DeastroMoondagger

Randolph Chabot aus Detroit gibt sich nicht mit weniger zufrieden. Alles darf es sein, in großen Portionen in seinen Schlund geschüttet. Synthie-Pop, Indierock, Laptops, Gitarren, Schlagwerk. Seit Jahren läuft sein Verdauungstrakt auf Hochtouren und speit peu à peu breiige Klumpen wieder aus, die als Bedroom-Visionen universellen Charakter haben.

23 Jahre ist dieser junge Amerikaner alt und er klingt auf seinem ersten richtigen Album so frisch und unverbraucht, dass man die Zukunft der Popmusik wieder in Sicherheit wähnt. Denn bei allen Anleihen, Querverweisen und Neukontextualisierungen gerät „Moondagger“ nie in die Fänge der Zitatfalle, ist mit seinem spielerischen Tatendrang eigenständig genug, um alle mögliche Vergleiche mit einem raschen Klingeln der farbenfrohen Synthies hinfortzuwischen.

Unverzüglich macht sich Randolph an die Arbeit, schichtet Klänge zu Wolkenkratzern, nimmt seine Gesänge mit einem Fisher Price-Mikro vom Nebenraum auf, mischt klerikalen Hall dazu und schwülstige Keyboards in den Vordergrund. Das Drumming hat der notorische Einzelgänger dieses Mal einspielen lassen, der Klangentwurf gehört aber ihm ganz alleine, schließlich ist Vertrauen gut, aber Kontrolle besser. Und ein solcher Kontrollfreak wie Randolph liebt diese Allmacht, in der er auch geschickt Referenzen einflicht, denn aktuelle Musik weiß ihn wie kein zweiter zu begeistern. Er liebt Animal Collective. Und Why?. Auf „Green, Grays And Nordics“ ahmt er deren Gesang nach, diese Vollmundigkeit mit der verschleppten Dynamik, die er im Refrain ins vollends Poppige überbricht. Seine Songs sind aber im Gegensatz von denen von Why? weniger ätzend, vielmehr aufkeimend hoffend – von einer gleißenden Hymnenhaftigkeit durchzogen. Und davon gibt es viele: „Moondagger“ beispielsweise oder „Parallelogram“ und das glücklichmachende „Tone Adventure #3“ mit seiner tänzelnden Fröhlichkeit, die nie gespielt oder kitschig wird. Eingängigkeit wird zum Trumpf, wenn sich der Hörer erst einmal durch den klanglichen Wust gearbeitet hat und die Hooklines aus der Überladung befreit hat. Die Melodien unter den vielen klingelnden Texturen, dem wolkigen Ballast, funkeln dann überlebensgroß und letztendlich gewinnt dadurch fast jeder Song eine Qualität, die das bloße Vorbeihorchen nicht entdeckt hätte. Leider nivellieren diese Schichtungen und die unterschiedlichen parallel eingesetzten Effekte und Instrumente sowohl Raumklang als auch Tiefe – eine klare Entfaltung lässt er nicht zu. Es ist ein Album, von Parallelität und Unverzüglichkeit geknechtet, was aber nicht ohne eigenen Reiz gerät.

Der Kunstcharakter ist dabei von Anfang an unbestritten, auch wenn hier nicht diese Art von Kunsthochschul-Attitüde aufgetragen wird, die oftmals als etwas hochnäsig gilt. Randolph Chabot hat eine Vision von Hyper-Pop, die sich zwischen Glückseligkeit und dichter Rhythmik aufschaukelt. Textlich pendelt er zwischen Banalität und Intelligenz, ohne dabei eine Überlegenheit heraushängen zu lassen, die er gewiss der großen Masse der Musikschaffenden gegenüber besitzt. So gerät „Moondagger“ zu einer Platte voll Lebenlust und Cleverness, zum triumphierendsten Indiepop-Debüt des Jahres.

77

Label: Ghostly

Referenzen: Why?, Animal Collective, Caribou, M83, The Rakes, New Order, My Bloody Valentine, Brian Wilson, Patrick Wolf

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 03.07.2009

Ein Kommentar zu “Review: Deastro – Moondagger”

  1. […] all diese Veröffentlichungen sind auch Monate später hochgradig aktuell und empfehlenswert. Das letztjährige Album von Deastro zum Beispiel ist eine rundum verspielte Angelegenheit und verbindet Indiepop mit kruden Tönen aus […]

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