Rezension: Gigi – Maintentant

Rezension: Gigi - MaintentantWie furchtbar schön die Liebe doch ist: das Projekt „Gigi“ besingt die Wonnen und Qualen der Teenager, bevor sie die Welt verändern wollten. Es wird unwahrscheinlich gelitten, gelitten an der Liebe, der Sehnsucht und, vor allen Dingen, der Ignoranz. Weinerlich geht es dabei einzig in den Texten zu, musikalisch führt ein Ensemble wunderhübscher Stimmen durch einen Reigen herrlich farbiger 60s Popsongs, und wenn hier Pop steht, dann geht es auch um POP, nicht um Garage, Psychedelic, Blues, oder Merseybeat, schon gar nicht um verdrogte Jams, nein, hier weint man sich züchtig zum hundertsten mal die Augen aus und träumt einsam vor sich hin.

Voller Mitgefühl für die eigene Person trällern und croonen sich fünfzehn wechselnde SängerInnen vor hübschen Backgroundchören platziert durch fünfzehn Songs voller Bläser und Streicher. Einen ersten Höhepunkt liefert dabei Zac Pennington (Parenthetical Girls) bei „Dreams of Romance“, wenn er mit herrlich androgyner Stimme vorträgt: „I showed up early to your costume party / dressed up like a farrow / I really should have come as Robin Hood / and done myself in with the arrow / cause you never even once looked my way“, geschaukelt von einem schummerigen Bosse Nova und umspült von „Uh-Uhhhh-Uhhhhhh“-Chören geht es hier wehleidig zu wie sonst nur auf dem einsam verbrachten Nachhauseweg nach der Schuldisco, wenn man sich wieder einmal nicht getraut hat, den oder die AngebeteteN anzusprechen. Und wie auch in Erinnerung an solche Momente kann man nicht anders, als zu lächeln, nicht etwa, weil man sich über die damalige Naivität erhaben fühlt, sondern weil die Liebe zu diesen Zeiten viel ergiebiger war. Wer schwärmt, mag sich einsam fühlen, wird aber auch niemals enttäuscht werden, schon gar nicht von der Vergänglichkeit der eigenen Empfindung oder der Erkenntnis, dass zwischen Liebe, Bewunderung und simpler Begierde Unterschiede bestehen, die sich nicht immer sogleich offenbaren, sondern sich verstecken und gegenseitig im Weg stehen, die verblenden, überrumpeln und das Leben als solches zu einer recht komplizierten Angelegenheit machen.

Als Gegenstück zu solcherlei schwerwiegenden Überlegungen mag ein Song wie „Alone At The Pier“ gelten, hier herrschen klare Verhältnisse „Just because it’s spring time / doesn’s mean it’ is I’ll give you everything time“, der Name 96 Tears fällt, die Girls singen über den Offbeat, Handclaps verlocken, das Hallgerät macht seinen Job hervorragend und der Protagonistin wird von allen Freunden geraten, ihn doch endlich zu verlassen, denn nein, er ist nicht gut für sie, wer weiß, vielleicht ist er ein Halbstarker, ein Rocker, und somit wird eine erneute Lobrede auf Phil Spector gehalten, bevor er überhaupt verstorben ist, wobei seine Gefängnisstrafe durchaus als gesellschaftlicher Tod verstanden werden könnte. Ein kurzer Abstecher in die beinahe Gegenwart respektive Zeitlosigkeit wird bei dem ein wenig an The Magnetic Fields erinnernden „One Woman Show“ unternommen, anschließend zerschmelzen Herzen wieder chorweise, und wir dürfen dabei zuhören. „I’m Not Coming Out Tonight“ heißt das Stück, bei dem auch ein wunderbar zugeschnittener Rahmen aus Streichern und Bläsern nicht verhindern kann, dass Emotionen überlaufen. Was bisher noch fehlte, war ein Dialog zwischen Boys und Girls, jetzt gibt’s ihn bei „Some Second Best“, und man weiß gar nicht mehr, wohin mit der Gerührtheit im Angesicht all der Biederkeit. Schließlich sind die Stücke auf „Maintentant” äußerst stark und authentisch in der Ästhetik und Moral der ersten Hälfte der 60er verhaftet, jedoch lassen der immer wiederkehrende Humor in den Texten, die zum Teil schlichtweg bezaubernden Stimmen sowie eine ab und zu aufblitzende Queerness (siehe Penningtons und Palletts Beitrag) vieles vergessen, zumindest dann, wenn man keine musikalische Revolution erwartet und noch nicht völlig verbiestert ist. Doch wer würde schon verbiestert bleiben, wenn Katie Eastburn das Stück „The Marquee“ singt? Es ist regelrecht bestrickend, wenn sich ihre leicht heisere Stimme bei der kleinsten Anstrengung und trotz gleichzeitiger Abwesenheit von Exaltiertheit überschlägt, wie sie die Wörter am Ende der Strophen in sanft verstreichenden Vibratos ausklingen lässt und obendrein noch singt „Just because my heart can’t take it / doesn’t mean you should go out of your way to break it“.

