Noch völlig begeistert von der unglaublichen Intimität, die Gravenhursts Nick Talbot erzeugt hat, ging es auf direktem Wege zur Hauptbühne, auf der Okkervil River schon seit einigen Minuten die Menge begeisterten. Da Andi, Richard und ich aber erstmal das Gesehene verarbeiten mussten, setzten wir uns für eine Weile weit abseits von der Masse in den Schatten. Trotz der Entfernung zur Bühne konnte man sich an dem astreinen Sound, dem überaus imponierenden Frontmann Will Sheff und vor allem den Über-Songs „Our Life Is Not A Movie Or Maybe“ oder „John Allyn Smiths Sails“ erfreuen und auch in diesem Fall  von einem absolut gelungenen Auftritt sprechen. Nun war es aber erst einmal an der Zeit, etwas Nahrung aufzunehmen. Und was könnte einen da schon mehr locken als das Angebot von Dirk und Cowboy, eines ihrer für diesen Tag vorgesehenen 16 (!!) Steaks verzehren zu dürfen? Also ging´s zielstrebig in deren Richtung. Einmal dort angekommen, saßen die beiden auch schon völlig faul in ihren mitgebrachten Camping-Stühlen, den Grill in Reichweite und das Bier in der Hand. Hier konnte man sich ja nur wohl fühlen! Außerdem sollte Cowboy noch für reichlich Belustigung sorgen, da der Anblick seiner – aufgrund nur rudimentär vorhandenen Haarpracht – komplett roten Birne schon was ziemlich Spezielles hatte, dass nur noch von dem herrlich kalk-weißen Streifen zu toppen war, der in dem Moment zum Vorschein kam, als er unglücklicherweise die Brille abnehmen wollte. So beschloss ich, Jamie Lidell sausen zu lassen, um dann gemeinsam mit den anderen für Iron & Wine zur Hauptbühne zurückzukehren. Was uns da erwarten sollte, war zumindest zu diesem Zeitpunkt wohl noch keinem so ganz klar…

Die Vorfreude auf die Show von Iron & Wine war zwar groß, aber was Sam Beam, der Kopf der Band, dann direkt zu Beginn zum Besten gab, ließ wohl keinen der Zuschauer unberührt. „Trapeze Swinger“ ist wohl eben genau jener Song, den man nur einmal im Leben schreibt, wenn überhaupt. Und für mich der Song, der mich wohl ewig an dieses Festival erinnern wird. Diese Schönheit und gleichzeitig nahezu lähmende Trauer, die dem Song innewohnt, ließ einen das ganze Drumherum vergessen, von nun an gab es nur noch den vor Ehrfurcht erstarrten Blick in Richtung Sam Beam. Ganz davon ab ist es wirklich erstaunlich, wie Iron & Wine ihren Horizont kontinuierlich erweitert haben und dem Publikum mal äußerst intime – nur von zwei Personen, deren Stimmen und einer Akustik-Gitarre unterstützt – Songs vortragen, um kurz danach von knapp zehn (!!) Personen instrumentiert in diversen Jam-Sessions das genaue Gegenteil ebenso authentisch auf die Bühne zu bringen. Hier ist deutlich zu erkennen, dass eine Band mit der Zeit gereift ist! So stand dann auch Andi – mit völlig zufriedenem Blick – einfach nur da und genoss genau wie Cowboy und Dirk den Moment, während ich kurz zu den ebenfalls sehr begeisterten Richard und Daniel lief, um zumindest kurz die Freude mit ihnen teilen zu können…

Da wir alle gemeinsam auch den anschließenden Auftritt von The National sehen wollten, blieben wir folglich direkt an der Hauptbühne und nutzen die halbe Stunde Bühnenarbeiten für ein erfrischendes Kaltgetränk. Als es dann so weit war, hatte das Licht den Kampf gegen das beginnende Dunkel der Nacht auch schon fast verloren, was den Klängen der Band sicher entgegen kam. Denn, The National bei Sonnenschein (oder einer Party am Strand) sind wirklich nur schwer vorzustellen, oder? Dass sie mich trotzdem nicht recht gepackt haben, kann an vielerlei Dingen liegen, so recht erklären kann ich es mir jedenfalls nicht. Vielleicht fehlte mir in den Emotionen von Sänger Matt Berninger die letzte Überzeugungskraft, da sich das Bild des reifen, Wein trinkenden und in sich gekehrten Mannes mittleren Alters nicht so recht decken wollte mit den plötzlichen Ausrastern, denen es in meinen Augen vielleicht etwas an Authentizität fehlt. Naja, jedenfalls gab es ansonsten sicherlich nicht viel an ihrem Set auszusetzen, der Klang war Klasse, die Show ansonsten sicherlich gut und die Menge aus dem Häuschen. So ist es eben mit der Musik und den subjektiven Eindrücken…Vielleicht habe ich ja auch einfach nur einen Grund gesucht, mich zu verabschieden und Richtung Zelt zu schlendern, wo in etwas mehr als einer halben Stunde der doch verlockende Gig der Gutter Twins auf mich warten sollte. So konnte ich zumindest Andi und Richard für diese Idee begeistern, während die anderen an der Hauptbühne weiterhin gebannt den Klängen von The National lauschten. Nur wusste Richard zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er von den Gutter Twins keine einzige Minute mitbekommen sollte.

