dmstithNeulich zum Feierabend Heimstatt-Dokus bei RTL2 geguckt. Obskure Hobbies waren das Thema und Kasimir, der stattliche Nashornkäfer, der Stolz seines Besitzers. Wäre David Michael Stith statt Musiker Terrariumbesitzer, dann bewegte er sich bestimmt auf ähnlich abseitigem Terrain. Denn sein Schaffen mutet ebenso zunächst sonderbar und eigenwillig an, bis man die einzig sinnige Frage stellt: Warum denn eigentlich nicht?

Neue Wege in der Kunst sucht und beschreibt DM Stith auch von Berufs wegen. Denn bevor mit „Heavy Ghost“ sein Debütalbum fertiggestellt wurde, absolvierte er die akademische Karriere zum Kunsttheoretiker mit Bravour. Aber Musik war dennoch jederzeit präsent, stammt er doch aus einer musikalischen Familie, was natürlich erst einmal bis zum Auffinden des Gens für musikalische Begabung nichts heißt. Und dennoch ist das Umfeld für seine künstlerische Sozialisierung mitverantwortlich: Sein Großvater ist emeritierter Musikprof, der Vater Dirigent, die Mutter Pianistin – was wohl ausschließt, dass die Weihnachtsständchen vor dem großen Entblättern der Geschenke weggefallen sind…

Man kann sich gut vorstellen, wie ein karges Songwriter-Kleinod diesem Mann nicht spektakulär erschien und er zunächst mit Handclaps und rumpeligem Schlagwerk ein bisschen Luft zufächerte, im nächsten Schritt in den Gerümpelschuppen ging und mit einer Wagenladung Mobilees, Rasseln und Klimbim zurückkam und einmal alles über seinen Song kleckerte. Schon wurde aus einem Songwriteralbum ein spezielles. Bereits die erste Single „Pity Dance“ ist in seiner wenig redundanten und auffälligen Form mitunter nicht der prädestinierte Singletrack (den wird man hier vergebens suchen), punktet aber mit einem herrlichen und sarkastischen Mord-Video. Und musikalisch stimmt der Track mit seinem gespenstischen Wesen, dem kaputten Fingerpicking, den Zusatzspinnereien und schauerlichen Chorälen auf das ein, was dieses Album von der Masse abhebt: Ideen- und Detailreichtum. Immer ein bisschen neben der Spur, immer ein bisschen mit den Randthemen des musikalischen Straßengrabens beladen, die aber spätestens seit dem großen Hype um New Weird America und der Neupositionierung des Folk-Genres auf den Asphalt gezerrt wurden und heute wie Roadkill schon von einigen Spuren wuchtiger LKW geziert werden. Die LKW heißen im Falle DM Stith zum Beispiel Devendra Banhart, CocoRosie oder Joanna Newsom, deren Elaborate allerdings bisweilen deutlich neben dem Klang liegen, der auf „Heavy Ghost“ geboten wird. Es rumpelt und rumort („Creekmouth“), die Gesänge pendeln zwischen sphärisch und verschleppt und lassen sich nur selten zu so primitiven Genüssen wie Mitsing-Refrains hinreißen, die entsprechend auch nur songauswärts geparkt werden („Thanksgiving Moon“).

Überhaupt passiert hier meist viel mehr als der Anfang eines Songs verspricht. Und sehr viel mehr als das erste Hören offenbart: Das spinnerte Geraschel bei „Spirit Parade“, der flatterige Geigenextrakt bei „Fire Of Birds“ oder das schaurig-schöne Gejammer von „Morning Glory Clouds“. Das Album quillt über vor Zusatzspinnereien, ohne dass es opulent und ausladend wirkt. Vielmehr wird schnell die krumme Innerlichkeit gewahr, die hier exzellent mit der Beiläufigkeit der Ingredienzien korrespondiert. Alles wirkt unfertig, bruchstückhaft und eierförmig. Vielleicht sogar etwas ungelenk und zufällig. Nie war es jedoch spannender, einem musikalischen Findungsprozess so unmittelbar beizuwohnen.

8.3 / 10

Label: Asthmatic Kitty

Referenzen: Devendra Banhart, CocoRosie, Tunng, Dirty Projectors, Danielson, Joanna Newsom

Links: MySpace, Homepage

VÖ: 03.04.2009

3 Kommentare zu “Review: DM Stith – Heavy Ghost”

  1. Pascal sagt:

    @Markus: Vorschlag für eines der nächsten Wochenenden: Wir informieren die üblichen Verdächtigen, planen nen DM Stith Weinabend und gehen dann zu geraumer Zeit „auf die Reise“. Was hältste davon?;)

  2. Pascal sagt:

    8,7 von mir.

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