Savoy GrandAccident Book

Genau 1731 Tage, also vier Jahre, acht Monate, drei Wochen und sechs Tage lagen zwischen der Veröffentlichung des letzten Savoy Grand-Albums „People And What They Want“ und dem neuen Werk „Accident Book“. Doch spätestens, wenn die Platte nach der feierlichen Prozedur des Auspackens schlussendlich im Player rotiert, dürfte einem dieser Zeitraum, bei dem man sich bei jeder anderen Band schon Sorgen um deren Auflösung gemacht hätte, bloß vorkommen wie ein weiteres Innehalten zwischen zwei Tönen. Denn diese Pausen sind es letztendlich, was diese Gruppe so unvergleichlich und unverzichtbar macht.

Die Koordinaten haben sich im Laufe der Jahre freilich wenig verschoben. Noch immer loten Graham Langley und die Seinen alle Facetten der Langsamkeit aus, treiben Genrebezeichnungen wie Slowcore oder Sadcore auf die Spitze und bestätigen damit abermals ihren Status als einzig legitime Erben der späten Talk Talk. Würde man wirklich nach Neuerungen auf „Accident Book“ suchen, würde einem vielleicht das Schlagzeugspiel Darren Simpsons auffallen, das diesmal stellenweise tatsächlich so etwas wie Dynamik in die ansonsten starr und anmutig dastehenden Songgebilde Langleys bringt. Vieleicht würde man auch bemerken, dass sich der schon auf „People And What They Want“ zaghaft erkennbare Trend (welch Frevel, dieses Wort in Zusammenhang mit dieser Musik zu denken) zu größerer Zugänglichkeit hier fortsetzt. Doch letztendlich sind das alles nur Randnotizen, denen im Gesamtwerk Savoy Grands kaum größere Bedeutung zukommen dürfte.

Was dieses Album wie auch alle seine Vorgänger wieder einmal auszeichnet, ist die Konsequenz mit der sich die Band vor der Außenwelt verschließt, Aufmerksamkeit und Geduld einfordert und dabei doch immer wieder Türen öffnet, die mal ein etwas schneller gespieltes Trommelmotiv, wie in „Fourcandles“, mal, wie in „Photophobia“, ein vorsichtig angedeuteter und dann natürlich doch nie vollzogener Ausbruch sein können. Savoy Grand reduzieren das Leben, das bei ihnen stets ein unglückliches ist, in ihrer Musik auf das Notwendigste, frieren die Momente ein in minimalistische, präzise gesetzte Szenarien aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, gelegentlich Klavier oder Oboe, dass dabei am Ende Bilder entstehen, wie die verblassenden, unscharfen Fotografien ihrer Coverartworks. Zeit kann in diesem Prozess der Verdichtung keine Rolle spielen. Es zählt lediglich das Ziel: Die zelebrierte Essenz aus reiner Verzweiflung, in der jede Note, jede Pause, jedes Wort um ein Vielfaches seiner eigentlichen Bedeutung hinzugewinnt.

„Up in the morning out in the light / you wo’t remember most of this life / try to hold on / to things that are truth / I’m not a fighter / I won’t fight you“ heißt es in „Day Too Long“, hier hadert niemand mit dem Leben, kämpft nicht, sondern hat sich mit der Vergänglichkeit aller Dinge längst abgefunden. Der Protagonist dieser Lieder ist einer, der sich einsam im Dunkeln seines Zimmers in die schützende Decke einrollt und dabei resignativ durch den Grauschleier der Erinnerung zurückblickt, während draußen und über ihm die Welt zusammenbricht. Dass dieses Meisterwerk der Innerlichkeit ausgerechnet jetzt, zu Beginn der dunkelsten Jahreszeit erscheint, kann man dabei ausnahmsweise mal als perfektes Timing betrachten.

85

Label: Glitterhouse (Indigo)

Referenzen: Talk Talk, Red House Painters, Slint, Robert Wyatt, The White Birch, Low, Codeine, Idaho, Bohren & der Club of Gore

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 27.11.2009

4 Kommentare zu “Rezension: Savoy Grand – Accident Book”

  1. R. sagt:

    auf savoy grand ist verlass. great one. :)

  2. […] die Großartigkeit von Savoy Grands letztem nach schier ewiger Pause erschienenen Album “Accident Book” braucht man eigentlich nicht mehr viele Worte zu verlieren. Passend zum […]

  3. […] Blossom Special sondern auch ihre von AUFTOUREN präsentierte Tour zum aktuellen Album “Accident Book“. Während ihres Auftritts hatten sie zwar nicht nur mit dem Geplapper des nach drei […]

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