Da es ja bekanntermaßen einige Zeit in Anspruch nahm, in das Zelt zu kommen, zahlte es sich doch aus, so früh los gegangen zu sein. Was bisher in diesem Bericht übrigens vollkommen unberücksichtigt blieb, ist Richards sieben Euro teurer selbst ernannter „James Bond“-Rucksack, den er sich extra für solche Festivals besorgt hatte und der den großen Vorteil eines „Geheimfaches“ besaß. So war es Richard vorher schon zig mal gelungen, Getränke mit aufs Gelände bzw. ins Spiegelzelt zu schmuggeln. Dieses Mal aber war es soweit und selbst die genaue, ausführliche Analyse der Security-Fachkräfte konnte ihm in dem Fall nicht helfen, da er nun wohl an eine Art Chef gelang, der beim Anheben des Rucksacks festgestellt haben muss, dass der enthaltene Pullover nicht das Gewicht haben kann, das er anhob. Da half auch Richards Dackelblick nicht mehr aus und so musste er seinen selbst gebastelten Schlauch zurück zum Zelt bringen, um sich dann wieder hinten anzustellen. Naja, wir fanden es ein klein wenig übertrieben, er hatte schließlich kein Messer dabei und hätte zumindest nach Ablegen des Schlauches vorne durchgelassen werden können. Die Schlange vor dem Zelt war aber inzwischen so angewachsen, dass jegliches Anstellen unnötig erschien. Folglich schaute ich mir das Konzert mit Andi allein von der Seite des Zeltes an, wo wir ein – relativ – gemütliches Plätzchen zum Sitzen fanden. Und so bitter das für Richard nun klingen mag, hat er natürlich eines der besten Auftritte des Festivals verpasst. Die Gutter Twins boten eine – wie nicht anders zu erwarten war – hervorragende Show, bei der Sound, Licht und natürlich der Mythos der beiden Protagonisten ähnlich wie beim darauffolgenden Konzert in Bielefeld perfekt harmonierten. Und der Anblick des stoischen Lanegan inmitten eines idyllisches Spiegelzeltes trug seinen Teil zu einer wirklich außergewöhnlichen Atmosphäre bei, die noch dadurch getoppt wurde, dass zwei Meter von mir entfernt ein Kerl mit schulterlangen Haaren wie ein Irrer auf dem Tisch herum hüpfte und das Konzert sicher in vollen Zügen genoss.

Pünktlich zu Scott Matthew sollten wir uns dann aber alle wieder versammelt haben. Da sich langsam aber die Müdigkeit durchzusetzen drohte, versuchten wir dem – teils sitzend – mit ein paar Bier und einer netten Gesprächsrunde entgegenzuwirken. Folglich lief das Konzert ein klein wenig an uns vorbei, als Zugabe hätte uns wohl auch ein Song gereicht. Während nun die Umbauarbeiten für den letzten Auftritt des Festivals begannen, entschieden Richard und ich uns noch dafür, die Chance zu nutzen und recht schwer erhältliche Schallplatten von Olafur Arnalds zu kaufen, bevor dieser dann mit Hilfe einer ganzen „Musikergarde“ für den würdigen Abschluss des Festivals sorgte, dem alle (ausgenommen eines doch recht vorpubertären Sprösslings, der sich einen Spaß daraus machte, alle zwei Minuten dazwischen zu rufen, dass hier nur noch Pussys wären) Zuschauer vom Boden aus gebannt lauschten, schließlich forderte uns der gute Olafur höchstpersönlich dazu auf, uns zu setzen. Es war eben genau die richtige Atmosphäre, um nach einem turbulenten Wochenende wieder „runter“ zu kommen und das Geschehene vor dem geistigen Auge noch einmal ablaufen zu lassen. Drei Uhr muss es dann wohl gewesen sein, als Andi und ich völlig übermüdet am Zelt ankamen, wohl wissend, in wenigen Stunden wieder aufstehen zu müssen, um schön im Regen das Zelt abzubauen. Naja, wenigstens mussten wir uns keinen Wecker stellen, da wir doch recht sanft von den Leuten geweckt wurden, die in unregelmäßigen Abständen ihren Müll in den Container warfen, der sich dann häufig aus den Säcken befreite, um polternd in die Nähe des Zeltes zu fallen. Aber es war jetzt eh längst Zeit zu gehen.

kurzer Bericht beim ARD Morgenmagazin

2 Kommentare zu “Auf Touren: Haldern Pop 2008 – Teil 3”

  1. der_cowboy sagt:

    … ein sehr guter Bericht zu einem sehr guten Wochenende!

    Die Farbe meines Kopfes ist übrigens wieder normal :)

    … und die 16 Steaks … naja, die waren eigentlich fürs ganze Wochenende gedacht. Kann ja keiner ahnen, dass man nicht mal zum Grillen kommt am Freitag …

    Achja… und rudimentär ist natürlich ein toller Ausdruck in diesem fall … :)

  2. Dirk sagt:

    Wie die beiden ersten beiden Teile ist auch dieser Bericht wieder schön geschrieben und gibt die Stimmung eines fantastischen Wochenende sehr gut wieder.

    Für den Freitag hatten wir ja schließlich (waren es 5 oder 6?) „handgroße“ Schnitzel. Diese Hände möchte ich sehen.

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