Zwanzig Jahre Warp, zwanzig Jahre Taktgeber der Popkultur. Dass sich da einiges angesammelt hat, worüber es zu berichten gälte, ist keine Frage. Die Klassiker von Boards Of Canada wären natürlich dabei oder das psychiatrische Laptopgemetzel von Aphex Twin oder Autechre. Oder auch der Mathrock-Querdenkerrock von den Battles. Weil aber gerade der Ansatz des Londoner Labels das Progressive, das Hochaktuelle ist, schweift AUFTOUREN nicht weit in die Vergangenheit und rekonstruiert die Verhandlungen von Popkultur im Präteritum, sondern stellt euch noch einmal mit einem Schwung die Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre im Schnelldurchlauf vor. Ganz im Geiste des Warp-Labels.

Tyondai Braxton | Central Market (2009)

tyondaiKlavier, Oboe, Streichersektion, dumpfe Blechbläser – der Battles-Frontmann trumpft mit klassischen Genüssen auf. Moderne Klassik, richtig gelesen. Natürlich darf man auch hier zerschossene Prismen erwarten und einen durchaus experimentellen Ansatz, wobei der Orchester-Gestus schon im Vordergrund steht. Aufbrausendes Getöse und sachte Passagen wechseln sich ab. Mit dem ruhelosen und durchtriebenen „Platinum Rows“ steht ein Songmonolith im Zentrum, der hoffentlich nicht den Rest der Popwelt entmutigt, ihre Platten zu veröffentlichen. Verständlich wäre es allerdings. Hören: myspace

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Squarepusher | Solo Electric Bass 1 (2009)

squarepusher-solo1Er denkt in offenen Systemen. Thomas Jenkinson braucht der Welt eigentlich nicht mehr beweisen, welche unkonventionellen Ansätze er zu verfolgen vermag. Dass er aber den Mut hat, ein ganzes Album zu füllen, welches er alleine mit seinem bundlosen E-Bass einspielt, den er auch auf der Bühne als bevorzugtes Instrument neben seinen Laptops benutzt, verdient Respekt. Wer allerdings diese überambitionierten und teilweise schrecklich ziellosen Jams hören soll, weiß er bestimmt selbst nicht. Man muss schon eine besondere Affinität zur grummelnden Gitarre haben, um an dieser technischen Übung Gefallen zu finden. Hören: myspace

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Clark | Totems Flare (2009)

clark2009Zurückhaltung ist keine Stärke von Chris Clark. Mit drängender Gewalt stattet er seine elektronischen Songs aus, in denen er Töne zum Kampf antreten lässt: Gegen sich selbst und gegen den Hörer, der mit einer Vielzahl von Richtungswechseln, knallenden Beatpeitschen und hektischem Gewitter um den Verstand gebracht wird. „Growls Garden“ ist versiert, weil so etwas wie eine bedrohliche Atmosphäre geschaffen wird. Der Rest will spielen – und das leider nicht immer auf die subtilste aller Möglichkeiten und im brachialen Zickzackkurs zwischen IDM, Electronica und Bitpop. Hören: myspace

60

Bibio | Ambivalence Avenue (2009)

bibioIndie, Folk und flatterige Elektronika – so laid back, dass der Himmel von selbst aufreißt. Dabei wirkt dieser Flickenteppich unterschiedlichster Songs und Einflüsse nie zu zerrissen, um den Hörer vor unlösbare Verortungsaufgaben zu stellen. Im Gegenteil: Die behutsame Instrumentierung, der sympathische Charme und die Variabilität sind die Stärken von Bibio, dessen Werk nicht an seiner Ambition scheitert: Da sind selbst HipHop-Beats willkommen, bis auf dem nächsten Track herzerweichend klassischer Songwriterpop dargeboten wird. Der wenig später rückwärts gespielte Bitpop kann da natürlich erst recht nicht mehr irritieren… [Ausführlichere Rezension hier] Hören: myspace

80

Grizzly Bear | Veckatimest (2009)

grizzlyNaturburschen outta Brooklyn – die Illusion einer Posthippiegruppe gelingt keinem Projekt besser als diesem. In den USA hat ihnen dieses Album den endgültigen Durchbruch beschert. Mit naturbelassenem Indiepop und herausragendem Songwriting haben sie sich an vorderste Positionen gekämpft, wenn irgendwo die Schublade New Weird America geöffnet wird. Dabei sind beispielsweise ihre kammermusikartigen Tracks so klar, dass jegliche schnelle Kategorisierung nicht greifen würde. [Ausführlichere Rezension hier]

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