Rezension: Midlake – The Courage of Others

Rezension: Midlake - The Courage of Others

Wenige Bands ließen und lassen sich ernsthaft mit Radiohead vergleichen, und nein, auch Coldplay hatten nie wirklich etwas mit ihnen gemein. Als 2007 jedoch die „Milkmaid Grand Army“-EP der texanischen Band Midlake wiederveröffentlicht wurde, war die Überraschung groß, denn der nuschelige, vibrierende Gesang in Gemeinschaft mit unorthodox und gerne alles andere als „natürlich“ klingenden Instrumenten in einer weiträumigen Soundkathedrale mit bröckelnden Fresken schufen eine leicht paranoide Atmosphäre, deren Schönheit hinter den sieben Songs Outtakes aus der OK Computer-Phase der Oxforder vermuten lassen könnte, die jedoch von einer Band stammen, deren 2006 erschienenes Album „The Trials of Van Occupanther“ eher an Fleetwood Mac erinnerte.

Ein Blick in die Diskographie schafft da ein wenig Klarheit: “Milkmaid Grand Army” ist der Erstling Midlakes, insgesamt erschienen zwischen 2001 und 2006 vier EPs und zwei Alben, wobei der erste Longplayer der Band („Banman and Silvercork”, 2004) sich auf einmal an Grandaddy und den Flaming Lips orientierte. Die anschließende Wendung hin zum 70s-Sound des Albums von 2006 ließe sich aufgrund der stets waltenden Konsequenz und Stiltreue nur leidlich aus dem zwischen den Veröffentlichungen liegenden Zeiträumen erklären, hier wiederum hilft eine Betrachtung der Bandbiografie. So erfährt man nämlich, dass sich die Gruppe bereits 1997 während des Jazzstudiums an der University of North Texas kennenlernte. Die Wandlungsfähigkeit der Band mag also eine theoretische Grundlage in musikalischer Bildung besitzen, wobei auch hier wieder Verwunderung angebracht ist, schließlich gelingt es nur wenigen studierten Musikern, wirklich guten Pop zu spielen. Midlake aber sind eine großartige Band, und ihr Können fand bisher stets in Stücken Niederschlag, deren Qualität über jeden Verdacht des Muckertums erhaben war.

Es bedarf also keiner weiteren großen Erklärung um zu verstehen, warum der nerdige Part der musikinteressierten Welt seit der erstmaligen Ankündigung eines vierten Albums 2008 rätselte, welche Richtung nun eingeschlagen werden würde. Im Juni 2009 äußerste sich Sänger Tim Smith dann in einem Interview wie folgt: „The biggest influence on the new music has been bands like Fairport Convention, Steeleye Span, Jimmie Spheeris, Pentangle, Strawbs, The Incredible String Band, Amazing Blondel, Bread Love and Dreams, Black Sabbath, Sandy Denny, Yellow Autumn, Mellow Candle, John Renbourn, and many others. So I guess we got into more of this British folk thing and a ‘fair maiden’ thing as I call it, but I don’t think we really sound like these bands, though there is more than a hint of it on the new album.“, und tatsächlich, „The Courage Of Others“ ist ein Folkalbum britischer Prägung, sogar die im Zitat erwähnte „maiden“ fehlt nicht.

