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And finally, here it is! Um den Fanboy-Unkenrufen auf der Gegengeraden von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, sei angemerkt, dass die folgenden Impressionen zu keiner Zeit dem Ziel einer möglichst objektiven Sichtweise unterlagen. Vielmehr sollen sie einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was nicht wenige der Beteiligten als den nachhaltigsten Abend der ersten Jahreshälfte bezeichnen.

Man ist guter Dinge an diesem ersten Sonntag im Mai und voller Vorfreude auf das Warm-Up unter guten Freunden. Noch eben fix zur Tanke, ein paar Six-Packs rankarren, die Jungs sollten schließlich bald eintreffen. Die Wahl fällt auf Beck´s, das den prächtig aufgelegten Kühlschrank für kurze Zeit mit einem aus unerfindlichen Gründen noch vom letzten Male übrig gebliebenen feudalen Tropfen (irgendein „Fels Krone“-Verschnitt) zu teilen bereit ist. Eine illustre Runde, die wenig später zusammen sitzt: Hellblonder Norddeutscher mit skeptischem Blick und sicherem, eingespielten Griff an der Veltins-Flasche neben lockigem Post-Rock-Fanatiker, der wiederum seitlich vom aufstrebendem BWLer in schicker Kleidung Platz nimmt; die Couch daneben teilt sich der Typ „vom Bau“ (der sich heute Abend selbst die stolze 1l-Markierung als Maximalgrenze auferlegt hat und, das sei auch erwähnt, gleich zwei Vengaboys Singles im Keller in seinem doch recht übersichtlichen Sortiment führt) mit dem Diplom-Statistiker in spe (dessen Sammlung wiederum gleich so schwer wiegt, dass sie hin und wieder als ungewollter Wachmacher fungiert). Man versteht sich prächtig, die Chemie stimmt.

Mit dem Auto geht es, größtenteils schon voller jugendlichem Tatendrang, einige Zeit später in Richtung Köln, die serienmäßig eingebauten Lautsprecher machen ihre Sache gut, manch einer wähnt sich schon im falschen Film. Die Angelegenheit entwickelt bereits in diesen Minuten eine positive Eigendynamik, die entgegen sonstiger Denkweise an diesem Abend jede Vorband obsolet erscheinen lässt. So mischt man sich vor dem Eingang freudig unter die Leute, plaudert noch eine Weile und erkennt die Wichtigkeit ausgewogener Nahrungszufuhr. Bestens vorbereitet befindet sich die gesamte Truppe wenig später – noch um eine per Bahn angereiste Dreadlock-Architektin komplettiert – im Luxor. Perfektes Timing; schnell noch zur Theke und dann rein ins Getümmel.

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„She says always remember / Never to trust me / She said that the first night she met me / She said there´s gonna be a time / When I´m gonna have to go / With whoever´s gonna get me the highest!“ Bemerkenswert, die Band findet in Sekundenschnelle ins Spiel. Craig hat seine Funktion längst erkannt, das Publikum streckt die Arme aus. Er ist einer von ihnen, kostet die Nähe mit beinahe kindlicher Naivität aus und lässt sich traditionell zu allen möglichen Mätzchen hinreißen. Dabei stehen die unkoordinierten Bewegungen Finns in völligem Kontrast zu einstudierten Einlagen anderer Musikerkollegen. Es ist der Moment, der gewinnt, die Spontaneität, nicht die Perfektion. Dies sind die Minuten, die Freundschaften zu prägen imstande sind; das Bier in der Linken, den Arm beim Nachbarn an der Schulter.

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Nachdem „Hornets! Hornets! langsam verstummt, läuft der Schweiß bereits über die Wangen. Die erste „Rutsche“ ist auch längst leer, der Nebenmann erweist sich aber als kooperativ, sorgt für Nachschub, während die Band mit dem ultimativen „Boys And Girls“-Hitmix „Stuck Between Stations“ und „Chips Ahoy“ den Abend weiter geschickt in die richtigen Bahnen lenkt und sich – mit Ausnahme des Debüts, das mit „Sweet Payne“ nur einmal vertreten ist und leichtem Übergewicht des letzten Albums – weitgehend gleichberechtigt durch die gesamte Diskographie spielt. Einige Lausebengel wenige Meter links sind jetzt schon soweit, dass sie nur noch unkoordinierte „Stay Positive -Oh Oh Ohs“ herausbekommen und in die Versuchung geraten, Craigs Tanzkünste in ungeahnten Höhen zu imitieren. Für kurze Zeit wird der Blick Finns ernst, ja sowas gibt´s. Und das zeigt Wirkung. Augenscheinlich selbst kurz vorm Koma. Die bösen Blicke sind allerdings nur von recht kurzer Dauer. Gut so, wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

