Plattenkritiken


Review: Fleet Foxes – Fleet Foxes (2008)

Alles wird gut, ganz bestimmt!

Es dauert, wie bei der erst kürzlich erschienenen „Sun Giant EP nur wenige Sekunden und schon ist der Hörer wieder ganz weit weg vom Tagesgeschehen. Die Elfen scheinen nun näher zu sein als die umgekippte Mülltonne vor der Haustür, statt dem Hupen auf der Straße sind nur Pferdekutschen zu hören, die Unwetter gibt es nur alle hundert Jahre und somit redet auch keiner über Erderwärmung und ganz wichtig, Musik ist noch nicht als Klingelton zu haben. Nicht mal als willkürlich zu verändernde Playstation-Version. Nein, im Gegenteil. Musik entsteht hier im Verbund, nur durch liebevolles Miteinander von Menschen, die einfach Freude daran haben, zu singen und zu musizieren. Obwohl das vorangegangene „Sun Giant“, das paradoxerweise später entstanden ist als das Album, eher als Appetithappen für eben jene LP vorgesehen war, erwies es sich doch als höchst eigenständiges Werk, das auch den Vergleich zum Album keineswegs scheuen musste. Songs wie „English House“ oder „Mykonos“ schreibt man nun mal nicht so eben. Zumindest die meisten nicht. Und nicht in dieser Regelmäßigkeit. So verwundert es schon ein wenig, dass auch das Debüt der Band aus Seattle dieses Niveau halten und gleich eine Fülle an Hymnen vorweisen kann. Zu allererst fällt da natürlich „White Winter Hymnal“ auf, das dem Titel zum Trotz für die Wahl zum Sommerhit nominiert ist. Und wer jetzt denkt, das Niveau kann eh nicht gehalten werden, wird von dem unglaublichen „Tiger Mountain Peasant Song“, dessen imposanteste Stelle erst Sekunden vor Schluss in Form eines immer leiser werdenden „lalala“ preisgegeben wird, eines Besseren belehrt. Faszinierend, wie oft auf dieser Platte eine einzige Stimme ausreicht, die den ganzen Raum zu füllen imstande ist und dabei gleichzeitig schlagartig Stimmungen verändert.

Wahrscheinlich ist es wirklich die Zeit, in der wir leben, die diese Band so einzigartig erscheinen lässt. Wo andere versuchen, eine einzige Melodie so lange auszuschlachten bis es für einen Nr.1-Hit im Radio reicht, reihen die Fleet Foxes häufig gleich mehrere aneinander, völlig ungezwungen und doch mit einer Selbstverständlichkeit als wüssten sie eh, dass sie in Zukunft noch so viele tolle Stücke schreiben werden, dass an dieser Stelle aufkommende ökonomische Gedanken sowieso völlig fehl am Platze sind. Auch strahlen die vier Musiker eine Ruhe aus, die der Hektik unserer heutigen Zeit mal so gar nicht entsprechen mag. Naheliegend, dass sich der Hörer bei den Parallelen zu Love, The Zombies oder den Beach Boys am ehesten in die 60er Jahre zurückversetzt fühlt. In eine Zeit, in der es noch aufwärts ging. Aber manchmal, wie oben beschrieben, reicht die Zeitreise sogar noch wesentlich weiter zurück. Das gar überirdische „Your Protector“ lässt keinen Zweifel aufkommen, dass auch die Hobbits wild im Kreis springend mitgesungen hätten. Selbst Gandalf könnte wohl trotz all seines Zaubers nicht widerstehen, würde er zum ersten Mal mit dem Gesang in „Oliver James“ konfrontiert. Es ist die seltene Gabe, die vorhandenen, traditionellen Mittel der Musik zu nutzen, um Ungewöhnliches zu kreieren, dass einen gleichzeitig an die Vergangenheit erinnert und von einer besseren Zukunft träumen lässt. Da verwundert es auch nicht mehr, dass die Fleet Foxes in Musiker-Kreisen inzwischen zu einem der „most talked-about“ Bands emporgestiegen sind. Die Kombination aus Folk, Gospel, Country etc. mag zeitlich so weit weg sein wie es eben geht, dennoch berührt die Band einen so sehr, dass es schwer fallen wird, sich dieser sonderbaren Magie zu entziehen. Auch lassen einen die Lyrics nicht mehr los, in dem Fall aber wohl eher deswegen, weil sie Platz für reichlich viele Interpretationsmöglichkeiten lassen. Dies sei wohl auf eindrucksvollste Weise am Beispiel von „White Winter Hymnal“ festzumachen: „I was following the pack / all swallowed in their coats / with scarves of red tied ’round their throats / to keep their little heads / from fallin’ in the snow / And I turned ’round and there you go / And, Michael, you would fall / and turn the white snow red as strawberries / in the summertime..“ Das Erstaunliche dabei ist, dass selbst solche Textzeilen auf seltsame Weise mitfühlen lassen. Es ist die Hingabe, mit der die Songs vorgetragen werden, die einen glauben lassen, dass es ganz bestimmt wichtig ist, was die Herren um Robin Pecknold mitzuteilen haben.

Aus heutiger Sicht haben die Fleet Foxes eine alte Welt aufleben lassen, sie für kurze Zeit sichtbar gemacht. Wer weiß, ob zukünftig nicht ganz anders über das Werk gesprochen wird und es vielleicht selbst stellvertretend für den Anfang einer neuen Zeitrechnung steht. Möglicherweise tragen die Menschen in Klubs dann wieder Wollpullis und Schlaghosen statt Muskelshirts. Wo das hinführen mag?

8.7 / 10

Spieldauer: 39:22

Label: Sub Pop / Bella Union / Cooperative / Universal

Referenzen: The Zombies, The Beach Boys, Grizzly Bear, Love, Band Of Horses, The Beatles, My Morning Jacket,

Links: Sub Pop , MySpace

: 08.08.2008 (Deutschland)


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