Anzutreffen ist sie bei „Bring Down“, einer Art Update des Radiohead’schen „Exit Music (For A Film)“, ansonsten bleibt sie dem Geschehen fern, und schon gar nicht werden hier liebevolle Zwiegesänge oder Schreit- und Springtänze vollführt. Wir bewegen uns immer noch im Rahmen der Rockmusik, auch, wenn elektrische Gitarren ebenso wie die vormals gerne von der Band benutzten analogen Synthesizer nunmehr sehr selten Verwendung finden. Dafür darf man sich über massenhaft Akustik-Gitarren und wunderschön virtuos verwobenes Fingerpicking freuen, das einen oftmals mehr als dichten Teppich für meist zweistimmigen Gesang bildet, durch den Texte vorgetragen werden, die mit ihrem starken Hang zur Naturlyrik hervorragend zum gelungen Flötengebrauch bei zahlreichen Stücken passen. Einige Menschen nennen so etwas sicherlich Prog-Folk, und vielleicht liegen sie da nicht einmal falsch, denn sämtliche elf Lieder sind ein gutes Stück von dem entfernt, was man in Sachen aktuellem Folk von Bands wie Fleet Foxes oder den Bowerbirds geboten bekommt. Der stilistisch homogene und sehr zurückhaltende Charakter des Albums scheint dem Quintett ein ernsthaftes Anliegen gewesen zu sein und gewinnt seinen Reiz durch ein wunderbar verästeltes Zusammenspiel sämtlicher Instrumente und eine geradezu frostige Leichtigkeit und Frische, die gar nicht erst den Gedanken aufkommen lässt, man habe es hier mir trachtentragenden Romantikern zu tun, die irgendwelche Abenteuer erleben wollen oder zu erleben glauben, wenn sie sich einem idealisierten Bild der vormodernen Epochen hingeben. Auch sind Midlake eine Band aus Texas, und die Geschichte der amerikanischen SiedlerInnen, deren zivilisatorischer Vorteil ein theoretischer war, solange die Natur der neu erschlossenen Gebiete noch nicht kultiviert worden war und die somit Jahreszeiten und Dunkelheit eine Macht in ihrem Leben einräumen mussten, die auf “The Trials Of Van Occupanther” alles durchdrang, ist auch auf „The Courage Of Others“ noch präsent. Europäische Bands, die sich auf Folktraditionen beziehen, erhalten ihren Stoff eher aus dem mythischen Bereich, schließlich kennen sie die Natur in erster Linie als schmückendes Beiwerk ihrer Lebens, dessen Einsamkeit keine tatsächliche, sondern empfundene ist und deren Bilder und Metaphern eine mehr oder minder berechtigte Tradition besitzen, wobei die Motive wenigstens bis zur Epoche der unseligen Romantik oder das 19. Jahrhundert zurückreichen.

Midlake aber entziehen sich Western und Country und somit der Folklore des Staates, in dem sie leben und gebrauchen künstlerische Mittel, die aus Europa stammen, wovon Text und Musik unwahrscheinlich profitieren, denn beide gewinnen dadurch etwas, was bei Folkmusik meist keine Rolle spielt und sogar vermieden werden soll: einen festen Bezug zur Gegenwart, eine Identität, die von den Vortragenden offensichtlich nicht zu trennen ist, da sie mit der Tradition brechen. Wenn man möchte, könnte man „The Courage Of Others“ also auch als unbewussten Seitenhieb auf eine konservative Haltung innerhalb der Popmusik betrachten, die an das „Originale“ und „Ursprüngliche” glaubt, eine Interpretation, die vielleicht etwas hanebüchen anmuten mag, aber veranschaulichen soll, wie anregend dieses etwas schwermütige und durchaus ernsthafte Album sein kann, auf dem Popmusik als das präsentiert wird, was sie tatsächlich ist: eine Kunstform.

Wertung: 83

Label: Cooperative Music

Referenzen: Fleetwood Mac, Fairport Convention, Steeleye Span, Pentangle, The Incredible String Band, Jethro Tull, Amazing Blondel

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 29. 01. 2010

6 Kommentare zu “Rezension: Midlake – The Courage of Others”

  1. Sven sagt:

    Da bin ich ja mal mehr als gespannt. Die “… Van Occupanther” befand ich schon für viel besser als ihr Ruf. Und hoffentlich gibt es da dann auch eine Tour.

  2. Lennart sagt:

    oh, es gibt tatsächlich eine tour… ich bin schon ganz aufgeregt (-:

    03.02.2010 Koeln
    04.02.2010 Hamburg
    09.02.2010 Berlin-Kreuzberg

  3. Pascal Weiß sagt:

    In Köln wäre ich dabei. Noch wer?

  4. Lennart sagt:

    ich bin in hamburg am start.

  5. Oli sagt:

    Ich werde mir Midlake wohl am 07.02. in Stockholm im Debaser ansehen. Mal schauen, ob die Zeit auch noch reicht, um Japandroids einen Tag vorher an gleicher Stelle zu sehen.

  6. Sven sagt:

    Aach, das ist doch Mist! Köln wäre da auch meine Wahl, aber Klausur am nächsten Tag. Es wird nicht gehen. :-(

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