Plattenkritiken


Review: St. Vincent – Actor

stbAnd The Oscar Goes To

Immer wieder Björk. Kaum treffen die beiden Attribute weiblich und, nunja, irgendwie abseitig bei einer Musikerin aufeinander, folgen die Vergleiche zur Isländerin (und vielleicht auch noch zu Kate Bush) auf dem Fuß und der so Gebrandmarkten wird es in Zukunft schwer fallen, eigenes Profil in deren übergroßen Schatten zu gewinnen. Was zuletzt schon  bei dem  – bei auftouren leider sträflich unter den Tisch gefallenen – aktuellen Bat For Lashes-Album sauer aufstieß, wird jetzt wohl auch Annie Clarke alias St. Vincent leider nicht vollständig umgehen können. Dabei böten sowohl ihre musikalische Vergangenheit (Mitglied von The Polyphonic Spree, langjährige Gitarristin bei Sufjan Stevens) als auch vor allem die Musik ihres neuen Albums „Actor“ durchaus wesentlich interessantere Ansatzpunkte.

Der größte Einfluss der begeisterten Cineastin war diesmal nämlich die große Welt des Films, wobei sich ihre gletscherseeklare Stimme durch ganze elf Szenen, beziehungsweise Songs, schauspielert und dabei tatsächlich eine mysteriös verschlungene und herrlich ungeradlinige Atmosphäre zu erzeugen vermag, die irgendwo zwischen den  Polen David Lynch und Stanley Kubrick hin- und herpendelt. Schönheit und Unbehagen, eine magische, so selten gehörte Synthese. Wie schon auf ihrem Debütalbum „Marry Me“ zeigt St. Vincent auch auf „Actor“ wieder Mut zum Experiment und verweigert sich einfachen Songstrukturen und musikalischer Eindeutigkeit. Neu ist dabei allerdings der vermehrte Einsatz elektronischer Beats, die, kaum als solche erkennbar, unter anderem dem Opener „The Strangers“ zu seinem sanft stampfenden Fluss verhelfen, während Annie Clarke zu wohlerzogenen Holzbläsern und sich danebenbenehmender Bratz-Gitarre davon singt, das schwarze Loch noch schwärzer zu bemalen.

Als Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Songs dienen dem Album, wie sollte es anders sein, oftmals filmusikartige Passagen. So beginnt beispielsweise „Save Me From What I Want“ mit synthetischem „lynchesk“ beklemmendem Flimmern, das sich langsam zu einer Art Orchesterrauschen steigert, bevor der eigentlich recht ruhige Song dann wirklich startet. „Actor Out Of Work“ ist das wohl hitverdächtigste Stück, dass seine Hymnenhaftigkeit und „Uhuhuh“-Choräle aber immer wieder geschickt durch – ist das wirklich eine Hupe? – und die bereits erwähnte Bratz-Gitarre stört. Diese bekommt nach dem wunderschönen und federleichten „Laughing With A Mouth Of Blood“ auch noch ein drittes mal die Hauptrolle zugewiesen, denn in „Marrow“ sorgt sie neben der verqueren Rhythmik dafür, dass man wahlweise an Industrial oder aber an David Cronenbergs drastischen “Body-Horror” denken muss. Nebenbei ist das Stück der beste Beleg dafür, dass sich Produzent John Congleton in diesem Monat nicht nur für die Qualität des eigenen neuesten Paper Chase-Meilensteins verantwortlich zeichnet.

Danach wird „Actor“ etwas sanfter und besinnt sich mehr auf die Folk-Wurzeln, die ja doch irgendwie immer wieder das Fundament bilden für St Vincents oft ausschweifende Ausflüge. So gemahnt die Ruhe, die Lieder wie „The Party“ und noch viel mehr „Just The Same But Brand New“ ausstrahlen, abschließend noch mal an Darren Aronofskys umstrittenes visuelles Meisterwerk „The Fountain“ und natürlich an niemand Geringeres als die Mutter aller Science Fiction- Filme, „2001 Odyssee im Weltraum“. Niemals hätte ich wohl gedacht, so etwas am Ende einer Rezension mal zu schreiben, aber hier passt es ja nun wirklich: Ganz großes Kino.

8.0 / 10

Label: 4AD / Beggars / Indigo

Referenzen: Blue Velvet, Lost Highway, Naked Lunch, Shining, 2001: Odyssee im Weltraum, The Fountain

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 02.05.2009

3 Kommentare zu “Review: St. Vincent – Actor”

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