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Die erfahrenen Herren sind auf allen Positionen bestens besetzt, stacheln sich immer wieder gegenseitig an und harmonieren auch nach so zahlreichen Touren prächtig. „It feels good to be back“ erklingt es von der Bühne. Damit wäre im Prinzip alles gesagt. Im weiteren Verlauf spielt sich die Band zusammen mit dem Publikum in – ja, verzeiht den Ausdruck – einen Rausch, haut mit „Constructive Summer“, „Ask Her For Adderall“ oder „Your Little Hoodrat Friend“ einen Gröler nach dem anderen raus, erlöst zum Anfang des letzten Drittels auch die Freaks links und stimmt zum gemeinsamen „Oh Oh Oh“ an. Mit aller Vehemenz werden die Herren nach „Slapped Actress“ auf die Bühne zurückgegrinst, der Fünfer dankt es ihnen mit „First Night“, „Sequestered In Memphis“ und dem Schlussakt „How A Resurrection Really Feels“ und verabschiedet sich mit begeisterten Blicken vom Publikum. Craig holt noch den letzten Schluck aus der Kanne – das war´s. Sämtlich überfordert von all den einprasselnden Emotionen muss einen erst der nette Nachbar darauf hinweisen, dass das Glas – seit Ewigkeiten in vermeintlich ungünstigem Winkel – zwischen den triefenden Pfoten abzurutschen droht. Mit kindlich verschmitztem Grinsen schleudert man nun auch die letzten Tropfen voller Inbrunst in den Nebel des Luxors – was kostet die Welt? Der Nebenmann läuft schon…

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Nachträgliche Anmerkungen:

– Die vom Bauherrn selbst auferlegte 1l-Grenze war etwas schwammig und bezog sich anscheinend ausschließlich auf den Rückweg.
– Der erst mit allerhand Überredungskünsten auf die richtige Bahn geleitete Post-Rocker spricht heute von dem Konzert des Jahres. Und das trotz des Gigs von Mono Wochen zuvor.
– Der BWLer verlässt jetzt bereits vor dem Morgengrauen begehrte Feierlichkeiten, um mit dem Statistiker bei Hold Steady Beschallung sinnlose Runden um Parkplätze zu drehen.

Ganz lieben Dank an dieser Stelle an Philipp Boesel für das Bereitstellen der Bilder. Ein Klick und Ihr seht die gesamte Fotostrecke!

9 Kommentare zu “Rückspiegel: The Hold Steady – Kein Abend wie jeder andere”

  1. Thorben sagt:

    Sehr geiles Konzert, sehr geiler Bericht! Interessant, wie der Bericht einen der schönsten Momente (Konzert) mit einem der emotional und körperlich schmerzhaftesten Momente (Sturz meiner Sammlung) meines Lebens zusammenführt.

  2. Oli sagt:

    Der gepflegte BWLer (Anm. der Redaktion: Einzige Person mit einem Hold Steady-Fan Shirt) drückt sich gepflegter aus: „Der Break-Even-Point war früh überschritten!“

  3. Uli sagt:

    Auch noch erwähnenswert dass sowohl ein Teil des Publikums als auch der Drummer von The Juan Maclean im Anschluss an deren Auftritt 20 Meter weiter im Blue Shell noch rüber ins Luxor sind um das Ende des Hold-Steady-Konzertes mitzubekommen.

  4. Felix sagt:

    Auch heute noch: Alles richtig :)

  5. Marco sagt:

    Bauherr? (schön wärs) Leider nur Bauleiter…
    Aber dieser leitete den Bau am folgenden Tag (aufgrund der Überschreitung der 1l Marke um das approx. 3-4-fache) genauso wenig wie ein Zitronenfalter Zitronen faltet.

    Ich hatte das Glück die Jungs das zweite mal sehen zu dürfen und die Messlatte war dementsprechend verdammt hoch.
    Jedoch war von Abnutzung nichts zu spüren.
    Ein absoluter Riesenspass.

  6. Pascal sagt:

    Hehe, jetzt sind ja bald alle Zeugen zu Wort gekommen;)

    @Uli: Wieviel hast Du denn noch mitbekommen von dem Konzert? Und warst Du wenigstens in der Lage, noch ein klein wenig von der Stimmung „aufzusaugen“?

  7. Uli sagt:

    @Pascal: Ich war kurz vor der Zugabe da, also vielleicht die letzten 15-20 Minuten? Aber da hätte auch eine gereicht, die Stimmung ging sofort über, auch weiter hinten wo gestandene Altrocker ganz verzückt in ihren Lederjacken schwitzten. Ich bedauere meine Wahl an dem Abend zwar nicht, aber wenn ich The Hold Steady nicht vorher schon mal erlebt hätte sähe das sicher anders aus.

  8. […] vom Vorjahr wieder zusammentrifft, ist er sofort Thema, der besagte 03. Mai des letzten Jahres. Ein Abend, der für viele von uns nicht zuletzt durch all die günstigen Begleitumstände als der […]

  9. […] den aufmerksamen Lesern wohl nicht mehr groß zu erklären, alle anderen können sich gerne mit den persönlichen Eindrücken des Konzertes in Köln aus dem letztjährigen Frühling […]

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