerren an den Harfensaiten zur spannenden Spielfreude, die Melodie zur Bedeutsamkeit, die mit fast religiösem Eifer die Textstrukturen unterfüttert. Letztere sind auf „Have One On Me“ wichtiger geworden – die Bilder, die sie in ihren Texten entwirft, sind dabei zugleich so streng pastoral wie ein Gemälde der Hudson River School und so urban, luftig und filigran wie eine Zeichnung von Julie Mehretu. Sie sind voll bodenständiger Erdung und Metaphorik, lieben ebenso das Konkrete wie das Abstrakte. Und natürlich lassen sich überall intertextuelle Querverweise, eigene Persönlichkeitsrückstände und die Ausdehnung zum großen Ganzen vermuten, so dass alleine deswegen „Have One On Me“ ein wichtiges Werk ist. 723 wohlgeformte Worte zählt alleine der Titeltrack, verteilt auf elf Minuten Song. Die poetischen Rundungen des Albums sind eine Wucht in der Songwriterwelt und reißen eine Vielzahl Themenkreise an: Verbundenheit! Heimat! Hoffnung! Verantwortung! Religion! Lebenskunst! Herkunft! Ungewissheit! Persönlichkeit! Literatur! Sie vergolden die Tiefgründigkeit einer großen Künstlerseele und bieten Rastplätze auf der Flucht vor der Unbedeutsamkeit.

Nie driftet Joanna dabei allzu sehr ins Gefühlige ab, auch wenn eine gewisse Post-Sakralität in ihrem Meditationsfolk nicht zu leugnen ist. Dazu mimt sie zu überzeugend den klassizistischen Ernst in ihren Songs, der letztlich jedoch über eine Spielzeit von über zwei Stunden zu einem kräftezehrenden Kraftakt wird. So schön viele Beschwörungen sein mögen, so vielschichtig und mehrfach brüchig die kleinen Epen, so liebe- und kunstvoll arrangiert: Aussparungen wären bei diesem ambitionierten und mit einer ganz eigenen Sprache konstruierten Werk sicherlich von Vorteil gewesen, um nach „Ys“ eine weitere Punktlandung zu vollbringen. Keine Frage, „Have One On Me“ ist ein Füllhorn der Möglichkeiten, ein gleißender Ruhepol mit einer eleganten Aura und einer zutiefst eigenen Formsprache, die in ihrer Wichtigkeit auch für zukünftige Musikergenerationen nicht unterschätzt werden sollte. Nur fehlt gegenüber „Ys“ diese unbändige, kindliche Spielfreude und das fulminante Überraschungsmoment, das dem Vorgänger unmittelbar einen Klassikerstatus verlieh und so ergreifend geriet. Das ist in der Konsequenz nur allzu logisch und nicht vermeidbar gewesen. Joanna Newsom hat aus dieser Situation wohl das Beste rausgeholt. Jedoch wiegt manchmal ein Verlust eben schwerer als die Freude über ein weiteres prägendes Werk einer absoluten Ausnahmekünstlerin.

76

Label: Drag City

Referenzen: Marissa Nadler, Sufjan Stevens, Joni Mitchell, Alela Diane, Rufus Wainwright, Bill Callahan, Antony & The Johnsons, Josephine Foster, Scout Niblett, St. Vincent

Links: Homepage

VÖ: 26.02.2010 [3 CD / 3 Vinyl]

3 Kommentare zu “Rezension: Joanna Newsom – Have One On Me”

  1. […] The Drums oder The Soft Pack für durchaus geteilte Meinungen sorgten, war man sich im Falle von Joanna Newsom oder The Knife doch mehrheitlich einig, dass die hohen Erwartungen nicht vollends erfüllt werden […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum