Plattenkritiken


Review: Onra – 1.0.8 (2009)

onraNatürlich ist es ein höchst abstraktes Vergnügen. Instrumentale HipHop-Schnipsel, Loops, Skits und natürlich: Beats. Nicht erst seit der „Beat Konducta“-Reihe des kongenialen Kollegen Madlib erforschen Beatwissenschaftler die Welt, um sie sich zueigen zu machen. Arnault Bernard alias Onra aus Paris entstammt einer vietnamesischen Familie und hat zuletzt seine Wurzeln erforscht („Chinoiseries“), was nur von Konsequenz zeugt. Denn seine Sampletechnik spielt mit den Vorgaben, mit der Geschichte, mit der Neupositionierung des Vorhandenen. Seine Konstrukte sind nie clean, arbeiten nicht nach den inzwischen muskulös-hochgezüchteten Vorgaben der amerikanischen Mainstream-HipHop-Produktion. Die Entwürfe haben immer ein Pfund Dreck im Gesicht. Und das steht ihnen gut.

Dieses Mal wagt er sich nach Indien vor und nutzt die verbleichenden Skizzen, die Polaroids im Kopf, das Gelernte aus dem Herumprobieren für das spätere Arbeiten in Paris. Das Treibgut der Erinnerung an Bollywood und Co. Zur Vermeidung von Klischees arbeitet er fast ausschließlich mit Details, die sich zunächst gar nicht unbedingt aufdrängen. Hier eine Sitar, dort ein etwas verfremdetet Beat, der seine Odyssee von amerikanischen Produktionen nach Indien in den Arbeiten Onras fortsetzt. Nur beim nervösen Killer „Move“ bricht die indische Seele durch die Oberfläche, bevor sie nach einer Minute schon wieder hinter Mauern versteckt wird und erneut herausgeklingelt werden muss.

Das flatterige „Hit The Bong“ (mit Wasserblubber-Sample), das ironisch übersteigerte „Porn“ im 8-Bit-Gewandt oder die nostalgische Abgeklärtheit von „Come Closer“ lassen sein Gespür für die Rohinstrumentale erkennen, die natürlich auch Sprachsamples enthalten können – eine Spielwiese für Scratches und Cuts. Selbst die Interludes machen Spaß zwischen den meist nur zwei Minuten langen Beatskizzen. Nie wird es entsprechend unübersichtlich. Nie wirken die Arrangements überladen, meist sogar in ihrer Schichtung sowieso nur höchst amüsant. Richtung Trash bewegt sich „1.0.8“ aber dennoch nicht, auch wenn die Abstraktionskraft mancher Samplecollagen die Anlagen dazu hat. Seine Fund- und Bruchstücke strickt Onra geschickt um und erdet sie mit viel organischen Zusätzen. So gewinnt dieses Werk seinen speziellen klanglichen Charme.

Wertung: 74

Label: Favorite

Spieldauer: 29:37 Min

Referenzen: Dilla, Madlib, Byron, Quasimoto, Mandrill, MF Doom

Links: MySpace, reinhören

VÖ: 13. Februar 2009

2 Kommentare zu “Review: Onra – 1.0.8 (2009)”

  1. [...] die quasi im Jahrestakt schon wieder ein neues Werk am Start haben. “Long Distance” von Onra ist besser als alles, was Prince in den letzten Jahren abgeliefert hat und Wolf Gang und Sunday [...]

  2. [...] ersten Blick haben der amerikanische Chillwave-Pionier Washed Out und der französische Beatbastler Onra nicht viel gemeinsam. Der eine produziert ein verrauschtes Amalgam aus Synthpop und Shoegaze, [...]

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