Memory TapesSeek Magic

Vielleicht lag es sogar ganz direkt im Interesse der schwedischen Labelbetreiber von Sincerely Yous, die warme Jahreszeit, die sie uns schon mit dem cleveren Easy Listening-Pop von JJ so angenehm wie möglich zu gestalten wussten, noch ein wenig weiter auszudehnen, als sie dieses Album bereits  im Spätsommer in limitierter Auflage veröffentlichten. Vielleicht ist aber auch gerade jetzt genau der richtige Zeitpunkt über diese Platte zu berichten, denn wenn man mit hochgeschlagenem Mantelkragen den Pfützen ausweichend durch die grauen Straßen hastet um noch rechtzeitig vor der pünktlich um 17 Uhr einbrechenden Dunkelheit die schützende Wohnung zu erreichen, ist es doch umso schöner in Erinnerungen an wärmere Zeiten zu schwelgen, wie es der Name dieses Projektes ja ebenfalls nahelegt.

Die groben Koordinaten wären also abgesteckt. Der aus Philadelphia stammende Davye Hawk, der auch unter den Pseudonymen Weird Tapes und Memory Cassettes aktiv ist und über den man sich in den einschlägigen Blogs gerne erzählt, dass er nichtmal ein Telefon besitzt, bewegt sich im  romantischen bis verkitschten Dreampop-Spannungsfeld irgendwo zwischen Saint Etienne und M83. Wir denken an Teenager-Sommerliebe, vom Stiel auf die Finger tropfendes Wassereis, Giorgio Moroder und fackeldekorierte Strandpartys. La Boum 4, die Fete darf nie zu Ende gehen. Dabei geht Hawk nun aber wesentlich anpackender und weniger „Retro“ vor als seine manchmal arg am Klischee vorbeiarbeitenden Kollegen. Statt nur auf die von Palmen umrahmte Hängematte wird auf  „Seek Magic“ nämlich auch das ein oder andere mal tatsächlich auf die Tanzfläche geschielt, ohne dabei an zuckerwattiger Leichtigkeit zu verlieren. „Bicycle“ etwa entwickelt sich nach verträumten Beginn zu einem echten kleinen Dancepop-Hit mit deutlichen New Order-Anleihen, der geradezu nach Remixarbeiten zu schreien scheint. Noch eindeutiger wird „Graphics“, das mit einer guten Portion Wumms den Frontalangriff auf die New Wave-Tanzkapellen dieser Welt startet, ohne dabei seine mit glitzerndem Sternenstaub bedeckten Dreampop-Wurzeln zu verleugnen. Diese sollen dann im darauffolgenden von einer Shoegazer-Gitarre dominierten „Plain Material“ gleich doppelt zu Ehren kommen, in dem auf herrlich verhuschte Weise den Flaming Lips und My Bloody Valentine gleichzeitig gehuldigt wird.

Dass nach dem danach sanft ausklingenden „Run Out“ und insgesamt acht Tracks schon Schluss sein soll, ist ein kleiner Wermutstropfen unter diesem Album, den auch der auf eine Bonus-CD gebannte, in diesem Kontext irgendwie gewöhnungsbedürftige (und dann doch wieder wunderbar passende) 22 minütige Ambient-Track „Treeship“ nicht wirklich wett machen kann. Zu gerne hätten wir hier noch weiter dem gefrönt, was man zu diesem Album, wie zu wahrscheinlich keinem zweiten in diesem Winter tun kann, vollkommen glücklich und verklärt in Erinnerung zu schwelgen.

75

Label: Acephale / Sincerely Yours / Rough Trade

Referenzen: JJ, Air France, The Tough Alliance, M83, Saint Etienne, Cut Copy, Boards Of Canada, Galaxie 500, The Flaming Lips

Links: Blog, MySpace

VÖ: 28.08.2009 (als Download erhältlich)

5 Kommentare zu “Rezension: Memory Tapes – Seek Magic”

  1. An der Stelle und weil es gerade so schön passt, kann man natürlich auch nochmal auf den Memory Tapes-Remix der neuen Yeasayer-Single hinweisen. Den findet man auf besagtem Blog zum Runterladen.

  2. Meik sagt:

    das erinnert mich daran, dass meine ende august (!!!) vorbestellte lp immer noch nicht da ist. oh man, da gab’s lange pressungs-probleme. sollte aber jetzt mal endlich ankommen. wertung geht okay, wobei „bicycle“ davon sicherlich alleine 30% ausmacht ;)

  3. James sagt:

    „bycycle“ ist wirklich einer der schönsten tracks, die ich je gehört habe :)

  4. dominik sagt:

    großartige Platte! muss auch mal in absehbarer Zeit bestellt werden.
    und ja „Bicycle“ und „Graphics“ stechen schon heraus ;)

  5. Sven sagt:

    Der Part gegen Ende von „Bicycle“, janz groß!

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