Was sollte danach noch kommen? Ein herrlich treibender Uptempo Song namens „Won’t Someone Tell“, der jeder charaktervollen Tanzveranstaltung, die ohne Röhrenjeans und Menschen, die Kräuterschnaps mit Rotwild im Emblem zu sich nehmen, auskommt, ein lächelndes Publikum bescheren dürfte, sowie das kunstvollste Stück des Albums, „I’ll Quit“, vorgetragen vom bereits erwähnten Owen Pallett. Einmal noch wird verzweifelt vor dem Fenster der Angebeteten rumgeschlichen („Neathe The Streelights“), dann ist eine Dreiviertelstunde vorbei, das Album aus und man selbst versucht zu sagen: Ihr jungen Leute, anstelle die Welt verändern zu wollen, Euch zu verlieben und dann 50 bis 60 Jahre zu leiden, solltet Ihr Euch einmal richtig verlieben, ein wenig leiden und dann in den restlichen 50 oder 60 Jahren die Welt verändern. Popmusik kann Euch dabei helfen.

Wertung: 76

Label: Tomlab

Referenzen: The Crystals, The Ronettes, The Shangri-Las, God Help The Girl, Jens Lekman, The Drifters, El Perro Del Mar, The Divine Comedy, The Magnetic Fields

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 29. 01. 2010

3 Kommentare zu “Rezension: Gigi – Maintentant”

  1. zuerst mochte ich die zerissenheit dieses albums nicht so sehr – ständig andere stimmen, ständig andere instrumentierungen. aber als potpourri funktioniert es dann doch prächtig. definitiv eins der schönsten alben des monats.

    bei den referenzen sollte man unbedingt noch die no kids addieren, aus dessen umfeld dieses gigi-projekt (nicht vom namen abschrecken lassen!) stammt. haben vor zwei jahren auch ein sehr großartig unaufgeregtes pop-album via tomlab veröffentlicht.

  2. Lennart sagt:

    gerade das nicht ganz homogene mag ich hier, da es gut in den idealisierten ästhetischen kontext “bis mitte 60er” passt, schließlich waren alben ja ursprünglich eine zusammenfassung diversen singles, die mit ein paar neuen songs oder auch füllmaterial auf lp-länge gestreckt wurde. etwas davon spürt man auch hier, von strecken kann aber kaum die rede sein. auch für mich eines der schönsten alben des bisherigen jahres (sprich: januar), und mein dank gilt nach wie vor dem menschen, der mich auf diese veröfentlichung hinwies (“markus w.”).
    und die no kids werde ich dann doch noch einmal hören müssen, die sind bei der recherche leidr unter den tisch gefallen, einmal falsch copy + paste gemacht oder so…

  3. Wie es bei all den tollen Leuten zu erwarten war: wirklich wunderschön. Genau mein Ding gerade, hach!

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